Bild: Richard Diesing

Und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an" rappten die Antilopen Gang schon 2014, damals schon sahen sie vorher, dass der Hass "besorgter Bürger" eskalieren würde. Sie gelten als die Newcomer des Jahres 2015, gewannen den New Music Award der ARD.

Im Interview erklären die Bandmitglieder, warum man vor der CDU und der SPD mehr Angst haben sollte als vor der AfD. Und was in der Flüchtlingspolitik in Deutschland schief läuft.

Koljah, du hast in dem Lied "Neoliberale Subkultur" gerappt: "Wenn da nicht dieses Heim wär', würf' ich Bomben auf Freital." Wie viel davon ist Provokation, wie viel Ernst gemeint?

Koljah: Ich finde das eigentlich gar nicht so provozierend. Es meint, dass dieser Ort relativ verloren ist. So wie ich ihn kennengelernt habe, sind da so strunzdeutsche Wutbürger, die sich selbst als "besorgt" bezeichnen. Da sehe ich nicht so viel, was ich unterstützens- oder erhaltenswert finde. Aber da ist auch dieses Flüchtlingsheim, zu dem Leute hinkommen, die durchaus Hilfe brauchen. Deshalb werfe ich da keine Bomben drauf, abgesehen davon, dass ich als Bombenwerfer auch nicht so geschickt wäre. Freital wäre ein kompletter Haufen Scheiße, wenn da nicht dieses Heim wäre, und zu diesem Heim zähle ich auch die Leute, die nach Freital kommen und dafür sorgen, dass dieses Heim nicht angegriffen wird.

In "Und Beate Zschäpe hört U2" habt ihr unter anderem den massiven Anstieg von Angriffen auf Flüchtlingsheime vorhergesehen ("Und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an"). War das Zufall oder hattet ihr konkrete Anhaltspunkte für die Annahme, dass es so kommen wird?

Danger Dan: Es war vielleicht so eine Angst, dass so etwas immer mal wieder passieren könnte. Unser Freund Torsun von Egotronic hat schon seit den Neunzigerjahren gesagt, dass das wiederkommt, dass es noch mal passiert. Zwischendurch habe ich darüber gelacht und gedacht "Das kann nicht sein", und jetzt haben wir eine Zeit, die die Neunzigerjahre zumindest zahlenmäßig übertrifft.

Und wenn eine Angela Merkel ein Flüchtlingskind streichelt und dann sagt: 'Du wirst abgeschoben', dann hat das Streicheln auch nichts geholfen.
Danger Dan, Antilopen Gang
Deutschland nimmt eine große Anzahl Flüchtlinge auf, viele Deutsche engagieren sich in der Flüchtlingshilfe. Kann man deswegen aktuell stolz auf Deutschland sein?

DD: Deutschland kümmert sich auch sehr gut darum, dass es sich abschottet. Es gibt keine legalen Fluchtwege, obwohl es erlaubt ist, in Deutschland Asyl zu beantragen. Hier brennen gerade die Flüchtlingsunterkünfte. Also ich habe nicht das Gefühl, dass sich hier Leute übermäßig engagieren oder dass hier übermäßig viele Geflüchtete sind. Vielleicht im Vergleich zu den vergangenen Jahren, aber im internationalen Vergleich sind sehr wenige Geflüchtete hier.

(Bild: Richard Diesing)
Glaubt ihr, es ist ein Trend, Flüchtlingen zu helfen, der auch wieder zurückgeht, wenn es nicht mehr so "angesagt" ist?

DD: Er ist ja schon zurückgegangen. Der große Sommer, in dem sich alle auf die Schulter geklopft haben, und jede Band ein Posting gemacht hat, dass die Flüchtlinge willkommen sind, ist wahrscheinlich schon wieder durch ein neues Thema abgelöst worden. Trotzdem gibt es tatsächlich viele Leute, die sich engagieren. Das finde ich auch gut, das freut mich total. Aber ich finde auch, man muss immer gucken: Wer macht hier eigentlich was, und warum machen die Leute das? Und wenn eine Angela Merkel ein Flüchtlingskind streichelt und dann sagt: "Du wirst abgeschoben", dann hat das Streicheln auch nichts geholfen.

Das Problem ist, dass die SPD und die CDU ständig Sachen durchsetzen, die eigentlich rechtsextreme Parteien fordern.
Danger Dan, Antilopen Gang
Auf dem CDU-Parteitag hat Merkel gesagt, dass die Rechten in Deutschland keine Chance hätten. In anderen europäischen Ländern, wie in Polen oder in Frankreich, haben dagegen rechtsextreme Parteien immer größeren Zulauf. Habt ihr Angst vor einer neuen rechtsextremen Volkspartei?


DD: Die CDU ist doch eine rechtsextreme Volkspartei, oder? (lacht) Das Problem ist, dass die SPD und die CDU ständig Sachen durchsetzen, die eigentlich rechtsextreme Parteien fordern. Man muss eigentlich vor der CDU oder der SPD mehr Angst haben. Es war im Endeffekt die SPD, die 1993 das Grundrecht auf Asyl abgeschafft hat, und es ist die CDU, die jetzt gerade die Grenzen dicht macht. Ob es die Sache jetzt noch schlimmer machen würde, wenn noch eine AfD dazu kommen würde, weiß ich gar nicht.

(Anmerkung: 1993 wurde der Grundgesetzartikels 16 verändert. Politisch Verfolgte haben jetzt kein Recht auf Asyl mehr, wenn sie aus einem als verfolgungsfrei eingestuften Herkunftsland stammen oder über einen so genannten sicheren Drittstaat in die Bundesrepublik einreisen.)