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Warum Zuhause auch Kopfsache ist.

Ich sitze in der Uni. Mein Professor für Deutsche Sprache schaut ungläubig. Er möchte, dass ich ihm vormache, wie die Berliner Schnauze klingt. Kann ich nicht. "Aber Sie kommen doch aus Berlin!", sagt er.

Ich komme wirklich aus Berlin. Und davor kam ich aus Bonn. Davor aus Rheine im Münsterland. Und zwischendurch aus Paris.

Gelegentlich den Wohnort zu wechseln ist zumindest während der Ausbildung oder des Studiums normal. Anstrengend ist es trotzdem. Wir wollen alle Möglichkeiten ausschöpfen und ziehen für die Ausbildung zur Binnenschifferin oder für den Master in Mittelaltermusik durch halb Deutschland.

Wir gelten als die Generation, in der theoretisch jede oder jeder mit dem Leben anfangen kann, was er will (bento).  Die Generation Praktikum, die ewig braucht, bis sie den ersten festen Job findet (wenn wir den überhaupt wollen) (SPIEGEL ONLINE). Digital Natives sowieso und natürlich unglaublich flexibel.

So flexibel, dass ich mich manchmal verloren fühle. Und meinem Umfeld ist es genauso: Ich habe einen Kumpel, der mit 28 vom Dorf noch einmal aufbricht, um in der Großstadt sein Glück zu versuchen. Ein anderer hangelt sich sich seit zwei Jahren mit drei Koffern von Zwischenmiete zu Zwischenmiete.

Ich selbst hatte genug, als ich meine verschlissene IKEA-Kommode zum neunten Mal in acht Jahren ab- und wieder aufbaute. Neun Zimmer, neun Freundeskreise, neun Lieblingsbäcker.

Die Schrauben meiner Spanplatten-Kommode greifen nicht mehr. Sie wurden zu oft rein - und rausgeschraubt. Oder, wie meine Freundin Eva sagt: "Häufiges Umtopfen verursacht Entwurzelung."

Habe ich durch das häufige Umziehen schon einen Knacks? Und was raten Experten, um im neuen Umfeld schneller anzukommen? Ich habe zwei Psychologen gefragt.

Sigrun-Heide Filipp lehrt an der Universität Trier und hat ein Buch über "Kritische Lebensereignisse" geschrieben.

Was macht das Umziehen mit mir?

"Fast jeder Ortswechsel ist ein Verlust", sagt Filipp. "Entscheidend bei einem Umzug ist, ob man selbst die Kontrolle hat." Ein wirklich belastendes Erlebnis werde ein Umzug erst dann, wenn man zu der Veränderung gezwungen wird – zum Beispiel, weil man den Arbeitsplatz verloren hat. Ansonsten sieht die Psychologin Umzüge eher als "Entwicklungsaufgabe".

Was kann ich tun, um mich am neuen Ort schneller wohl zu fühlen?

Ich schleppe Bilderbücher aus meiner Kindheit von Wohnung zu Wohnung. An jedem neuen Ort hefte ich dieselben Postkarten und Fotos an die Wände und reihe auf dem Regal Gegenstände auf, die meinen Großeltern gehörten oder die mir ehemalige Mitbewohner geschenkt haben.

Um diese Kleinigkeiten gehe es aber gar nicht, erklärt Psychologin Sigrun-Heide Filipp. "Ob wir uns an einem Ort sicher und gut aufgehoben fühlen, hängt von unserer inneren Einstellung und unserem sozialen Netz ab."

Einen völlig neuen Freundeskreis zu finden ist schwer. Ein Anfang für weniger Einsamkeit: beim Bäcker mehr Worte wechseln als Hallo-ein-Schokobrötchen-60-Cent-bitte-danke-tschüss. Oder bei der Nachbarin klingeln und herausfinden, bei wem künftig die Amorelie-Pakete landen.

Zuhause fühle ich mich wohl – wie wird die neue Stadt jetzt zu meiner Heimat?

Ich spreche mit dem Umweltpsychologen Gerhard Reese. Er forscht an der Universität Koblenz-Landau. Das "Umwelt" steht für Natur, Umgebung – und auch das soziale Umfeld.

Was ist überhaupt ein Zuhause?

Der wissenschaftliche Begriff dafür, sich an einem Ort daheim zu fühlen, ist "Place Attachment", erklärt Reese. Interessant sei, dass auch unser Verhalten sich verändere, sobald wir ein Zuhause gefunden haben. "Es ist spannend, dass diese Bindung Konsequenzen für das Verhalten hat."

Mir ist es ziemlich egal, ob in der neuen Stadt der Marktplatz umgebaut wird oder das alte Theater schließt. Ich bin außen vor und gehöre nicht so richtig dazu. Dieses Gefühl von Fremdheit kann ich bewusst austricksen – indem ich anfange, mich für meinen neuen Wohnort zu interessieren.

"Je mehr Zeit wir an einem Ort verbringen, desto stärker ausgeprägt wird in der Regel auch die Bindung zu diesem Ort", erklärt Reese. Der Trick, um das Ankommen zu beschleunigen:

Ich kann das Fremdeln mit der neuen Umgebung bewusst ausschalten.

Ich könnte mich in einem Verein engagieren oder regelmäßig ins Theater gehen. Oder auch nur manchmal einen Umweg über den Marktplatz gehen, statt nur zwischen meinem neuen Arbeitsplatz und meiner Wohnung zu pendeln. Ob ich gerade zugezogen oder in einem Ort aufgewachsen bin, ist für das Heimatgefühl dann egal.

Oder, wie es meine Freundin Lisa beschreibt: "Du brauchst ein Café, einen Buchladen und eine Stammkneipe, in der sie dir die Weißweinschorle direkt hinstellen, ohne zu fragen." Wenn du aber die Zeit in der neuen Stadt mit "Game of Thrones" im Bett verbringst, hast du verloren.

Reese sagt, man könne sich schon vor dem Umzug auf die neue Situation vorbereiten und sich mit dem neuen Ort vertraut machen.

Vorab überlegen, wie man mit welchen Situationen umgeht, falls doch etwas schief läuft. Die Quintessenz: vorbereitet sein.
Gerhard Reese

Zuhause ist also Kopfsache.

Meine Generation kennt keine Beständigkeit, sagen Soziologen. "Alles ist im Fluss, nichts ist mehr sicher, am allerwenigsten der Arbeitsplatz", hat es der Soziologe Klaus Hurrelmann einmal treffend beschrieben. (FAZ

Ich werde also noch ein paar Mal umziehen müssen, die Schrauben aus der Spanholz-Kommode drehen und in der neuen Stadt ein neues Lieblingscafe finden. Das ist okay: Die Cafés in Berlin sehen denen in Barcelona mittlerweile ohnehin ziemlich ähnlich

Umzüge werden immer verdammt traurig sein, weil ich von Menschen und Orten Abschied nehmen muss. Ob ich mich danach bald wieder zuhause fühle, liegt aber nicht so sehr an meiner Umwelt – sondern vor allem auch an mir.


Future

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Ohne Bewerbung direkt ans Ziel: Drei Berufseinsteiger erzählen, wie sie es geschafft haben, ihre Chefs von sich zu überzeugen.

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Clemens, 26: "Man sollte immer wieder nachfragen und sein Interesse bekunden"