Bild: Anja Jurleit
Die Chemnitzer Band über ihr Debütalbum, Mansplaining und ostdeutsche Identität
„Hallo, wir sind Blond. Musik ist unser Leben. Das ist unser Album. Wir haben uns Mühe gegeben.“
Aus "Intro", Martini Sprite

Lotta und Nina Kummer und Johann Bonitz sind Anfang 20, kommen aus Chemnitz und kennen sich schon fast ihr ganzes Leben. Die beiden Schwestern und der Musik-Allrounder waren schon als Kinder gemeinsam im Urlaub. Nina spielt Gitarre und singt, Lotta spielt Schlagzeug und rappt. Johann ist blind und wechselt zwischen verschiedenen Instrumenten. 

Nach zwei EPs, Festivalsommern und nach Auftritten als Vorband von Kraftklub oder Von wegen Lisbeth erschien Ende Januar das Debüt-Album "Martini Sprite". 

Im Uhrzeigersinn: Lotta Kummer, Johann Bonitz, Nina Kummer

(Bild: Anja Jurleit)

Im Interview spricht Sängerin Nina Kummer, 23, über die Periode, Mansplaining und ostdeutsche Identität.

bento: In "Es könnte grad nicht schöner sein" singt ihr von der Periode. Im Musikvideo gibt's viel Blut, ihr thematisiert den Ekel vor dem weiblichen Zyklus. Was soll das?

Nina: Es hat mich einfach aufgeregt, wie man über die Periode spricht. Aber es ist nicht so, dass ich das aus einem Pflichtbewusstsein mache, weil ich denke, dass ich damit irgendwas bewirken kann. Manche sagen, es wirkt, als ob wir die Welt verändern wollen – und das wäre auch schön, wenn das funktionieren würde – aber deshalb machen wir keine Musik.

„Vier Stunden Fahrt mit Schmerzen im Flixbus. Glaub mir, die Periode ist kein Luxus.“
Aus "Es könnte grad nicht schöner sein"

bento: Woher kommen die Ideen für deine Texte?

Nina: Alles ist sehr nah an meinem oder unserem Leben oder Dingen, die Freunden passieren. Ich sage manchmal, es ist ein bisschen wie Tagebuch schreiben. 

bento: Neben Menstruation geht es auch um Tinder oder darum, nicht zur Ruhe kommen zu können – typische Themen, über die man abends mit Freunden am Küchentisch spricht. Hast du das Gefühl, du bist eine Stimme deiner Generation? 

Nina: Ich weiß nicht, denn eigentlich kommt das, was ich schreibe, aus einem intimen Rahmen. Ich habe mich nie gefragt, was passiert, wenn plötzlich viele Leute unsere Songs hören. Wir haben einfach immer nur rausgeballert. Aber ich freue mich natürlich, wenn die Leute sich wiedererkennen und verstanden fühlen.

„Genug Zeit verbracht auf Tinder, ich lösche die App. Denn ist nicht gerade Winter, komm ich gut mit mir zurecht.“
Aus "Match"

bento: Ihr habt einen Song namens "Thorsten", in dem es um Mansplaining geht. Gibt es diesen Thorsten wirklich?

Nina: Wir haben seit 2016 viele Konzerte gespielt. Da sind uns ständig irgendwelche Idioten über den Weg gelaufen. Und dieser Art Mensch haben wir dann den Namen Thorsten gegeben. Das in dem Song, das sind wirklich fast nur Zitate.

bento: Was sagt so ein Thorsten?

Nina: Lotta wurde schon oft gefragt, wann der Schlagzeuger kommt. Wenn sie dann sagt, dass sie die Schlagzeugerin ist, sind viele erst mal irritiert. Manche wollen den Soundcheck für sie machen. Einmal hat sie gesagt, sie kann den selbst machen, und als Antwort bekommen: "Du kommst schon noch zum Zug, Mäuschen." Das denken wir uns nicht aus, das passiert so wirklich.

„Thorsten, das hättest du mir so nie zugetraut. Ich hab die Technik ganz alleine aufgebaut. Natürlich muss da nochmal jemand drüber schauen. Doch ich hab das ganz ordentlich verkabelt für 'ne Frau.“
Aus "Thorsten"

bento: Nervt es, wenn man euch immer wieder fragt, wie es so ist als Frau in der Musikbranche? 

Nina: Also Johann wird sowas nicht gefragt. Aber er wird oft gefragt, wie es so ist, mit zwei Frauen in einer Band zu spielen. Das ist schon nervig. Leider spiegelt das wider, dass Frauen, die Musik machen, oft unsichtbar sind. 

Ich fühle mich pudelwohl in der Musikbranche, aber stoße zum Beispiel immer wieder auf solche "Thorstens", und deren Umgang mit mir liegt wahrscheinlich einfach nur daran, dass ich eine Frau bin. 

bento: Eure Brüder spielen bei Kraftklub. Wie ist es für euch, wenn man euch immer wieder darauf anspricht?

Nina: Wir kommen ja alle aus Chemnitz und haben da vieles einem kreativen Kreis zu verdanken. Da waren immer viele Musiker dabei, auch unsere Brüder. Für Kraftklub haben wir schon Support gespielt, wir unterstützen uns, aber wir sind eine alleinstehende Band und machen unser Ding.

bento: Welche Rolle spielt eure Heimatstadt Chemnitz für euch?

Nina: Wir bewegen uns viel in der kreativen Szene. Da hat man sein Umfeld, in dem man sich wohl fühlt und alle das Gleiche denken. Aber man weiß von Chemnitz natürlich, dass es manchmal auch anders zugeht. Das Leben hier hat uns alle sehr politisiert. Es war schon immer wichtig, eine Meinung zu haben oder Zivilcourage zu zeigen.

Für Leute, die künstlerisch arbeiten wollen, ist Chemnitz aber auch deshalb super, weil die Mieten billig sind und man ein Netzwerk aufbauen kann, in dem alle hilfsbereit sind. 

bento: Ihr habt eine Zustandsbeschreibung für "Blond". Die lautet: unruhvolle ostdeutsche Jugend – erklär mir das! 

Nina: Unruhvoll, weil eben nicht immer alles schön ist. Wir machen keine Strandhits auf dem Album. Es gibt eben immer auch die Teile mit dem bitteren Beigeschmack.

„Ich lauf die letzten Meter bis zum Haus. Den Haustürschlüssel geballt in meiner Faust.“
Aus "Sie"

bento: Ist ostdeutsch zu sein ein wichtiger Teil eurer Identität?

Nina: Nicht unbedingt wichtig, trotzdem ein Teil davon. Das ist uns in den letzten Jahren aufgefallen. Ich habe nie gedacht, dass ich "ostdeutsch" bin. Mit 23 Jahren bin ich nicht in der DDR aufgewachsen, aber es gibt doch Unterschiede, die einem auffallen. Ich glaube, was ostdeutsch ist und was wir von unseren Eltern mitbekommen haben, ist, dass man einfach macht, auch wenn man etwas nicht gelernt hat. Und dass man über Beziehungen alles klären kann.

Ich glaube, dass die Trennung von West und Ost und die Wiedervereinigung nie so richtig aufgearbeitet wurden und dass das jetzt in unserer Generation so langsam passiert. Ich spüre auch, dass das medial mehr thematisiert wird, und fange an, mich selbst damit auseinanderzusetzen.

„Wenn ich ins Studio geh, da gibt es Chardonnay und Diamantencolliers, wenn ich ins Studio geh. Und eine Schönheits-OP, wenn ich ins Studio geh. Endlich ne grade Nase.“
Aus "Hit"

bento: Spinat zwischen den Zähnen, Blut im Schritt, wilde Choreos und Spiel mit Mode – das ist schön, aber keine klassisch schöne Inszenierung: Was bedeutet Schönheit für euch?

Nina: Ich finde es interessant, dass die Leute das, was wir machen, "Mut zur Hässlichkeit" nennen. Wir sagen ja nicht, wir machen etwas Hässliches, sondern einfach, worauf wir Lust haben.

Wir halten nicht viel von Schönheitsidealen. Wenn Leute etwas machen, das sie gerne machen, und es mit Hingabe tun, dann ist das schön, finde ich.


Uni und Arbeit

Studierende aus China, Angst aus Deutschland
Chinesische Studierende erzählen, wie das Coronavirus ihr Leben in Deutschland verändert.

Wenn sich Yumeng J. mit Freunden und Bekannten trifft, hat sie seit einigen Tagen ein neues Ritual. Noch bevor die Verabredung stattfindet, schreibt sie allen in einer Nachricht, dass es ihr gut gehe und sie gesund sei. "Ich möchte ihnen ihre Bedenken nehmen und sie beruhigen", sagt die chinesische Studentin, die in Merseburg bei Leipzig lebt. "Ich verstehe ihre Ängste."

Es sind jedoch nicht nur Ängste, mit denen Yumeng in den vergangenen Wochen konfrontiert wurde. Seitdem das Coronavirus mit dem vorläufigen Namen 2019-nCoV zum ersten Mal in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan auftrat, müssen sich viele Asiatinnen und Asiaten Bemerkungen anhören, auch in Deutschland. 

Mit mehr als 40.000 Studierenden sind junge Menschen aus China die größte Gruppe von "Bildungsausländern" an deutschen Hochschulen. 

Die Zahl steigt, seit Jahren pflegen deutsche Universitäten einen intensiver werdenden Austausch. Viele sind stolz auf die Kontakte ins bevölkerungsreichste Land der Erde. Doch neben Bildung und Wissen wurden auf dem Campus in den vergangenen Tagen auch zunehmend Angst und Vorurteile ausgetauscht. 

Im thüringischen Nordhausen stellte das Gesundheitsamt zwei chinesische Studienbewerber unter Quarantäne, die Erkältungssymptome zeigten. Keiner der beiden war zuvor in Wuhan oder hatte Kontakte mit Menschen von dort. In Sachsen-Anhalt fragte eine Zeitung, ob chinesische Studierende das Virus in den Saalekreis bringen könnten. Und in Passau verbreitete sich über die anonyme Chat-App Jodel eine gefälschte Zeitungsmeldung, in der es hieß, das Virus sei über Studierende auf den Campus gelangt. In beiden Fällen sind keinerlei Erkrankungen bekannt.

Das Coronavirus musste in Deutschland gar nicht erst groß auftreten, um Vorurteile gegen Menschen aus Asien sichtbar zu machen. 

Auch Yi S. hat das erlebt. Die 28-jährige Studentin lebt seit drei Jahren in Greifswald, "von ganzem Herzen gerne" wie sie sagt. Doch in den vergangenen Tage war manches anders. "Ich wollte es nicht zugeben", sagt sie. "Aber in den vergangenen Tagen hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mein Aussehen eine Rolle spielt." Wenn sie abends durch die Fußgängerzone geht, sagt Yi, habe sie jetzt oft das Gefühl, angeschaut zu werden. Fremde drehten sich um.

Seitdem sie mit ihren Freundinnen und ihrer Familie auf WeChat über das Coronavirus schreibe, könne sie sich in der Universitätsbibliothek kaum noch auf die anstehenden Klausuren konzentrieren. "Ich schaue zur Zeit mindestens einmal pro Stunde aufs Handy."

Ihre Familie lebt in einer Nachbarregion von Wuhan, beide Eltern säßen wegen der Ausgangssperre seit Tagen in ihrer Wohnung, erzählt Yi. "Wenn sie Lebensmittel brauchen, werden sie ihnen vor die Tür gebracht. Erst wenn der Lieferant weg ist, gehen sie raus." Doch mindestens genauso viele Gedanken macht sich die Studentin um das, was Bekannte ihr berichten. Gerade passieren Dinge in Deutschland, die Yi bislang nicht kannte. 

Eine Freundin sei in Frankfurt in einer Apotheke gefragt worden, ob sie einen Mundschutz kaufen wolle. Das Personal hielt zu ihr Abstand. Eigentlich hatte die Freundin nur Kopfschmerzen. 

Ein Kommilitone habe ihr augenzwinkernd immer wieder Gespräche über eine Verschwörungstheorie aufgedrängt. Demnach stamme das Virus aus einem Geheimlabor und sei von dort auf einen Spezialitätenmarkt in Wuhan übergesprungen, erzählt die 28-Jährige. "Er hat es sicherlich nicht böse gemeint, aber solche Gespräche tun mir weh. Meine Familie ist davon betroffen, für sie ist es kein Spiel."