Bild: Ellen Munro / CC BY 2.0
Und welche Rolle die Liebe™ dabei wirklich spielt

Mittelgeräumiges WG-Zimmer? Alleine wohnen im Neubau? Jetzt oder später zusammenziehen? Wer seine Zwanziger nicht in elterlicher Abhängigkeit verbringen möchte, wird sich zwangsläufig mit einer dieser drei Optionen anfreunden müssen. Während es für den einen okay ist, die Zucchininudeln eines Quasi-Fremden regelmäßig aus dem Abflussgitter zu fischen, möchte sich der andere lieber erschießen, als mit fünf anderen morgens das Klo zu teilen.

Wohnen, man ahnt schon, ist eine höchst individuelle Entscheidung.

Während sich WGs im mittelständischen Stadtmilieus als "altersgerecht" und "praktisch" durchgesetzt haben, wird ein Paar, das mit Anfang oder Mitte zwanzig zusammenzieht, nicht selten schief angesehen. Es wäre "zu früh, für diesen Schritt", zusammenziehen, das ist doch der kleine Bruder von heiraten und nach fünf Monaten Zweisamkeit kann man sich wahrscheinlich nicht mal mehr an die Namen seiner besten Freunde erinnern. Zusammenziehen, das "tun nur Spießer" und Menschen, die sich aufrichtig für schwarz-weiß gefleckte Kuhteppiche und Filzuntersetzer begeistern können – und zur Verabschiedung "Ich liebe dich" ins Telefon flüstern.

Nun, nicht ganz
(Bild: super awesome / cc by-sa)

Die Wahrheit ist: Gerade in ökonomisch prekären Zeiten können es sich viele Menschen schlichtweg nicht leisten, alleine zu wohnen. 700 bis 1500 Euro im Monat für Wohnraum zu bezahlen ist kein Luxus, sondern Utopie. Wer zusammenzieht, ist nicht bieder, sondern tut das, was den Lebensumständen entsprechend am klügsten wäre. Nicht jeder möchte in einer Zweck-WG leben.

Liebe ist höchstens eine Komponente

Zusammenzuziehen hat für ökonomisch Schlechtergestellte vor allem deshalb wenig(er) mit Liebe zu tun als für ihre erbschaftsempfangenden Altersgenossen, weil es für diese Paare schon rein finanziell weniger Sinn macht, alleine zu wohnen. So verdiente ein Mitarbeiter im Callcenter im Januar 2016 1480 Euro Grundgehalt. Ob er theoretisch Lust darauf hätte, abends alleine fernzusehen, wird da zur Nebensache.

Du bist immer noch unsicher? Vielleicht hilft dir dieses Quiz bei der Entscheidung, mit deinem Partner zusammenzuziehen

Studenten geht es finanziell nicht viel besser: Der Durchschnittsstudent verfügt über 864 Euro im Monat, das zeigt die aktuelle Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes, 298 Euro gibt er für Miete aus (SPIEGEL ONLINE). Er hat damit immerhin noch etwas mehr Geld zur Verfügung als Azubis, die laut Tarif im Jahr 2014 auf rund 800 Euro brutto kamen – durchschnittlich, also über alle Branchen und Regionen gerechnet (SPIEGEL ONLINE).

Mit einem Teilzeit- oder gar Hilfsjob wird es schwer, die vollständigen Kosten für das eigene Leben zu tragen. Von Kindern ganz abgesehen. Da hilft es schon, wenn man sich Geld für Miete, Heizung, Internet und Strom mit einem Menschen teilen kann.

(Bild: Ellen Munro / cc by-sa)
Was kostet die Welt

Wer in Berlin oder Münster leben möchte, zahlt für ein WG-Zimmer 323 Euro beziehungsweise 325 Euro pro Monat, während er in München oder Frankfurt am Main zwischen 435 und 545 Euro bezahlen muss. Für eine 55 qm² Wohnung in Hamburg zahlt man warm 800 Euro – in einem Außenbezirk.

Der Anspruch, dass das Zusammenwohnen in erster Linie etwas mit Liebe zu tun haben muss, setzt falsch an

800 Euro – so viel muss einem die eigene Freiheit erst mal wert sein, wenn man die meiste Zeit des Tages ohnehin außerhalb der eigenen vier Wände verbringt, weil man für sein Geld arbeiten geht. Wer in einer Beziehung lebt, verbringt zudem in der Regel einen Großteil der Abende mit dem anderen. Zumindest eine der beiden Wohnungen steht dann leer, Lebensmittel und Klamotten müssen von hier nach dort transportiert werden – von den Fahrzeiten ganz abgesehen.

Ja, Menschen dürfen auch dann zusammenziehen, wenn es nicht für immer ist. Der praktische Gedanke des partnerlichen Flatsharings ist im Vergleich zu stereotypen Narrativa der romantischen Liebe™ (Candle Light Dinner, Nähe durch Distanz, Strandspaziergänge) vollkommen unterbewertet.

Als Paar zusammenwohnen = WG + mehr Sex
(Bild: Ellen Munro / CC BY 2.0)

Eine Paar-Wohnung mag keine klassische WG sein, aber – jetzt mal unter uns – so viel anders als in einer "normalen" WG ist es dann auch wieder nicht.

Statt seinen Mitbewohnern beim Sex zuzuhören, hat man einfach selbst welchen. Wenn die Küche dreckig ist, putzt man sie genauso widerwillig – gemeinsam. Alles ist ein bisschen weniger ekelig. Wenn man Glück hat. Egal, um welche Uhrzeit man abends nach Hause kommt, der andere ist da.

Man wohnt im Idealfall mit seinem besten Freund zusammen, den man liebt, mit dem man grandiosen Sex hat und spart dabei auch noch jede Menge Geld. Internet, Heizung, Miete, Gemüse gibt es in den seltensten Fällen in der Ein-Personen-Packung.

King of my castle
(Bild: Ellen Munro / CC BY 2.0)

Zusammenzuziehen ist also genau genommen nichts weiter als die perfektionierte Wohngemeinschaft, in der man nicht nur den Alltag, sondern auch Lieblingssüßigkeiten ohne Murren teilt und sich danach abwechselnd den Bauch streichelt, während man vor der Kiste einschläft. Das kann man unromantisch nennen – oder realitätsnah.

Dass mit jedem Zusammenziehen auch eine gewisse Abhängigkeit für den Fall der Fälle entsteht, ist offensichtlich. Ausziehen kann man dann immer noch – genauso wie aus jeder anderen Wohngemeinschaft auch. Sich das gemeinsame Scheitern einzugestehen, fällt vermutlich schwerer als die finale Schlüsselübergabe.

Letzten Endes sollten wir uns von der Angst verabschieden, dass das eigene Leben endet, wenn man zusammenzieht. Denn das Gegenteil ist der Fall: Wenn man richtig wählt, erfährt man eine Bereicherung, die sich auf verschiedenen Ebenen bemerkbar macht. Auf der persönlichen, häuslichen, romantischen und finanziellen.

Mehr?