Bild: Hans Reiners/Unsplash/ cc 0
Warum wir bei spanischem Wetter spanische Bräuche einführen sollten.

Als ich heute Morgen die Treppen in den U-Bahnhof hinabgehe, begrüßt mich ein kühler Luftzug. Eigentlich ist der langersehnte Summer in the City doch schön, denke ich mir noch. Nur zwei Minuten später löst sich der Gedanke auf wie ein Eiswürfel im Wasserkocher. Beim Öffnen der Türen schlägt mir eine Hitze-Wand ins Gesicht. 

Meine Motivation ist auf dem Tiefpunkt, bevor das erste Wort geschrieben, die erste Mail geöffnet, oder das erste Telefonat überhaupt geführt wird. Verzweifelt starre ich tagsüber alle zehn Minuten auf meine Wetter-App: 33 Grad in Berlin, 34 in Hamburg und 39 in Köln. Es fühlt sich an, als ob Deutschland sich auf die Sauna-WM vorbereitet. 

Überraschend dabei: Obwohl der Schweiß in Bächen strömt, bleiben Arbeitnehmer hierzulande dem international verbreiteten Klischee des leistungsorierentierten Deutschen treu. In langer Hose, Sakko und Dienstuniform: Die Selbstaufopferung in den glutheißen Großraumbüros kennt keine Grenzen. So kann es nicht weitergehen. 

Denn die aktuelle Hitzewelle macht mir und vielen anderen nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu schaffen.

2017 wurden etwa 12.000 Krankschreibungen wegen Hitzschlag, Sonnenstich und ähnlichem ausgestellt, 40.000 Fehltage summierten sich. 

Dass es sinnvolle Alternativen gibt, erinnere ich aus meinem Auslandssemester in Spanien: Trotz ähnlicher Temperaturen schien der Alltag nicht so schwerfällig wie aktuell in Deutschland. 

Der Schlüssel zum Überstehen der Hitze war die Siesta, eine zwei- bis dreistündige Pause zwischen vierzehn und siebzehn Uhr. 

In dieser Zeit saßen die Menschen im Café, aßen, tranken Wein, oder hielten einfach ein Mittagsschläfchen. 

Diese Arbeitsunterbrechung verwunderte mich urdeutsche Kartoffel am Anfang. Drei Stunden Pause? Statt der üblichen dreißig Minuten? Das fühlte sich falsch an. Das "Nine To Five"-Schema war so in meiner DNA verankert, dass ich mir nicht vorstellen konnte, was mit der Zeit überhaupt anzufangen sei. Anfangs blieben meine Kommilitonen und ich sogar in der Uni, im Laufe der Zeit lernten wir jedoch, die Siesta zu nutzen: Wir entspannten im Park, trieben Sport, kochten gemeinsam. Der Alltag wurde entschleunigt, aufgeteilt und dadurch entspannter.

(Bild: Max Böhme/Unsplash)

In vielen südeuropäischen Ländern hat die Siesta auf Grund der hohen Temperaturen eine lange Tradition. Die zu erwartenden Hitzewellen, denen Deutschland in den kommenden Jahrzehnten ausgesetzt sein wird, machen eine solche Pause nun auch hier zur erstzunehmenden Idee.

Denn das kollektive Aussitzen der Mittagshitze verbindet: Eine Siesta schafft Freiräume für die schönen Dinge des Lebens, mitten im Alltag. 

Um die Arbeitszeit wieder aufzuholen, müssen Geschäfte und Betriebe zwar länger offenbleiben – in den kühlen Abendstunden ist produktives Arbeiten jedoch weitaus einfacher möglich als zur Mittagszeit. Selbst die Laune der Menschen besserte sich dadurch. 

Vielleicht müssen wir auch gar nicht bis nach Spanien gucken, um eine angenehme Pausenregelung zu finden. Was Großstädter gerne vergessen: In vielen deutschen Dörfern ist eine Pause Standard: Die Geschäfte schließen und Familien treffen sich zum gemeinsamen Mittagessen.

Warum also nicht auch in der Stadt ein Nickerchen machen? Studien belegen, dass regelmäßige Mittagsstunden nicht nur die Denkfähigkeit und Produktivität steigern, sondern auch das Leben verlängern. Und wer länger lebt, kann länger arbeiten. Mit diesem Argument bekommt man vielleicht sogar den leistungswilligsten Alemán überzeugt, am Nachmittag mal ein Stündchen auf "Pause" zu drücken. 


Gerechtigkeit

Schwein oder nicht Schwein? Was die Speiseplanänderung zweier Kitas mit Identitätskrisen zu tun hat

Zwei von insgesamt 56.000 Kindertagesstätten in Deutschland (Statistisches Bundesamt) haben ihren Speiseplan umgestellt. Seit Mitte Juli wird in den beiden benachbarten Einrichtungen in Leipzig nur noch Essen ausgegeben, das schweinefleischfrei ist. Die Eltern wurden vorab informiert, die meisten hätten die Umstellung gut gefunden. (Süddeutsche Zeitung

Die Nachricht – so sie überhaupt eine ist – könnte hier zu Ende sein. Allerdings ist es nicht so einfach. Zuerst vermeldete die "Bild"-Zeitung das Thema, dann empörten sich Politikerinnen und Politiker von AfD und CDU, die CDU Sachsen sprach gar von einem "Verbot". Schließlich trendete am Dienstag der Hashtag #Schweinefleisch auf Twitter – und die Leipziger Polizei kontaktierte zur Sicherheit die Kindergartenleitung. (SPIEGEL ONLINE)