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Wirklich nicht.

Traditionshase, zwei Stück, jeweils 1,79 Euro. Das steht auf einem Karstadt-Einkaufsbeleg, ein Foto davon kursiert seit einigen Tagen im Internet.  Eigentlich kein großes Ding. Dennoch hat es der Traditionshase jetzt zum Trending-Topic auf Twitter geschafft.

Der Grund: Erika Steinbach. Die war früher mal in der CDU und ist nun Vorsitzende einer AfD-nahen Stiftung. Sie empört sich öffentlich über die Bezeichnung des Schokohasens und schreibt:

Offenbar wittert Steinbach eine Verschwörung. Die Anschuldigung ist eine ebenso beliebte wie falsche Theorie, Steinbach hat sie schon diverse Mal vorgebracht; ihren Anhängern ist sie inzwischen so geläufig, dass Steinbach sie gar nicht mehr explizit aussprechen muss:

Aus Rücksicht auf Muslime und ihre religiösen Gefühle würden Supermärkte die Osterhasen nun Traditionshasen nennen, denn: Zuwanderer würden Deutschland vermeintlich islamisieren. Schließlich feiern Muslime kein Ostern. Ein traditioneller Osterhase, der auch so heißt, wäre also schlecht für's Geschäft.

Ähnliche Anspielungen machten viele weitere Twitternutzer und auch rechte Hetzaccounts auf Facebook. Zum Beispiel diese Seite, die "Lutz Bachmann 4" heißt und immer wieder Stimmung gegen Muslime macht.

Selbst unter einem alten Karstadt-Oster-Gewinnspiel regen sich Nutzer auf. Eine Kostprobe, sie steht stellvertretend für viele Kommentare:

"In Euren Laden setzen weder ich, noch Freunde, noch Verwandte auch nur einen Fuss, solange Ihr den Islam vergöttert und unsere christlichen Traditionen und die deutsche Kultur mit Füssen tretet. Meint Ihr in muslimischen Ländern würde Ramdan umbenannt weil auch Christen dort in dem Land leben????Die Schaukel der Erfinder des Traditionshasen hat in der Kindheit mit Sicherheit zu dicht an der Wand gestanden!!!" (Fehler im Original)

Auch bei Rewe hat den Traditionshasen im Angebot, ein Twitter-Nutzer will Erika Steinbach darauf aufmerksam machen.

Der Karstadt-Konzern hat sich noch nicht geäußert. Aber Rewe hat die Sache bereits klargestellt:

Der Hase heißt schon seit mindestens 26 Jahren so. Von Islamisierung keine Spur. Erika Steinbach und all die anderen Nutzer regen sich völlig ohne Grund auf.

Dazu kommt: Viele Hersteller geben ihren Schoko-Osterhasen Eigennamen, sie sollen sich vom übrigen Sortiment abheben. Bei Milka heißen sie "Schmunzelhasen" und bei Lindt heißen sie "Goldhasen" oder "Traditionshasen" (mimikamaFrankfurter Runschau). Das hat mit muslimischen Zuwanderern, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind, nichts zu tun. Und wenn doch, wäre es auch nicht so schlimm, aber das ist ein anderes Thema. 

Die Wut der Verschwörungstheoretiker ist einerseits lustig. Denn zum Lachen ist das ja schon, dass jemand so viel Wut in einen so schwachsinnigen Post steckt. Einerseits. Aber andererseits sind der Post und die vielen Reaktionen darauf auch ziemlich traurig. Er zeigt: Ein kleiner Teil in der deutschen Gesellschaft reagiert auf Muslime offenbar so ablehnend oder ängstlich, dass schon ein Schokohase mit falschem Namen ausreicht, um sie in ihrem gefestigten Weltbild zu bestätigen.

Der Reflex der Rechten ist inzwischen so bekannt, dass die Satireseite Postillon vor knapp einem Monat einen Witz dazu machte. Darin ging es um einen Muslim, der angeblich in Zukunft keinen "Jägermeister" mehr trinken wolle, weil im Logo ein Kreuz sei. Selbst darauf fiel Erika Steinbach rein, empörte sich. "Es ist schon dreist, was hier in Deutschland abgeht", twitterte sie.

Ähnlichen Aufruhr gab es Ende vergangenen Jahres, auch hier hatte die AfD-nahe Erika Steinbach auf Twitter ihre vermeintlich weltbewegende Entdeckung mit der Welt geteilt: Der Weihnachtsmarkt im schleswig-holsteinischen Elmshorn nannte sich doch tatsächlich "Lichtermarkt".

Was Frau Steinbach und ihren pöbelnden Freunden aber auch hier entgangen war, ist die Tatsache, dass der Lichtermarkt schon seit rund zehn Jahren seinen Namen trägt. Der Grund: Ein Betreiberwechsel und das neue Lichtkonzept der Elmshorner Altstadt. (Neue Westfälische)

  • Die Beispiele zeigen, wie gezielt Steinbach und andere Rechte Social-Media-Nutzer die Story von der vermeintlichen Islamisierung auf alltägliche Produkte herunterbrechen, die vielen Menschen am Herzen liegen.
  • Das Getöse um die vermeintlich vorsorglich umbenannten Produkte ist meist nichts weiter als Stimmungsmache gegen Muslime, die dafür wirklich nichts können.

Was Hoffnung macht: Auf Twitter reagierten am Donnerstag viele Nutzer auf Steinbach, wiesen auf ihren Fehler hin, verlinkten Artikel, die die Sache klarstellten oder machten sich über die Angelegenheit lustig.

Solche Antworten dürften vor allem denen Mut machen, die Steinbach so gerne einschüchtern möchte: Muslimen. Denn ohne den Widerspruch stünden die einfach nur einer sehr lauten rechten Minderheit gegenüber. Und dass Menschen wie Erika Steinbach auf diese absurde Art und Weise unsere öffentliche Debatte kapern, das wollen wir dann ja auch nicht.


Fühlen

Ich wurde im Zug von randalierenden Fußballfans belästigt – so habe ich mich gewehrt
Warum hat mir kein Zug-Schaffner geholfen? Warum sind nicht mehr Polizisten im Zug?

Fast jedes Wochenende sitze ich im Zug, schon oft sind mir Männer zu nahe gekommen, auch saß ich schon neben Horden von Fußballfans, die grölten und randalierten. Das gehöre eben zum Alltag dazu, sagte ich mir. Schließlich kannte ich ähnliche Geschichten von anderen Frauen. Jahrelang habe ich solche Situationen abgetan – bis jetzt. Jetzt habe ich zum ersten Mal reagiert, ja, bin sogar zur Polizei gegangen.

Anlass war eine Zugfahrt mit dem RE 6 von Gütersloh nach Dortmund. Schon als der Zug in Gütersloh einfuhr, konnte ich die Männer sehen: mit weiß-grünen Schals und Bierflaschen in der Hand. Einer hämmerte mit der flachen Hand gegen das Fenster. Den ganzen Zug hatten die Fußballfans besetzt.

Drinnen mischte sich der Geruch von Zigaretten und Bier. Ich blieb mitten im Gedränge stehen, freie Plätze gab es kaum, überall sah ich nur Fußballfans. Wenige Meter entfernt saß ein junger Mann mit seinen Kumpels, hellblonde Haare, stämmiger Typ mit glasigen Augen. Er schaute mich an und rief: "Bock zu poppen?" Er schob eine Hand in seine Hose, holte seinen Penis raus und brüllte: Ob ich den nicht lutschen wolle. Seine Fußballkumpels grölten. Ich senkte den Blick.