Bild: Charles/Unsplash
Drei Expertinnen erklären, wo die Probleme der Menstruations-Tracker liegen.

"Wann hattest du das letzte Mal Sex? Habt ihr verhütet? Wie fühlst du dich heute? Hast du gestern Alkohol getrunken? Und hast du heute masturbiert?"

Derartig private Informationen würden viele Menschen nicht mal mit der besten Freundin teilen. Aber Millionen Frauen weltweit tragen sie bereitwillig in ihre Zyklus-Apps ein – ohne zu wissen, dass ihre Daten dabei an Dritte weitergegeben werden. Zum Beispiel an Unternehmen wie Facebook.

Die Zyklus-Apps versprechen mehr als das bloße Aufzeichnen der Menstruation: Sie prognostizieren die nächsten Blutungen sowie die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage. Außerdem fragen sie die Nutzerinnen nach Details zu ihrem Befinden oder ihrer Gesundheit.

Im besten Fall können Frauen mit den Apps ihren Zyklus verfolgen und mehr über ihren Körper lernen. 

Für einige kann es zur sexuellen Selbstbestimmung beitragen, etwas über die eigene Fruchtbarkeit und Muster im Zyklus zu erfahren, andere nutzen die Apps aus medizinischen Gründen, um beispielsweise Symptome des prämenstruellen Syndroms zu protokollieren.

Doch wie sehr kann man den Apps vertrauen?

Die Gynäkologin Petra Frank-Herrmann unterteilt Zyklus-Apps in verschiedene Kategorien. Die größte davon ist die der Prognose-Apps. (DGGG)

Dr. Petra Frank-Herrmann

(Bild: privat)

Diese werben unter anderem damit, die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage sowie die nächste Periode vorauszusagen.

Ein großes Problem, findet Frank-Herrmann. Denn die Apps können Frauen mit Aussagen verunsichern, die sie gar nicht treffen können.

Ein Beispiel: Bei einem Zyklus von 28 Tagen liegt der Eisprung in der Mitte. Aber mehr als 85 Prozent der Zyklen sind nicht 28 Tage lang. Schichtarbeit, Stress oder Krankheit sind mögliche Gründe, warum sich der Eisprung verschiebt. Aber auch ohne Grund findet der Eisprung mal früher, mal später statt. Daher können die Berechnungen der Prognose-Apps kritische Fehlinformationen liefern.

„Der Zyklus ist nicht so regelmäßig, wie man meint.“
Dr. Petra Frank-Herrmann

Bei der Stiftung Warentest schnitten 2017 18 von 23 getesteten Zyklus-Apps mit der Note mangelhaft ab, darunter auch die zwei beliebtesten Zyklus-Apps. (Stiftung WarentestSPIEGEL). 

Auch Apps, die eine Vielzahl von Faktoren abfragen, sind nicht automatisch besser, obwohl sie oft suggerieren: Gebt uns mehr Daten und dafür bekommt ihr mehr Sicherheit.

„Derzeit gibt es keine einzige App auf dem Markt, die in einer unabhängigen Studie nach wissenschaftlich gültigen Kriterien getestet wurde.“
Dr. Petra Frank-Herrmann

Fragen nach der Stimmung, Kopfschmerzen oder Alkoholkonsum vermischen sich mit denen nach der Körpertemperatur oder der Konsistenz des Zervixschleims, die – wenn richtig ausgewertet – tatsächlich valide Aussagen über den aktuellen Zyklus treffen könnten. Einige wenige solcher Apps können sichere Angaben zum aktuellen Zyklus machen, andere Apps jedoch nicht, egal, mit wie vielen vermeintlich sinnvollen Daten man sie füllt. "Die Apps sind so überfrachtet, dass man als Nutzerin überhaupt nicht mehr erkennen kann, welche Daten für was verwertet werden", sagt Frank-Herrmann.

Was die eingegebenen Daten jedoch bringen, ist Geld für die App-Betreiber – wenn sie zu Werbezwecken verkauft werden.

Im Februar 2018 deckte die NGO Privacy International auf, dass die beiden Zyklus-Apps mit dem größten Marktanteil, "Clue" und "Flo", die Daten der Nutzerinnen an Facebook weitergaben (Privacy International, Netzpolitik). Die Forscherin und Netzaktivistin Eva Blum-Dumontet, 29, beschloss daraufhin gemeinsam mit Privacy International weitere Apps zu untersuchen.

Eva Blum-Dumontet

(Bild: Harmit Kambo)

Sie entschieden sich für "Maya", die in Europa eher unbekannt ist, in Indien oder auf den Philippinen aber zu den meistgenutzten Zyklus-Apps gehört und "Mia", eine App, die auch in Europa beliebt ist. 

Dabei fanden Eva und ihr Team heraus: Die Apps teilten die Daten ihrer Nutzerinnen ebenfalls mit Facebook. Und das sogar auch dann, wenn die Person gar keinen Account in dem sozialen Netzwerk besaß. (Privacy International)

"Man wird beim ersten Öffnen der Apps gefragt, ob man seinen Zyklus tracken oder schwanger werden möchte", sagt Eva. "Das ist die wichtigste Information, die die Apps von den Frauen abfragen können." Und sie tun es sofort – noch vor den Einstellungen zur Privatsphäre.

Nach einer Studie der Universität Princeton beläuft sich der Wert der Marketingdaten eines Menschen auf etwa 0,10 US-Dollar. Ist es eine schwangere Frau, steigt er auf 1,50 Dollar. Die Information darüber, ob eine Frau schwanger ist oder plant, schwanger zu werden, lässt Unternehmen passende Werbung für werdende Mütter schalten, die – möglicherweise zum ersten Mal in ihrem Leben – Kaufentscheidungen über Babykleidung, Kindersitze oder Windeln treffen müssen. Eine Zielgruppe mit enormem Umsatzpotential. 

Im Gegenzug für die Daten erhalten die Unternehmen hinter den Apps Zugang zum Software-Developer-Kit von Facebook und damit wertvolle Informationen über das Nutzungsverhalten ihrer Zielgruppe. Zum Beispiel, wann diese am Smartphone aktiv ist oder wo sie sich aufhält.

Auf dem Chaos Communication Congress im Dezember stellte Eva mit ihrem Kollegen Christopher Weatherhead ihre Forschungsergebnisse vor (CCC). Sie hatten die Unternehmen zuvor darüber informiert. 

Beide Unternehmen verzichten – wie die von Privacy International zuvor konfrontierten Zyklus-Apps – seitdem darauf, die Daten ihrer Nutzerinnen mit Facebook zu teilen. 

Ein riesiger Erfolg für die Aktivisten. Überrascht hat das Eva aber nicht, denn der Druck auf dem Markt sei groß: "Heute ist es einfach, eine App zu programmieren, es gibt sehr viel Konkurrenz. Deshalb ist es den Unternehmen wichtig, wie sie öffentlich wahrgenommen werden."

Doch wie sollte man nun mit Apps umgehen, bei denen man nicht weiß, was mit den eigenen Daten geschieht? Sollte man wieder zurück zu Papier und Stift, um den eigenen Zyklus zu tracken? "Nein", sagt Eva. 

„Die Verantwortung liegt nicht bei den Nutzerinnen der App. Die Verantwortung liegt allein bei den Unternehmen, denen die Nutzerinnen vertrauen, dass sie sich an gesetzliche Pflichten halten.“
Eva Blum-Dumontet

Dass das funktionieren kann, zeigen junge Software-Entwicklerinnen aus Deutschland. 

Marie Kochsiek, 31, stand 2016 kurz vor ihrer Masterarbeit in Soziologie, als sie auf das Thema Zyklus-Apps aufmerksam wurde.

Marie Kochsiek

(Bild: privat)

Sie saß eines Abends mit zwei Freundinnen in der Küche und erzählte, dass sie sich eine Zyklus-App heruntergeladen habe. "Eigentlich bin ich bei so etwas eher skeptisch, aber damals war ich total begeistert. Eine meiner Freundinnen fragte: 'Weißt du eigentlich, was da mit deinen Daten passiert?'"

Sie wusste es nicht und begann, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. "Mir wurde klar, dass die Apps einen kommerziellen Nutzen verfolgen", erzählt sie. "Und ich finde es nicht in Ordnung, dass mit sensiblen Informationen über eigene Gesundheit Geld verdient wird."

Sie entschied sich, ihre Masterarbeit über Zyklus-Apps zu schreiben, lernte nebenher programmieren und entwickelte mit Hilfe von "Bl00dy Health", einem Kollektiv von Coderinnen aus Berlin, und ihren heutigen Kolleginnen Tina Baumann und Julia Friesel die nicht-kommerzielle und quelloffene App "drip". Das Besondere an dieser ist: Die eingegebenen Daten werden verschlüsselt und lokal gespeichert. Sie bleiben also in der eigenen Kontrolle und werden nicht an Externe weitergegeben. 

Mit "drip" kann man seine Periode tracken – ohne seine Daten weiterzugeben. 

Während die Netzaktivistin und Forscherin Eva die Verantwortung hauptsächlich bei den Unternehmen sieht, findet Marie, dass auch die Gesellschaft mehr tun müsse. 

Sie und ihre Kolleginnen gingen von Anfang an transparent damit um, wie die Software gestaltet wurde und was mit den Daten geschieht. Marie hofft, dass die Forderung nach solchen Apps mehr ins allgemeine Bewusstsein tritt: "Ich würde mir wünschen, dass es in Zukunft mehr Unterstützung und auch politischen Willen dafür gibt, offene, transparente Software zu unterstützen", sagt sie. 

Zyklus-Apps können für Frauen eine große Hilfe sein, wenn sie für alle frei zugänglich und transparent sind. Solange man sich aber nicht sicher ist, was mit den eigenen privaten Daten passiert, lohnt es sich, nachzuhaken und sich darüber bewusst zu werden, mit wem man sie eigentlich teilt. 


Uni und Arbeit

Alles für den Nachtzuschlag: Wie es ist, neben dem Studium Schichten im Hostel zu schieben
Videoreihe "Durchgemacht": Studierende erzählen, was die Nachtarbeit mit ihnen macht

Manchmal geht es nicht anders. Dann trifft Steffen sich auch nach der Arbeit noch mit seinen Komillitonen in der Uni für die Gruppenarbeit. Und das, obwohl er dann seit 24 Stunden wach ist. Steffen arbeitet nachts an der Rezeption im Hostel – neben dem Studium

Er bekommt dafür Nachtzuschlag, darauf ist Steffen angewiesen. Der 26-Jährige studiert in Hamburg Stadtplanung, das Leben in der Hansestadt ist teuer. Von seinen Eltern bekommt er zwar regelmäßig Geld, damit zumindest seine Ausgaben für Lebensmittel für einen Monat gedeckt sind. Doch für Miete, Studiumskosten und Freizeitaktivitäten muss Steffen selbst aufkommen.