Mit einem Tweet fing alles an. "The new TLC are German, pass it on", schrieb die aus Kanada stammende Twitter-Userin Yung Rachu am 4. Januar und postete dazu den Videoclip zu Ace Tees Song "Bist du down".

TLC, das ist das amerikanische R&B-Trio, das in den Neunzigerjahren mit Hits wie "Waterfalls" zum einflussreichen Pop-Phänomen wurde.

Aber wer ist Ace Tee?

Fast 25.000 Retweets, knapp 50.000 Likes und über eine halbe Million YouTube-Abrufe später fragen sich das eine ganze Menge Leute. Vor allem New Yorker Szene-Medien wie "The Fader" und "Paper Mag" gerieten ob des Clips aus dem Häuschen. Auch "Vogue" machte bereits ein Interview mit dem Internet-Phänomen und feierte den farbenfrohen Streetstyle der Musik und des Videos.

Wann sich die US-Presse zuletzt für einen auf Deutsch gesungenen Song begeisterte?

Da muss man schon auf Rammstein zurückgreifen, Trio, Nena und Kraftwerk fallen einem auch noch ein. Aber dass ein deutscher Hip-Hop- oder R&B-Track im Mutterland dieser beiden Genres abgeht, das gab es noch nie.

Am vergangenen Freitag sitzt Ace Tee in einem Büro in Berlin Kreuzberg und gibt Interviews. Begleitet wird die junge Sängerin von dem Rapper Kwam.e, der als Feature bei "Bist du down?" dabei ist. Produziert wurde die Single von dem Hamburger Plusma, einem Komponisten und Audio-Engineer.

Ace Tee, die eigentlich Tarin heißt, und Kwam.e, der Lordin heißt, sind beide im Hamburger Stadtteil Jenfeld aufgewachsen, ihre Eltern stammen aus Ghana. Die Hip-Hop-Dreads auf seinem Kopf und die langen, weißblond und schwarz gemischten Braids auf ihrem eigenen stammen von Tarin selbst.

Die 23-Jährige ist Hairstylistin von Beruf, bastelt aber schon seit Jahren an eigenen Beats. Eine Zeit lang habe sie an der Pop-Akademie studiert, dann aber abgebrochen: "Ich hatte das Gefühl, ich kann mir das auch allein beibringen."

Auf den 21-jährigen Kwam.e wurde sie über ein Facebook-Gesuch aufmerksam, weil sie einen Rapper für ihre Tracks suchte, die zunächst noch auf Englisch gesungen waren und eher den gängigen Hip-Hop-Trends der Nullerjahre folgten, dem hibbeligen Trap- oder dem trunkenen Codein-Rap.

"Die Idee zu 'Bist du down?' hatte ich schon lange", sagt sie, aber erst mit Kwam.e und Produzent Plusma zusammen klickte es. Aus ihrem gemeinsamen Faible für den smoothen Groove von Lauryn Hill, Erykah Badu, Aaliyah und eben TLC entstand etwas, was Tarin jedoch nicht als reine Retro-Nummer verstanden haben möchte.

"Ich nenne es Future-R&B", sagt sie selbstbewusst - und stellt sich mit dieser Etikettierung neben angesagte internationale Künstlerinnen wie die Londoner Sängerin FKA Twigs oder die aus Atlanta stammende Abra.

Als Inspiration diente Ace Tee der TLC-Clip zu "What About Your Friends" von 1992, in dem die drei Sängerinnen in farbenfrohe Streetwear gekleidet eine fröhliche Blockparty feiern. Auf die Frage "Bist du down?" antwortet sie mit lebensbejahender Message:

"Ich fang dich auf und geb dir 'ne Cup positiver Vibes und kein Kopfweh mehr", singt sie.

"Schluss mit dem Selbsthass", heißt es an anderer Stelle. Statt sich in sozialen Medien davon niederdrücken zu lassen, wie talentiert andere sind, geht sie lieber raus und macht ihr eigenes Ding.

Für ihr in Eigenregie produziertes Video, das sie unter einer Eisenbahnbrücke im Hamburger In-Stadtteil Sternschanze drehte, versammelte sie eine ethnisch gemischte Freundes- und Bekanntenschar, machte ihnen die Haare und konkrete Vorgaben, welche Kleidungsstile und -farben gehen – und welche nicht.

Dazu ein sanft rollender Groove, ein friedfertiger Vibe – und fertig war ein sonniger Hit, der im grimmigen Januar mit seinen gesellschaftlich und politisch eher bedrückenden Aussichten einen Nerv trifft: "With her music and her dress, the mesmerizing Ace Tee is officially one to watch this year. So, how do you say, 'Crazy, Sexy, Cool' in German?", fragt die "Vogue" in ihrem Feature mit Verweis auf das Hit-Album von TLC.

Den Hype in Übersee scheinen die beiden zunächst gut zu verkraften, sie wirken tiefenentspannt, "so wie wir eigentlich immer drauf sind". Dass ihr Track funktioniere, überrasche sie nicht so sehr, sagt Tarin, das sei schlicht "die Bestätigung unserer eigenen Gedanken und Gefühle."

Wenn hier jemand Hamburg wieder auf die Karte setzt, dann Ace Tee und Kwam.e.

Der Neunzigerjahre-R&B und -Hip-Hop dominiert nicht nur die späteren Stunden jeder besseren Party, er wird mehr und mehr auch zum Szene- und Modetrend. Ace Tee ist nun die Erste, die für das Revival einen eleganten Groove gefunden hat. In aktuellen Rap-Produktionen fehlt Tarin vor allem Persönlichkeit. Hip-Hop aus Deutschland habe sich zwar enorm diversifiziert, aber die Stimmung werde immer düsterer.

"It's all about Money, Drugs, Girls", sagt sie, "alles ist immer nur dasselbe. Wir machen das jetzt einfach anders und bringen Positivität rein." Beim Videodreh habe sie die Leute angespornt, sich gut zu fühlen. "Ich wollte, dass jemand das guckt und sagt: Ich will auch in diesem Video sein!"

Sowohl Tarin als auch Rapper Kwam.e verknüpfen selige Kindheitserinnerungen an den Nineties-Sound. Auch die Beginner, damals eine der einflussreichsten Rap-Bands aus Deutschland, haben sie gehört. Doch zum Anspruch der Veteranen, mit ihrem Comeback-Album die Hip-Hop-Stadt Hamburg "wieder auf die Karte" zu bringen, fällt ihnen nicht viel ein. Kein Wunder, denn wenn jemand aktuell die Hansestadt mit DIY-Authentizität, originellen Beats und warmen Vibes ins internationale Gespräch bringt, dann diese beiden Talente aus einer neuen Generation.

Angebote von Plattenfirmen gebe es bereits, ebenso Einladungen, in New York aufzutreten. Ein Album soll im Spätsommer erscheinen.

Doch Allround-Künstlerin Ace Tee ist bewusst, dass gerade alle Welt auf sie guckt. Sie will sich ihre nächsten Schritte gut überlegen.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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