Bild: Bastian Harting
Und natürlich über sein neues Album "Musik ist keine Lösung".

Bei Alligatoah ist eigentlich alles aufgesetzt. Er selbst bezeichnet sich als Schauspiel-Rapper, für seine Songs schlüpft er in Rollen: In seiner Single "Denk an die Kinder" zum Beispiel spielt er einen aus der Zeit gefallenen Popstar, der seine beste Zeit hinter sich hat und mit einem Benefizsong noch einmal richtig abräumen will. Campino. Hust. Xavier Naidoo. Doppelhust.

Hinter dem vielgesichtigen Alligatoah steht das Multitalent Lukas Strobel. Der 26-Jährige rappt, singt, produziert Beats und dreht Videos. Nebenbei tobt er sich noch in der Pipikacka-Truppe Trailerpark aus.

Mit "Musik ist keine Lösung" kommt am 27. November Alligatoahs viertes Studioalbum raus. Ja genau, es ist tatsächlich schon seine vierte Platte, auch wenn viele den Rapper vermutlich erst seit seinem kommerziellen Durchbruch "Triebwerke" kennen. Wir haben mit ihm über die Entstehung seines neuen Albums gesprochen.

Alligatoah, in den Making-Of-Videos zu "Musik ist keine Lösung" hockst du allein in einer abgelegenen Waldhütte und nimmst deine Songs auf. War das wirklich so romantisch?

Oder ist das alles nur gestellt und ich habe eigentlich in einem Kellerloch in einem Industriegebiet gearbeitet!? (Lacht)

Es könnte ja sein, dass nur ein paar Songs da draußen entstanden sind.

Ich habe das komplette Album in meinem kleinen Hüttenstudio im Wald erzeugt. Da habe ich mich wohl gefühlt und durch die Arbeit in der Natur bin ich sehr aufgeblüht. Deshalb habe ich in einer für meine Verhältnisse relativ kurzen Zeit, neun Monaten, das Album fertig gekriegt.

Musikmachen war für mich immer eine Art von Flucht aus dem Alltag und der normalen Realität.
Alligatoah

Du streifst in dem Video durch den Wald und nimmst Sounds auf. Haben die es aufs Album geschafft?

Das ist ein kleines Rätselspiel, da soll sich gerne jeder auf die Suche machen. Tatsächlich sind viele von den Sounds, die ich da aufgenommen habe, eingeflossen. Das hat auch damit zu tun, dass ich vom Land komme und mit den Sounds eines Waldes vertraut bin. Ich bin gespannt, wem die kleinen Steinchen oder das Geraschel des Busches auffallen.

Brauchst du die Ruhe, um Lieder zu schreiben?

Ja, schon meine ersten Lieder habe ich geschrieben, indem ich mich komplett zurückgezogen habe. Musikmachen war für mich immer eine Art von Flucht aus dem Alltag und der normalen Realität. Erst war das der Schulalltag, später dann die Ausbildung oder die Arbeit. Die Musik war immer mein Zufluchtsort und dieser Ort war immer besonders effektiv und inspirierend, wenn ich ganz alleine für mich war.

Mittlerweile lebst du davon, "Musik ist keine Lösung" ist dein viertes Studioalbum. Für viele Fans ist es aber wohl erst das zweite, weil die dich erst seit dem Riesenerfolg "Triebwerke" kennen. Inwiefern hat dich das im Schreibprozess unter Druck gesetzt?

Mir ist bewusst, dass jetzt viel mehr Augen auf mich gerichtet sind und schauen, was ich als nächstes mache. Davon habe ich mich aber nicht nervös machen lassen. Was ich an Druck verspürt habe, war lediglich mein eigener Druck – und das ist seit jeher der härteste Druck, den ich mir vorstellen kann. Ich bin selbst mein härtester Kritiker und Kontrolleur. Wenn mir das, was ich mache, missfällt, kommt auch schon mal der Rohrstock raus.

Als "Triebwerke" rauskam sperrte Facebook dein Cover, weil dein nackter Hintern drauf ist. Hat dich das geärgert?

Ich war eher überrascht, weil ich die sozialen Netzwerke bisher immer als relativ unkontrolliert und ungehalten kennengelernt habe. Was man im Internet mit wenigen Klicks an Widerwärtigkeiten und pornografischen Inhalten findet, überschreitet mein harmloses Cover dann doch bei weitem.

Widerwärtigkeiten und Hetze stehen im Internet während Dinge zensiert werden, die um einiges harmloser sind. Das ist ein gutes Beispiel für ein Stück Realsatire.
Alligatoah

Trotzdem hat es dein Cover erwischt.

Die Aufregung ist immer dann groß, wenn es Kläger gibt und jemand es meldet. Bei meiner Reichweite ist es logisch, dass auch der ein oder andere dabei ist, dem so ein Cover missfällt – ein besorgtes Elternteil zum Beispiel. Aber ich bin generell niemand, der pubertär reagiert, wenn es um Zensur geht. Ich weiß, dass ich Facebook nicht besitze und es Leute gibt, die das ganze System aufgebaut haben. Die müssen natürlich auch dafür gerade stehen, was da gepostet wird. Wenn sie der Meinung sind, dass mein Inhalt zensiert sein muss, muss ich mir eben überlegen, ob ich weiter auf Facebook stattfinden möchte.

Deine Facebook-Seite gibt es aber noch.

Für mich ist Facebook die Möglichkeit, einen Ausschnitt meines Werkes zu bieten. Wenn ich bei jemandem zu Besuch bin, ziehe ich mir vielleicht die Schuhe aus, bevor ich ins Haus reingehe. Dann sage ich: "Komm doch auch mal zu mir, da müssen wir die Schuhe nicht ausziehen." So mache ich das auch mit zensierten Teilen von mir in den Medien. Ich lade die Leute ein, das Ganze auch unzensiert wahrzunehmen: wenn sie sich einfach das Album zulegen.

In letzter Zeit regen sich immer mehr Leute über die Nippelzensur bei Facebook auf, Hetzkommentare bleiben dagegen stehen. Wie stehst du dazu?

Das ist genau derselbe Punkt: Widerwärtigkeiten und Hetze stehen im Internet, während Dinge zensiert werden, die um einiges harmloser sind. Das ist ein gutes Beispiel für ein Stück Realsatire.

Im Frühjahr hat der NPD-Kreisverband Leipzig deinen Song "Willst du" gepostet um ein Zeichen gegen Drogen zu setzen. Wie hast du damals reagiert?

(Bild: Facebook)

Ich hatte das erst gar nicht gesehen. Mein Manager Sebastian Krug hat aber in einem eigenen Post darauf reagiert, was wiederum einen Shitstorm auf die NPD-Seite ausgelöst hat. Das fand ich ein schönes Beispiel dafür, wie man sich selbst entlarven und ins Knie schießen kann. Die NPD hat als rechtsgesinnte Partei Musik von einem Künstler gepostet, der ihrer Gesinnung nicht ferner sein könnte. Dafür haben sie das Echo geerntet.

Ich möchte nicht, dass Leute meine Aussagen auf eine Fahne schreiben und da hinterherrennen.
Alligatoah

Im Titelsong "Musik ist keine Lösung" von deinem neuen Album rappst du von "rechtsextremgesinnten Spasten, die dein Video posten, weil sie kalkulierte Jagd auf jugendliche Wählerstimmen machen". Ist das deine nachträgliche Antwort auf die Aktion?

"Musik ist keine Lösung" handelt wie alle meine Songs nicht komplett von mir. Aber oft sind kleine Bereiche darin behandelt, die mir so in der letzten Zeit widerfahren sind. Dazu gehört eben auch diese Zeile und das Erlebnis mit den rechtsextrem gesinnten Spasten.

Auch im Song "Teamgeist" behandelst du das Thema Rassismus. Da rappst du von Hundehaltern, die sich für Herrchenmenschen halten und Apfelessern, die sagen, dass wir nicht der Obstkorb der Welt sind. Wieso sagst du nicht direkt, dass Rassisten Arschlöcher sind?

Ich habe immer auf diese Art und Weise Aussagen getroffen. Das ist meine Art, Stellung zu nehmen. Sonst könnte ich auch ein Politiker sein. Aber ich bin Musiker. Und mein Verständnis davon, sich mit Sachen auseinanderzusetzen, ist ein künstlerisches. Das bedeutet nun mal, dass man Sachen verschlüsselt und ein ästhetisches Gesamtbild erzeugt; dass man sich dran stoßen kann; dass es Reibereien gibt.

(Bild: Bastian Harting)

Meinst du, deine sarkastische Herangehensweise hat dieselbe Wirkung wie eine klare Ansage?

Ich möchte nicht, dass Leute meine Aussagen auf eine Fahne schreiben und da hinterherrennen. Lieber möchte ich Menschen, die sich über meine Beobachtungen freuen und etwas da rausziehen, was sie ihrerseits zu interessanten Überlegungen führt.

Neben rechten Strömungen in Deutschland rappst du unter anderem über die Wegwerfgesellschaft, Selbstoptimierung und Spießbürgertum – alles durchaus aktuelle Themen. Es wirkt gar nicht so, als hättest du dich ein Dreivierteljahr in eine Hütte gesperrt und nur dein Ding gemacht.

Viele dieser Themenansätze für Lieder stehen schon sehr lange auf meinem Zettel. Das lässt einen Schluss darüber zu, dass sie so aktuell wie sie jetzt sind, auch schon in der Vergangenheit waren – und wahrscheinlich auch in der Zukunft noch sein werden.

Trotzdem: Rechtssein wird in Deutschland gerade gefühlt massenkompatibel. Ist es wirklich Zufall, dass ein Song wie "Teamgeist" gerade jetzt kommt?

Natürlich passt der Song auf die aktuelle Situation und hat damit zu tun. Gleichzeitig ist das aber ein generelles Phänomen, deshalb habe ich den Text relativ allgemein gehalten: Es geht um das Kernproblem vom Faschismus: dass du dich in der Gruppe, mit der du dich identifizierst, besser fühlst als eine andere Gruppe.

Deine Musik lebt vom Gegensatz. Du schreibst meist sehr böse Texte, dazu kommen unfassbar eingängige Mitsing-Melodien. Wie passt das zusammen?

Ich finde, dass in diesem Ansatz sehr viel Philosophie stecken kann. In dieser Welt sieht man einfach sehr viel Brutalität und Dinge, die einen mit Hilflosigkeit konfrontieren. Und doch ist das einzige, was uns da irgendwie raushilft, eine Fröhlichkeit an den Tag zu legen. Ich glaube, Traurigkeit und Fröhlichkeit lassen sich nicht voneinander trennen. Beides gehört zum Leben.

Noch mehr Musik: Wir sind alle Maybe und Teesy schreibt den Soundtrack.