Bild: Zugezogen Maskulin
"Weltverbesserer, Sell-Out-Rapper, Gucci-Bäuche gegen Rechts"

Deutschsprachiger Rap strahlt seit einiger Zeit wieder in den buntesten Farben. Während jahrzehntelang verschiedene Richtungen um die Deutungshoheit stritten, existieren jetzt die unterschiedlichsten Strömungen fast friedlich nebeneinander. Neun Ansagen:

Chefket

Chefkets aktuelles Album ist so viel mehr als Rap. Neben seiner Vorliebe für den Soul merkt man auch immer deutlicher, dass der Berliner Musiker keine Angst vor großen Melodien und Pop hat. "Fliegen" ist da ein Paradebeispiel. Das spektakuläre und aufwendig produzierte Video verdeutlicht Chefkets großen Sprung nach vorne. Auch wenn er mittlerweile locker selbst Headliner-Tourneen ausverkauft, spielt er auch ab und zu bei Marteria, seinem Buddy aus alten Tagen, als Support.


Edgar Wasser

Edgar Wasser ist eines der großen Mysterien im deutschsprachigen Rap. Der in Chicago geborene Münchner gibt so gut wie nie Interviews und hat trotzdem eine absolute Ausnahmestellung im deutschsprachigen Rap inne. Das liegt an kompromisslosen Texten, seinem geschmeidigen Flow und den spannenden Welten, die Herr Wasser entstehen lässt.

"Aliens" erzählt von einer postapokalyptischen Welt, in der die Menschen von Ausserirdischen versklavt wurden. Was nach Sci-Fi klingt hat, jedoch sehr viel mit unserer heutigen Welt zu tun.


Fatoni

Ganz realpolitisch, aber zugleich fiktional geht es in "32 Grad" von Fatoni zu. Ausgangspunkt ist der Wahnsinn, der sich seit Jahren im Mittelmeer zuträgt. Pauschaltouristen treffen in mediterranen Feriendomizilen auf völlig entkräftete Menschen, die vor Tod, Elend und Folter geflohen sind. Fatoni setzt das im Video so originell wie selbstkritisch in fluffige Discobeats und eine Rapform um, die mittlerweile zum Aufregendsten gehört, was deutschsprachiger Rap zu bieten hat.


Schwesta Ewa

"Mein Tanga passt heute zum Sportwagen" - die ehemalige Frankfurter Prostituierte Schwesta Ewa mischt seit ein paar Jahren die deutsche Rapszene mit Texten auf, die die Räuberpistolen ihrer Gangstarap-Kollegen wie Ammenmärchen wirken lassen. Die Frau weiß genau, wovon sie spricht, wenn sie ihre Geschichten aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel in Reimform erzählt.

Klar, dass sich der Boulevard auf sie stürzt und von Schwesta Ewa spektakulär mit Stories versorgt wird. Dabei kann die Frau viel mehr als Schellen verteilen. Ihr Debütalbum, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde glänzt mit catchy Hooklines, melodieverliebten Beats und Ewas einzigartigem Storytelling. Für das Video zu "Kurwa" kehrt Schwesta Ewa ins Rotlicht zurück.


Xatar

Schwesta Ewas Rap-Mentor Xatar ist ein Gangsta-Rapper und zwar im Wortsinn. Erst Anfang des Jahres wurde der im Iran geborene Bonner aus der Haft entlassen, nachdem er für einen Überfall auf einen Goldtransporter ein paar Jahre absitzen musste. Wieder draussen macht Xatar in seinen Kernkompetenzen Alarm: Wack-Mcs rasieren, gefährlich posieren und freshe Punchlines kicken. Ganz am Ende der letzten Strophe von "Original" gibts vom Kurden Xatar eine klare Ansage gegen den Terrorfeldzug des Islamischen Staates. Starkes Ding!


Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi

Käptn Peng a.k.a. Robert Gwisdek hat es irgendwie mit der Sprache: Als Rapper, Schauspieler und Romanautor setzt er sich mit Sprache auseinander und kreiert dabei seine ganz eigene. Weit weg von Szene-Klischees, Ritualen und Selfpromotion nehmen Käptn Peng und die Tentakel von Delphi ihre Zuhörer mit auf eine Reise durch Philosophie, Klangkunst und psychedelische Trips durch Zeit und Raum.

Rund um das Hauslabel Kreismusik ist ein Kosmos entstanden, der nur deswegen grob dem Hip-Hop zugeordnet werden kann, weil Peng und Konsorten die Rapform als bevorzugtes Mittel des Ausdruckes gewählt haben. Eigentlich gehts hier um sehr viel mehr.


Zugezogen Maskulin

Kompromisslose und harte Texte gibt es im Rap nicht nur von den Herren Gangstarappern, sondern auch von Acts wie Zugezogen Maskulin. Die zwei Berliner Testo und Grim104 machten im vergangenen Jahr nicht nur durch hyperventilierende Livegigs unter dem inoffiziellen Motto "Ihr seid keine Fans, wir sind eine Gang!" auf sich aufmerksam, sondern auch mit einem Brett von Album irgendwo zwischen Trap-Rap, Antifa-Kaffeefahrt und postmodernem Wahnsinn. Don´t call it Zeckenrap!


Antilopen Gang

Angeblich erleben wir im deutschsprachigen Rap gerade eine Renaissance der politischen Inhalte. Aber selbstverständlich würden sich die meisten diesbezüglich Verdächtigen dagegen verwahren, Polit-Rapper zu sein. Auch die Antilopen Gang, obwohl deren Album "Aversion" voll von Kampfansagen gegen Nazis, Verschwörungstheoretiker, Homophobie im Rap und andere Hässlichkeiten ist.

Anders als im Agitprop-Rap hat aber bei den Antilopen Inhalt nicht Vorfahrt vor Form und so finden sich formvollendete Beats, bildgewaltige Reime und massig popkulturelle Querverweise. Eine besonders große Klappe in Interviews tut ihr Übriges, um die Antilopen als "gerechtfertigten Hype des Jahres" einzustufen.


LGoony

LGoony und Crack Ignaz sind die allseitig respektierten Speerspitzen der Hustensaft-Swag-Rap-Kultur - und das aus einem ganz einfachen Grund: Die Jungs haben im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern dessen, was oft auch als Cloud Rap bezeichnet wird, Bars und veröffentlichen nicht alle Nase lang immer gleich klingende Autotune-Schmodder-Tracks.

Klar, ganz ohne Autotune kommt vor allem LGoony auch nicht aus. Aber wer kann ihm dafür ernsthaft böse sein, wenn er dazwischen messerscharf dem Deutschrap-Kollegium auf den Zahn fühlt: "Ihr betrügt die eigenen Fans mit Gimmicks, die man irgendwann wegwirft / Ich will, dass jeder Scheiß-Rapper mit Premium-Box sich angesprochen und schlecht fühlt".

Dass die beiden nach ihrer großen "NASA"-Kollaboration zusammen auf Deutschlandtour gehen, ist kein Wunder: Auch bei Crack Ignaz liegen gebetsmühlenartig wiederholte Wahnsinns-Mantras und lyrische Finesse nah beieinander.

Blogrebellen × bento

Die Berliner Blogrebellen bloggen bei bento mit viel Liebe und Herz zum Thema Musik. "Remixing Culture everyday" lautet das Motto - und das spürt man auch.