Es ist geil ein Dorfkind zu sein.

Als Kind übst du einmal in der Woche bei der Jugendfeuerwehr den Ernstfall. An den restlichen Tagen gehst du zum Kicken auf den Bolzplatz oder kletterst auf Bäumen herum. Am Wochenende singst du "Danke" und "Einfach spitze" in der Kinderkirche. Und überall sind immer exakt dieselben Leute anwesend.

Später stellst du fest: Dorffeste sind die legendärsten Partys. Willst du mit deinen Freunden doch mal in der Stadt feiern gehen, muss einer der Fahrer sein. Denn du lebst in der Einöde. In einem 500-Seelen-Örtchen. Irgendwo im Nirgendwo.

Das kennst du nur, wenn du ein echtes Dorfkind bist:

Wenn es eine gibt, läufst du immer auf der Straße. Ampeln? Fahrbahnmarkierung? Fehlanzeige.
Du kannst schon Autofahren, bevor du das erste Mal eine Fahrschule von innen gesehen hast.
Und Traktorfahren noch eher.
Du gehst jedes Jahr zelten im Pfarrgarten.
Durch die Jugendfeuerwehr weißt du, wie ein Pfahlstich geht.
Nachts kannst du eine Milliarde Sterne sehen.
Du hast einen Freund, der in einem Haus lebt, das keinem der umliegenden Dörfer zuzuordnen ist.
(Bild: privat)
Mit deinen Freunden hast du das "Stromzaun-Spiel" gespielt.
Wenn es morgens geschneit hat und du zu spät in die Grundschule kamst, war das egal. Dein Lehrer und alle anderen waren auch zu spät.
Die Faustregel lautete: "Wenn der Bus mehr als eine halbe Stunde zu spät ist, darfst du wieder nach Hause gehen."
Bei Schnee wird weder geräumt noch gestreut. Auf manchen Straßen bilden sich Eisflächen, die monatelang bleiben.
Milch und Brot werden direkt nebenan hergestellt. Manchmal darfst du selbst die Kühe melken.
Beim Spaziergang kannst du dir hier einen Apfel vom Baum pflücken oder dort einen Maiskolben mitnehmen.
Der Blick aus deinem Kinderzimmerfenster: Büsche, Bäume, Felder und vielleicht eine Landstraße.
In der Küche waren immer Fliegen. Immer.
Der Rasen muss nicht gemäht werden: Manchmal reicht es, die Nachbargänse reinzulassen – die dann alles abgrasen.
Wenn es ganz still ist, hörst du die Strommasten hinten auf dem Feld knistern.
An heißen Tagen badest du im Bach und klaust Kirschen.
Als Kind hast du dir Froschlaich nach Hause geholt, um ihn zu untersuchen.
Ihr habt am Straßenrand einen Laden aufgemacht – ein kleiner Tisch – um selbstgepflückte Blumen zu verkaufen.
Es hat funktioniert. Immer. Die Einnahmen lagen im Pfennigbereich.
Es gehört mindestens eine weitere Familie im Dorf zu deiner Verwandtschaft.
Das Highlight am Kindergeburtstag: Opa fährt alle mit dem Traktor herum.
(Bild: privat)
Viele deiner Freunde wohnen auf einem Bauernhof. Wenn du sie besuchst, begrüßt du zuerst die Kälbchen.
Als du älter wirst, hängst du mit deinen Freunden an der Bushaltestelle ab. Der einzigen Bushaltestelle.
Irgendwo in einem Garten gibt es eine Hanfplantage.
Die weiterführende Schule ist in der nächsten Stadt.
Wenn du eine Mitfahrgelegenheit zur Schule hast, bist du immer der Erste dort – fährt man später los, steht man im Stau.
Fährst du mit dem Bus, hält der auf dem Weg noch in 18 anderen Dörfern.
Du musst jeden Dorfbewohner grüßen – sonst wird gleich den Eltern erzählt, "Dein Kind hat mich nicht gegrüßt."
Jeder deiner Nachbarn weiß, wann du nach Hause kommst – und mit wem.
Der Postkasten wird nur einmal in der Woche geleert.
Dorffeste for Life: Am Bierstand, der nie leer wird, triffst du Bekannte deiner Eltern. Gemeinsam saufen ist normal.
Das Osterfeuer ist das Event des Jahres.