Eng zusammengedrängt in der Schlange stehen. Vorschauen zur Bühne, auf Zehenspitzen. Irgendjemand kippt dir aus Versehen einen Schluck Bier in den Nacken. Der Geschmack von schweißnassen Metaler-Körpern und zur Hälfte fertig gerauchten Zigaretten. Konzert ist Kultur.

Vor einer Woche wurden bei einem Gig von “Eagles of Death Metal“ im Bataclan mindestens 89 Menschen getötet und unzählige weitere verletzt. Donnerstagabend spielt “Bring Me The Horizon“ im Docks, Hamburg. So, als ob nichts wäre. Oder gerade deshalb. Menschen lachen, saufen und rauchen, wie sonst auch. Sie kippen um in der Menge, haben komische Frisuren und mit Löchern durchzogene Oberlippen.

Angst hat man natürlich nicht, die Gedanken werden autogesteuert. Was, wenn. Nein, unwahrscheinlich. Wieso Hamburg? Wenn doch eher Berlin. Kann man das denken, heute, darf man?

Ohne Begrüßung erscheinen die fünf Briten auf der Bühne des Docks. Dunkel drückt der Bass des elektronisch knarzenden Intros auf die Ohren. Dann greift der Sänger nach dem Mikroständer und beginnt das Konzert mit “Doomed“, dem ersten Titel der im September erschienenen Platte der Band.

Das Konzert beginnt, und wenige Sekunden später bewegt sich die dicht aneinander gedrückte Menge mal langsam zu ruhigen Songs, mal spastisch zuckend zu harten Break-Downs und Gitarrengeschredder. Sie bringen viele Songs des neuen Albums “That’s the Spirit“ das stilistisch so nah am Mainstream orientiert ist wie keines zuvor. Nach neun Jahren klingt die Band weicher, freundlicher.

Es zeigt nur noch wenige Metal-Elemente, setzt deutlich auf Rock-Melodien und ist durchzogen von elektronischem Sound. Viele ältere Fans stört das sehr. Sie wünschen sich in die Zeit zurück, in denen ihre Stilvorbilder knallharten Metal-Core spielten und zärter besaiteten Gemütern mit ihrer Musik die Zehennägel nach oben drückten.

Die Band um den mittlerweile auf die 30 zugehenden Berufsemo Oliver “Oli“ Sykes ist einem noch aus der Zeit bekannt, als man knallgrüne Drop Dead T-Shirts für eine modische Glanzleistung hielt. Wer heute zur “Generation Y“ zählt, hatte Mitte der 2000er nur eine Wahl: Ganzkörpertätowierung oder Rückzug aus dem Metalcore-Milieu.

Letzteres wurde vor allem dann zur Option, wenn man mangels an finanziellen Alternativen nicht von den Großeltern enterbt werden wollte. “Bring me the Horizon“ ist für die 2007 in die hinterste Ecke des Dancefloors kotzenden Emo-Scenesters eine musikalische Institution, die ihre besten Zeiten hinter sich hat - so wie die meisten seit zehn Jahren bestehenden Bands. Mit dem Unterschied, dass sie bis heute genau die Menschen anzieht, die sich 2008 wegen ihnen ein lyrisch fragwürdiges “Chest Piece” auf den Oberkörper stechen ließen.

“Bring me the Horizon“ haben eine Generation der Metal-Subszene geprägt. Wegen ihnen wurden die hautengen Skinny Jeans erst zerlöchert, um sie dann wieder anzuziehen. So c00l. Sie kurbelten den Verkauf von Glätteisen im regionalen Mediamarkt ganz ohne Marketingplan an.

Wir haben nicht nur das Konzert angehört, sondern die Kamera eingepackt und uns umgesehen, im Raucherhof.
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