Von Einflüssen, Konsensschaffern und Fallhöhen

AnnenMayKantereit haben mittlerweile Popstar-Status erreicht. Erst Social-Media-Superhype, dann ausverkaufte Hallen-Tourneen und Plattenkritiken überall. Mit dem Hype kamen auch die Kritiker der ehemaligen Konsenspoprocker.

Zugegeben: Wir sind nicht restlos überzeugt, aber waren zumindest von Anfang an fasziniert von Henning Mays Röhre. Anders kann man das AnnenMayKantereit-Alleinstellungsmerkmal kaum bezeichnen. Was die Band sonst noch so ausmacht? Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Straßenmusik

Straße, Lagerfeuer, WG-Küche. Wer als eine von Folkelementen beeinflusste Nachwuchsband Erfolg haben will, muss sich erstmal in diesen Kontexten beweisen. AnnenMayKantereit haben sich durch zig Straßengigs gespielt, bevor der Hype kam.

Vielleicht kommt die Erdverbundenheit und die viel zu oft sinnlos benutzte Floskel “Authentizität” daher. Was das eigentlich bedeutet? “Ich stehe hinter dem, was ich tue.” Wer sich erst durch das harte Metier der Straßenmusik gekämpft hat, kann sich das zu Recht ans Revers heften.

Ton Steine Scherben

Die Scherben und ihr in den Neunzigern verstorbener Frontmann Rio Reiser sind Legenden der deutschsprachigen Rockmusik und haben vor allem in den Siebzigern den Soundtrack zu einer rebellischen Zeit geliefert.

Der ziemlich politikbefreite Konsenspoprock von AnnenMayKantereit ist meilenweit vom meinungsstarken Rock der Scherben entfernt. Musikalisch und vor allem stimmlich weht mehr als nur ein Hauch Rio Reiser durch die Luft, wenn Henning May seine Stimme erhebt. Bei der Kaffeehaus-Version von "21, 22, 23" ist es besonders frappierend.

Tagebuch schreiben

Nach vertonten Tagebucheinträgen klingen einige der AMK-Songs. In Interviews haben die vier Kölner schön öfter verraten, dass sie alle Tagebuch schreiben und sich auch darüber austauschen. Eine sehr schöne Vorstellung ist jedenfalls, wie die vier Musiker in ihrem Nightliner sitzen und sich gegenseitig aus ihren Tagebüchern vorlesen. Quasi Therapiesitzung und Bandtreffen in einem.

Bob Dylan

Bei den Unplugged Aufnahmen von AnnenMayKantereit fühlt man sich an die frühen folkigen Dylan-Platten erinnert, die noch vor seiner großer Elektrifizierung Mitte der 1960er Jahre erschienen sind.

Handgemachte Musik, eine markante Stimme, ein riesiger Hype – aber auch eine umstrittene Ausnahmestellung nach dem Schritt in den Mainstream. Um eines klarzustellen: Vergleiche dieser Größenordnung hinken, aber ganz von der Hand zu weisen sind sie nicht. Dylans "Mr.Tambourine Man" war jahrelang im Repertoire von AnnenMayKantereit. Und die Mundharmonika kommt auch ab und zu zum Einsatz.

Beziehungen

Beziehungen waren schon immer Motor für die Popmusik. Auf Albumlänge zieht sich das Thema Beziehungen zu Vater/Affäre/bestem Freund/Exfreundin durch die AMK-Texte wie Kaugummi. Und wird auch ähnlich schnell langweilig.

Die Wahnsinnsstimme von Henning May steht auf "Alles Nix Konkretes" im Widerspruch zu den manchmal arg trivial und plakativ wirkenden Texten. Ein paar mehr textliche Ecken, Kanten und Überraschungen täten dem Konsenswunder AnnenMayKantereit sicherlich gut.

Sunny

Sunny gehört zu den meistgecoverten Stücken überhaupt. Egal ob Jazz, Mainstreampop oder Rock – Sunny findet den Weg in viele Sets von bekannten wie unbekannten Musikern. Darunter Musiklegenden wie Frank Sinatra, Boney M. oder James Brown. Auch AMK coverten den Song bei ihren unverstärkten Straßengigs.

Im Original stammt der Song von Bobby Hebb, der mit der aufregend-zwiespältigen Mischung aus Melancholie und Glück in Musik und Text den Bogen zu AMK spannt, die auf ihrer Debütplatte genau diese Gegensätze verbinden.


Musik

Mensch Bill, was ist denn dein Problem?

Bill "Tokio Hotel" Kaulitz hat einen neuen Instagram-Account mit unendlich coolen Schwarzweiß-Fotos. Der Account heißt billyisnotok. Er ist ein Teil seines Solo-Projekts Billy, das gerade noch nach modisch-depressiven Fotografien aussieht. Es gibt eine Single, ein Buch mit Fotos vom Dreh und eine Website. Und überall schaut Billy mit leicht geöffnetem Mund in die Kamera und schreibt, er sei nicht okay.