Bill "Tokio Hotel" Kaulitz hat einen neuen Instagram-Account mit unendlich coolen Schwarzweiß-Fotos. Der Account heißt billyisnotok. Er ist ein Teil seines Solo-Projekts Billy, das gerade noch nach modisch-depressiven Fotografien aussieht. Es gibt eine Single, ein Buch mit Fotos vom Dreh und eine Website. Und überall schaut Billy mit leicht geöffnetem Mund in die Kamera und schreibt, er sei nicht okay.

Bill Kaulitz als Billy(Bild: Davis Factor)

Das Billy-Cover sieht verdächtig nach den American Recordings von Johnny Cash aus. Der Singer-Songwriter nahm sie vor seinem Tod auf. Der 26-jährige Teeniestar blickt auf zum damals 70-jährigen Man in Black, der sein Leid trug wie eine dunkle Robe. Der nach Drogen, Alkohol und Erlösung suchte, in der Musik und bei Gott.

An Tokio Hotel erinnere ich mich aus meiner Teenagerzeit. Damals fand ich es vor allem bemerkenswert, dass Bill Kaulitz und ich gleich alt waren. Das ist jetzt fast zehn Jahre her. Erst sang die Band auf Deutsch, dann auf Englisch für den internationalen Markt – was überraschend gut funktionierte. Tokio Hotel wurde schon damals mehr und mehr zum Bühnenbild für Bill Kaulitz. Dann kamen der Druck, die Fans, die Stalker und Los Angeles war plötzlich cooler als Deutschland.

Die Kreativpause in Kalifornien führte im vergangenes Jahr zu einem Musikvideo, in dem sich Bill Kaulitz vor einer Berliner-Abfuck-Fassade Heroin spritzt. Der Rest der Band ist da schon egal. Die Leerstelle deutscher Teenagerseelen, in die Tokio Hotel so einwandfrei gepasst hatte, ließ sich damit allerdings nicht mehr zurückgewinnen.

Jetzt also Billy. "A story of despair, heartbreak and hope", steht auf dem Bildband. Im ersten Video spricht jemand ein Zitat, so wie Johnny Cash das bei "The Man Comes Around" auch gemacht hat. Alles soll wirken wie das Bekenntnis eines vom Leben Gezeichneten. Es funktioniert nur nicht.

Für sein Zitat hat sich Billy ausgerechnet den großen Helden der selbstzerstörerischen Künstler und unglücklichen Gymnasiasten ausgesucht: Charles Bukowksi. "Find what you love and let it kill you", soll dieser angeblich geschrieben haben, was inzwischen vermutlich jeder weiß, denn es überschwemmt immer mal wieder die Facebook-Timelines weniger erfolgreicher Musikerfreunde.

Statt Billy sieht man in dem Teaser eine weinende Frau in Großaufnahme. Die Stimme spricht weiter: "Let it drain you of your all. Let it cling onto your back and weigh you down into eventual nothingness." Als sollte man sich einer Depression hingeben.

Fotostrecke: Elf Jahre Tokio Hotel
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Es entsteht eine nicht besonders originelle Mischung: Da ist das diffuse Statement, dass Billy nicht ok ist. Da sind die Anleihen an große Helden der Musikgeschichte (die namentliche Assoziation mit Stil- und Punk-ikone Billy Idol ist bestimmt auch nicht ungewollt). Da sind vermeintlich tiefsinnige Zitate. Da ist der hübsche und mindestens genauso tiefsinnige Billy.

Und trotz all des Leids habe ich immer noch keine Ahnung, was bei Billy eigentlich los ist.

Vielleicht ist es der Erfolg, dieser leere Medienrummel, das Gefühl, in einer Schublade festzustecken, der Wunsch, bessere Songs zu schreiben.

Aber der Junge sagt ja nichts, zumindest noch nicht. Stattdessen bedient Billy das Klischee, dass man depressiv und traurig sein muss, um Kunst zu machen. Bei Billy geht es um alles, aber letztlich bleibt unklar, was dieses "alles" ist. So wirkt sein Projekt wie eine Schablone, in die man eine Hochglanzversion des eigenen Leids hineinlegen kann. Oder wie das Tagebuch eines diffus an allem leidenden Teenagers mit großer PR-Abteilung.

Das Heroin-Video 2015:

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Ein Tweet und seine Geschichte

Abdul Halim al-Attar ist Flüchtling aus Syrien, Vater zweier kleiner Kinder – und der Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte voller Gier. Aus seinem Schicksal wuchs eine Crowdfunding-Kampagne, heute sind die Parteien zerstritten.

Attar floh vor knapp vier Jahren mit seiner Familie aus Syrien und richtete sich im benachbarten Libanon ein. In den Straßen der Hauptstadt Beiruts verkaufte er Kugelschreiber, um sich so über Wasser zu halten. (SPIEGEL ONLINE)