Bild: Getty Images

Ein bisschen singen, ein bisschen mit den Leuten schwätzen und ganz sicher keine Pyroshow. Bei Adele kann ein Konzert ganz einfach zum betörenden Spektakel werden - wie jetzt in Berlin.

Die Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof, die zurzeit von einem schwäbischen Automobilhersteller gesponsert wird, hat schon einiges gesehen.

Lady Gaga stellte auf die Bühne der Arena mal eine halbe Ritterburg, Pink hing als Seilakrobatin hoch über der Menge, Katy Perry ließ bunte Ballonmonster fliegen, und U2 teilten gleich die ganze Halle mit einem riesigen Videoschirmgerüst in zwei Hälften.

Ein Topstar, der teils mehrere hundert Euro für ein Ticket verlangt und auf Arena-Tournee geht, muss heutzutage tatsächlich eine Art Pop- oder Rock'n'Roll-Zirkus auf die Bühne bringen. Die Leute wollen ja schließlich nicht nur die Hits hören, sie wollen auch was sehen für ihr Geld.

Bei einem Arena-Konzert von Adele sind diese Show-Gesetze außer Kraft. Das hier alles ein bisschen anders sein würde, war am Samstagabend gleich zu Beginn des ersten von zwei Berlin-Konzerten der unfassbar erfolgreichen britischen Sängerin klar.

Minimales Mittel, maximaler Effekt

Wie einst in Orwells Dystopie-Klassiker "1984" hingen Adeles eindrucksvolle Augen in Schwarzweiß auf einem mächtigen Videoschirm über der Halle, zunächst geschlossen. Nicht "Big Brother", eher eine große Schwester sollte hier ihren intensiven Blick über die mit 12.000 Gästen ausverkaufte Halle schweifen lassen. Heute Abend wird zurückgeguckt - doch nicht gemeint als Drohgebärde, eher als Aufforderung zum Dialog.

Eigentlich gehört das melancholische Augenpaar in den Videoclip zu Adeles großer Comeback-Single "Hello". Und als die Sängerin mit den Worten, "Hello, it's me", mittels Hydraulik aus den Tiefen hinauf ins Publikum fuhr, öffneten sich die liedstrichverzierten Augen. Minimales Mittel, maximaler Effekt.

Diesem Konzept blieb Adele zwei Stunden lang treu. Die dunkle Glitzerrobe trug sie von Anfang bis Ende, es gab keine Kostümwechsel, keine Tänzer, keine Pyrotechnik, Motorräder, 3D-Animationen oder was sich Künstler sonst noch so einfallen lassen. Es gab einfach Adele und ihren Gesang, eine sehr gute Band samt Streichern und Bläsern, einige zumeist in Schwarzweiß gehaltene Video-Sequenzen - und einmal Regen, der aber Adele wundersamerweise nicht nass werden ließ.

Ein Retro-Look für eine Sängerin, die im besten Sinne retro ist, denn der enorme Erfolg von Adele basiert nun einmal vorrangig darauf, dass sie hervorragend singt. Eine Diva im klassischen Sinn. Nicht umsonst dachte man an diesem Abend das eine oder andere Mal daran, dass diese sparsam inszenierte, aber eben auch sehr edle Show genausogut in Las Vegas stattfinden könnte, der Heimat des großen Entertainments, eines altmodischen Showbusiness, das mit Namen wie Barbra Streisand verknüpft ist.

Das Konzert in Bildern:
1/12
Dieser Tiergarten! Und das Wetter!

Aber Adele ist eben mehr als eine Diva. Sie ist eine Diva, die eben noch auf der Bühne gefälligen Pop-Pathos zum überlebensgroßen Drama hochschmettern kann, um dann im nächsten Moment mitten im Publikum zu stehen und im schnodderigen Eastender-Slang mit dir zu plaudern, ein Selfie zu machen, sich auch mal drücken und herzen lässt - und den Berlinern zu erzählen, wie toll ihr Zoo ist.

Gleich zweimal sei sie in den vergangenen Tagen da gewesen, so super sei der Tiergarten, schwärmte sie, nachdem zuvor, beim Song "Hometown Glory", nicht nur Bilder aus London, sondern auch aus Berlin über die Videoleinwand geflimmert waren. Und erst das Berliner Wetter! Einen Sonnenbrand habe sie sich geholt, als sie zwei Tage zuvor mit Ehemann Simon und Söhnchen Angelo ihren 28. Geburtstag unter anderem im Volkspark Friedrichshain beging. D

amit, und natürlich mit ihrem immer wieder durch die Halle schmetternden, berühmt-berüchtigten Kiezmatronen-Gelächter, hatte sie das Hauptstadt-Publikum schon beim zweiten von insgesamt 17 Songs in der Tasche.

Auch wenn es zum großen Teil gar nicht aus Berlin kam, wie sich später in einem Abfragespielchen Adeles herausstellte ("Ist irgendjemand aus Neuseeland hier?" - Jubel aus einer Ecke hinten links). Besonders groß scheint die finnische Expat-Gemeinde Berlins zu sein, oder sie ist einfach sehr laut.

Adele mit 12.000 Kumpels im Pub

Ein Fan wollte witzig sein, denn er kam im Lionel-Richie-Shirt und hatte einen der Plätze nahe an der Bühne entdeckt. So wurde er prompt von Adele entdeckt: Ob er denn erwartet habe, Richie, den Sänger mit dem anderen "Hello"-Song, zu sehen, fragte sie - und ob sie das Shirt haben könne.

Dann noch schnell ein Foto mit dem kleinen Mädchen mit dem großen weißen Papierherz, dass sie für Adele angefertigt hatte - und dann stand sie wieder auf der Bühne und sang Song-Monumente wie den Bond-Song "Skyfall", "Million Years Ago" und, ein Höhepunkt des Hauptteils, "Someone Like You".

Es waren vor allem die älteren Songs, darunter auch "Rumour Has It" als eine der wenigen schnelleren Stücke, "Set Fire To The Rain" und das Bob-Dylan-Cover "Make You Feel My Love", die am meisten berührten und noch zeigten machten, warum ausgerechnet Adele Laurie Blue Adkins aus Tottenham, die früher die Spice Girls und East 17 liebte, mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen des 21. Jahrhunderts werden konnte.

Die Songs des neuen Albums "25" blieben hinter den Hits zurück und ließen zwischendurch ein wenig Langatmigkeit aufkommen, mit Ausnahme der Ballade "When We Were Young", zu der Kinder- und Jugendbilder Adeles gezeigt wurden - zum Teil nicht die schmeichelhaftesten.

Genau dieser Kontrast zwischen Ehrfurcht gebietender Stimmgewalt, Emotionswucht und der strengen, sehr herben und sehr britischen Schönheit Adeles einerseits - und dem Gefühl andererseits, man säße eigentlich mit ihr und 12.000 anderen Kumpels in einem Pub und zische ein paar Bier und derben, zotigen Gesprächen, eben das macht den Charme eines Adele-Konzerts aus - und das Spektakel.

Noch vor kurzer Zeit schien die Möglichkeit einer solchen Welttournee in Riesen-Arenen für die von Lampenfieber und Angst vor Stimmversagen geplagte Sängerin unmöglich. Noch immer wünscht man sich einen kleineren, einen Club-Rahmen für diese intimen Songs und diese persönlichen Chat-Einlagen als eine dröhnende, sterile Halle. Aber wenn jemand einen so unbehausten Raum allein mit ihrer Persönlichkeit souverän zum Beben bringt, dann ist es zurzeit wohl die erstaunliche, ganz und gar umwerfende Adele.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Fühlen

Urlaub mit Mutter? Genau das Richtige!
Es gibt dafür keinen besseren Zeitpunkt als jetzt – mit Mitte 20.

Meine Mutter und ich sehen uns fünf Mal im Jahr, skypen alle zwei Wochen und schicken uns ab und an via WhatsApp digitale Büropostkarten. Seit ich mit 18 nach London gezogen bin, haben sie und ich nie mehr als einen Tag alleine miteinander verbracht.

Mittlerweile bin ich Mitte 20 und wir verabreden uns zum Skifahren in Österreich.