Bild: Fabien J Raclet
AnnenMayKantereit über Intimität, Geld und Zugfahrten in die Schweiz

Eine Hotellobby nahe des Hauptbahnhofs in Hannover. Christopher Annen und Henning May von AnnenMayKantereit sitzen an einem Tisch in der Ecke: Jeans, Pulli, Turnschuhe, so wie immer eben. Heute Abend spielen sie ein Konzert in Hannover.

Davor sprechen wir mit ihnen über ihren Aufstieg – und was sich dadurch verändert hat.

Vor eineinhalb Jahren habt ihr noch vor ein paar hundert Leuten gespielt. Heute füllt ihr Konzertsäle und tretet auf großen Festivals auf. Was fühlt sich besser an?



Christopher: "Wenn wir – wie jetzt in Berlin – vor über 3000 Leuten ein Konzert spielen, ist das ein unfassbares Gefühl. Aber ich freue mich auch, wenn wir zwischendurch kleinere Clubauftritte haben. Es ist schön, wenn man diese Nähe zu den Leuten beibehalten kann."



Henning: "Bei Rock am Ring spielten wir vor sehr vielen Menschen, trotzdem war es ein intimes Konzert – weil wir sehr intime Musik machen. Ob du 400 Meter von uns wegstehst oder zehn, die Botschaft des Lieds bleibt die gleiche. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir die Balance halten: Durch einen kleinen Auftritt merkst du, wie geil es ist, vor vielen Leuten zu spielen; durch einen großen Auftritt merkst du, wie geil es ist, jeden im Publikum mal angeschaut zu haben."

Am Anfang habt ihr alles selbst gemacht, hattet kein Label. Jetzt seid ihr bei Universal unter Vertrag. Warum?
Für das nächste Album wollten wir mit einem Label zusammenarbeiten.
Henning May



Henning: "Irgendwann überforderte uns die Nachfrage, das merkten wir zum Beispiel beim Versand der EP: Wir bekamen Hunderte Beschwerden, weil die CDs nicht ankamen. Mit der EP machten wir noch andere Fehler, jemanden in den Credits vergessen, Zeiten nicht eingehalten. Für das nächste Album wollten wir deshalb mit einem Label zusammenarbeiten.

Chrisi: "Universal kam schon sehr früh auf uns zu, Anfang 2013 etwa. Wir wollten uns aber Zeit lassen. Das hat den Vorteil, dass wir jetzt ein klareres Profil haben und selbstsicherer sind. Da hat das Label gar nicht mehr den Anreiz, groß was zu verändern."



Henning: "Und natürlich geht’s auch um Geld: Wir trugen fast fünf Jahre lang das gesamte finanzielle Risiko. Da tut es gut, wenn man einen Partner hat, der einem Dinge ermöglicht, mit Geld. Und es verändert wirklich viel: Ob Fernsehen, Presse oder Online-Streamingdienste, bei allen erwächst dadurch ein Vorteil, dass wir ein Label haben."

(Bild: Fabien J Raclet)
Habt ihr keine Angst, dass sich eure Musik nun verändern wird?

Chrisi: "Wir sind uns ziemlich klar darüber, wie wir sein wollen. Wir sagten von Anfang an, dass wir das Label als Partner für unser Projekt wollen."

Henning: "Als wir vor Kurzem 'Pocahontas' veröffentlichten, kommentierten Leute bei Facebook, dass das Lied total glatt sei und das wahrscheinlich am Majorlabel liege. Aber bei uns ist es nicht so, dass irgendein Label-Fuzzi im Proberaum rumsteht und sagt: 'Ihr braucht noch einen Hit für die kleinen Mädels'. Das ist eine total absurde Vorstellung.

Eure EP habt ihr mithilfe von Crowdfunding finanziert. Damit stellt man eine ganz andere Beziehung zu den Fans her, als wenn man einfach mit einem Label zusammenarbeitet.



Chrisi: "Das war eine superschöne Geste von unseren Fans damals, es hat uns unfassbar gefreut, dass wir innerhalb weniger Tage die 100 Prozent erreicht hatten. Trotzdem finde ich es intimer, nach einem Konzert mit den Leuten am Merchandise-Stand zu quatschen, was wir immer noch machen – oder einfach das Konzert zu spielen."

Henning: "Ich glaube, dass wir Intimität über andere Ebenen herstellen als über eine Online-Überweisung."



Zum Beispiel?



Henning: "Neulich sprach uns ein Typ in der Bahn an, wir rauchten eine Zigarette mit ihm und quatschten. Das geht natürlich nicht immer, wir haben schon zu Leuten gesagt, dass wir gerade keinen Bock haben zu reden. Trotzdem: Ich bin der Meinung, wir geben uns immer noch viel Mühe, unseren Fans zu begegnen. Aber klar, je mehr Menschen unsere Musik hören, desto weniger von ihnen können wir prozentuell begegnen."

Ihr habt vorhin angesprochen, dass mit dem Label vieles anders wird, weil ihr mehr Geld zur Verfügung habt. Wie hat sich eure Arbeit konkret verändert?
Chrisi hat früher immer unsere Steuer gemacht, jetzt haben wir einen Steuerberater.
Henning May

Henning: "Das ist sehr vielschichtig. Chrisi kümmerte sich zum Beispiel früher immer um unsere Steuer, jetzt haben wir einen Steuerberater."



Chrisi: "Durch das Label gibt es mehr Leute, die sich Gedanken über die Band machen – und die ganz viele kleinere Entscheidungen ohne uns fällen können, zum Beispiel ob wir bei einer Tour erst in Magdeburg oder Hannover spielen. Dadurch haben wir mehr Zeit, uns um unsere Musik zu kümmern."

Henning: "Andere Leute für sich entscheiden zu lassen, ist schwierig, dafür muss man ihnen krass vertrauen. Das ist auch ein Grund, warum wir so lange gebraucht haben, um jemandem diese Verantwortung zuzusprechen."

(Bild: Fabien J Raclet)
In eurem neuen Lied "Das Krokodil" beschreibt ihr den Tour-Alltag, das klingt stressig. Sehnt ihr euch manchmal nach dem Anfang eurer Karriere zurück, wo ihr noch nicht so viel unterwegs wart?



Chrisi: "Nö, der Komfort hat ja eher zugenommen."



Henning: "Natürlich ist es manchmal hart, unser Jahreskalender ist voll. Aber ich sehne mich nicht nach der alten Zeit zurück. Es gibt bestimmt manche Dinge, die vor drei Jahren einfacher waren. Wir müssen uns zum Beispiel erst dran gewöhnen, dass wir in der Bahn erkannt werden. Aber ansonsten bin ich sehr glücklich. Ich finde toll, dass wir jetzt in einem Hotel schlafen, sodass jeder duschen und kacken kann, wann er will. Früher pennten wir auf Tour bei Freunden, das ist anstrengend: Du kommst abends an und willst schlafen, die haben aber noch Bock, zu labern und was zu trinken. Ich weiß noch, als wir zum ersten Mal in Berlin spielten, pennten Severin, Martin, unser Fotograf, und ich zu dritt in einem Bett, es ging nicht anders.“

Was glaubt ihr: Warum seid ihr inzwischen so unfassbar erfolgreich?


Im Musikmetier ist es das absolut Tollste, wenn Leute dich voller Inbrunst weiterempfehlen.
Henning May

Chrisi: "Viele Leute sprechen gerade von einem Hype oder einem Phänomen – aber Phänomen heißt ja, dass etwas überhaupt nicht erklärbar ist. Wir können das aber gut nachvollziehen – und wissen, wie viele Glücksfälle mit reinspielten. Ein Beispiel: 1Live spielte als einer der ersten Radiosender unser 'Oft Gefragt', die Beatsteaks waren zufällig im Studio, hörten das Lied – und fragten, ob wir mit ihnen auf eine Support-Tour gehen wollen."



Henning: "Wenn man fragt, warum jetzt so viele Leute unsere Musik hören, ist die eindeutige Antwort: Weil diejenigen, die unsere Musik am Anfang hörten, nicht müde wurden, uns zu empfehlen. Das ist das schönste und größte Gefühl. Klar, es gibt Sex und Liebe, aber im Musikmetier ist es das absolut Tollste, wenn Leute dich voller Inbrunst weiterempfehlen."

Ihr werdet häufig als Stimme einer Generation bezeichnet.

Chrisi: "Schrecklich!"



Henning: "Wir sind weder die Stimme einer Generation, noch die Stimme einer Bewegung. Ich glaube, Menschen in unserem Alter können sehr gut für sich allein sprechen."

(Bild: Fabien J Raclet)
Welches Ziel verfolgt ihr mit eurer Musik?



Henning: "Selbstverwirklichung. Wir wollen das, was uns bewegt, ausdrücken und festhalten."



Chrisi: "Und es in einem zweiten Schritt auf die Bühne bringen und Leuten ein schönes Gefühl geben.“
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Henning: "Wir genießen es sehr, andere Menschen zu berühren. Wir haben keine politischen Ziele in der Form, dass wir die Band sein wollen, die Fremdenhass vernichtet oder so. Wir glauben nicht, dass wir mit unserer Musik große Umwälzungen erreichen können, dafür sind wir zu rational. Aber wir können Menschen berühren und wir können Trost spenden."

Am 18. März erscheint euer erstes offizielles Studioalbum "Alles Nix Konkretes". Wie fühlt sich das an?

Henning: "Es ist ein tolles Gefühl, die Lieder, die wir schon so oft gespielt haben, endgültig aufzunehmen. Einige Leute beschwerten sich, weil nur Songs auf dem Album sind, die sie schon kennen. Bei uns ist das eben so: Wir probieren neue Lieder bei Konzerten aus. Das unterscheidet uns ganz wesentlich von anderen Bands. Wir sind der Überzeugung, dass man ein Lied auch mal zwei Jahre lang jeden Tag live spielen muss, damit man überhaupt realisiert, was das beste Tempo ist, ob das die richtige Tonlage ist."

Chrisi: "Das Album macht einen Haken hinter ein paar Stücke. Jetzt können wir uns darauf konzentrieren, wie es weitergeht."