Reggaeton und Latinx-Trap waren lange für ihre sexistischen Texte bekannt. Mit Superstar Bad Bunny ändert sich das.

Volle Lippen beklebt mit Häschen-Stickern, manikürte Fingernägel und Dreitagebart: In diesem Look zeigt sich Bad Bunny auf dem aktuellen Playboy-Cover – als zweiter Mann der Geschichte.

Bad Bunny ist derzeit der erfolgreichste Künstler der urbanen Latinx-Musikszene. Einer Szene, die lange nichts für queere Belange übrighatte. Doch der 26-jährige Benito Antonio Martínez Ocasio erhält eine Auszeichnung nach der anderen und feiert internationale Charterfolge – und das mal in Drag, mal mit feministischen Botschaften. Brechen nun auch im Mainstream neue Zeiten an?

Reggaeton und sein Sexismus-Problem

Für diejenigen, die noch nie genauer auf die Texte von Reggaeton und Latinx-Trap-Liedern geachtet haben, sei folgendes gesagt: Die Szene hat ein massives Sexismus-Problem. Der klassische Song der "Música Urbana" handelt, kurz gesagt, von Frauen und Sex. Das Narrativ ist dabei geprägt von einer objektifizierenden hetero-männlichen Perspektive, die sich wenig für einen respektvollen Umgang mit Frauen interessiert.

Im Interview mit dem US-Playboy erklärt Bad Bunny, warum er das ändern will: "Es gibt nichts Schlimmeres, als irgendwo zu sein und das Gefühl zu haben, da nicht hin zu gehören. Ich versuche sicherzustellen, dass alle sich als ein Teil der Reggaeton-Kultur fühlen."

Das setzt er vor allem in seinen Musikvideos um. Typisch sind exzentrische Kleidung und ausdrucksstarke Bilder in knalligen Farben, die häufig eine Geschichte erzählen.

Bad Bunny macht vieles anders

So wie im Video der Single "Caro" (teuer): Verkörpert durch das weibliche Model Jazmyne Joy tanzt Bad Bunny von der Maniküre nach draußen und durch die Straßen zu seinen Freunden. Die Häuser im Hintergrund sind bunt gestrichen, die Hauptfigur trägt eine gelbe Hose mit einer pinken Jacke.  Die Aussage des Songtextes: "Warum kann ich nicht so sein? Womit schade ich dir? Ich bin einfach glücklich!"

Schließlich folgt ein Schnitt zu einem Catwalk, auf dem Models verschiedenen Alters und Aussehens auftreten, auch ein Model mit Down-Syndrom ist dabei. Im Anschluss eine Szene, in der er und seine weibliche Verkörperung gegeneinander ankämpfen, um sich am Ende zu küssen. Zu sehen ist Selbstliebe im wahrsten Sinne des Wortes.

Um Selbstliebe geht es auch in "Solo de mi" ("Nur mein"). Im Video wird der Song von einer Frau gesungen, die immer wieder von einer unsichtbaren Hand ins Gesicht geschlagen wird. Doch sie singt: "Nenn mich nicht wieder dein Baby. Ich gehöre weder dir noch sonst jemanden. Ich gehöre nur mir selbst!" – wehrt den nächsten Schlag ab und bedeckt ihr Gesicht. Ein Statement gegen Partnerschaftsgewalt, voller Emotion und Empowerment.

Deutlich fröhlicher, aber deshalb nicht weniger politisch, sind Text und Video von "Yo Perreo Sola", was sich wohl am ehesten mit "Ich tanze allein" übersetzen lässt. Wobei das Wort "perrear" im Speziellen die Art und Weise meint, wie man zu Reggaeton tanzt. Perreo ist sexy, provokativ, ausgelassen und lasziv. Das ist Teil der Reggaeton-Kultur – und "Yo Perreo Sola" die Hymne für alle, die daran teilhaben wollen, ohne belästigt zu werden.

Anstatt eine Tänzerin zu engagieren, zeigt sich Bad Bunny selbst in Drag: zunächst als Hommage an Britney Spears in "Oops! ...I Did It Again", von Kopf bis Fuß in rotem Latex, danach im hautengen Minikleid. Später tanzt er in gewohntem Look, mit Jeans und T-Shirt, mit seinem Drag-Ich, vor dem Neon-Schriftzug "Ni Una Menos" ("Nicht eine weniger"), dem Hashtag der feministischen Bewegung, die seit einigen Jahren in ganz Lateinamerika immer mehr Einfluss gewinnt.

Nur eine Marketing-Strategie?

Nicht zum ersten Mal solidarisiert sich Bad Bunny mit Feministinnen, Feministen und LGBTQ*-Personen und bricht gleichzeitig mit einem stereotypen Männlichkeitsbild, das einige seiner Kollegen anscheinend noch immer fest im Griff hat. 

Nicht alle sind dabei jedoch überzeugt von der Echtheit seines Engagements, Kritiker unterstellen eine ausgefeilte Marketingsstrategie. So wirft das Video zu "Yo Perreo Sola" die Frage auf, warum er nicht gleich die Bühne für eine Transfrau freigibt. Doch zumindest hinter den Kulissen des Videos waren Transfrauen beteiligt: Die Designerin Lula und die Choreographin Kendra Mart sind schon lange Teil des Produktionsteams.

Ein Anlass zum Stirnrunzeln ist jedoch, dass die Sängerin Nesi, deren Stimme im Refrain zu hören ist, nicht als Feature angegeben wird. Hierbei zeigt sich ein größeres Problem: Anerkennung für queere, feministische Sängerinnen kommt in der Musikbranche dauerhaft zu kurz.

Egal wie woke er sich zeigt – Benito hat queerfeministische Latinx-Musik nicht erfunden. Bereits 2008 veröffentlichte Ivy Queen den Klassiker "Yo Quiero Bailar" ("Ich möchte tanzen"), an das "Yo Perreo Sola" auffallend erinnert. Genauso ist Ivy Queen mit ihrer Message nicht allein, es gibt und gab schon lange Sängerinnen und Sänger, die sich für eine inklusivere Música Urbana einsetzen. Einige Beispiele dafür sind Ms Nina, Chocolate Remix und Cultura, alle drei queere Künstlerinnen mit reichlich Charakter. Traurigerweise wird ihnen nicht die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt.

Lange überfällige Diskussionen

Trotz allem: Ein erfolgreicher Sänger dieses Genres, der sich immer wieder gegen Sexismus, Transfeindlichkeit und Homophobie ausspricht, ist an sich schon ziemlich revolutionär. Bad Bunnys Erfolg zeigt: Die breite Masse ist bereit für eine progressivere Musikindustrie.

„Homophobie in dieser Zeit? Wie peinlich, Mann.“
Bad Bunny

Ob das Ganze vielleicht auch eine Masche ist, kann natürlich niemand sagen. Allerdings wäre sie zumindest sehr konsequent durchgeführt, denn Benito zeigt immer wieder: Keine Toleranz für Diskriminierung.

Ungeachtet seines schnellen Aufstiegs ist er immer noch ein Newcomer, was ihn nicht davon abhält, Legenden der Szene öffentlich zu ermahnen. Als Reggaeton-Urgestein Don Omar mit homophoben Äußerungen auffiel, ermahnte Bad Bunny ihn beispielsweise auf Twitter: "Homophobie in dieser Zeit? Wie peinlich, Mann."

So oder so: Bad Bunnys Stil stößt, besonders in Lateinamerika, Diskussionen an, die dringend geführt werden müssen. Seine Musik erreicht Menschen, deren Realität weit entfernt ist von der akademischen Blase, in der man sich gerne für die eigene Awareness feiert. Diskriminierung und Ungleichheit sind – leider – schmerzhaft alltäglich. Und Bad Bunny hat zumindest entschieden, lieber zur Lösung als zum Problem beizutragen.


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