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Sarah sammelt seit drei Monaten und hat schon mehr als 100 Pflanzen

Zimmerpflanzen vertrocknen längst nicht mehr nur in muffigen Großraumbüros – sie sind zum Hipster-Hype geworden. 

Unter den Hashtags #Urbanjungle #livingwithplants, #planttherapy und #Plantstagram sammeln sich auf Instagram Hunderttausende Bilder. Auf den Kanälen @urbanjungleblog eher Wohnzimmer-Fotos, auf @boyswithplants nackte Jungs mit Monsterae im Schritt.

In Berlin und anderen Großstädten gibt es den Hype auch offline. Eine Handvoll hipper Pflanzenläden verkauft Terracotta-Töpfe aus der iranischen Wüste für 28 Euro und englische Design-Gießkannen für 23,50 (The Botanical Room). Und mit "The Greens", "The Plant Circle" und dem "Café Roamers" eröffneten zuletzt mindestens drei "Zimmerpflanzen-Cafés".

Der Hype klingt zunächst oberflächlich. Aber für eine wachsende Instagram-Community sind die Pflanzen mehr als "Schöner Wohnen" oder ein einsames Hobby.

Wir haben Sarah, 27, getroffen: Sie sammelte in fünf Monaten mehr als 100 Pflanzen, fand über den Hashtag #Plantstagram eine Community für Pflanzenfans auf Instagram – und besiegte ihre Depressionen.

Es riecht gut bei Sarah. Nicht nach Duftkerze oder frischer Wäsche. Irgendwie süß und frisch. So, dass man tief einatmen will. Nach Wald. Nein: eher Tropen. Kein Wunder. Die Luftfeuchtigkeit beträgt drückende 66 Prozent, ein Befeuchter bläst lautlos weiße Dampfwölkchen in den Raum.

"Eigentlich sind die 100 Prozent gewöhnt", sagt Sarah. Die dicke Luft ist ein Kompromiss zwischen dem, was ein Mensch aushält und den Bedürfnissen ihrer Urwald-Pflanzen. Mehr als 100 Pflanzen stehen neben ihrem Bett, auf dem Schreibtisch, hängen von Fensterbänken, Tischen, stehen neben dem Drucker, auf dem Boden. Zwei LED-Leuchten werfen rot-blaues Licht in den Raum. Es soll die Sonne imitieren. 

Sarah ist Hardcore-Plantstagrammerin. Sie verbringt täglich viel Zeit damit, auf Instagram nach neuen Exemplaren zu suchen, andere Accounts zu kommentieren – und ihre eigenen Pflanzen zu pflegen. Sarah mischt ihre eigene Erde an: Perlit, Pinienbarke, Markenkompost und etwas Holzkohle. Sie gießt mit gefiltertem Wasser und einem Schuss Schachtelhalmextrakt. Ihr wertvoller, etwas schrumpeliger Philodendron Gloriosum hat 80 Euro gekostet.

Sarah liebt ihr Hobby. Die meisten der Pflanzen haben Namen – und einen Charakter. "Die hier heißt Herr Majesty und ist eine richtige Diva", sagt sie. Daneben stehen Mercury (wie Freddy) und Diana (wie die Prinzessin). Sarah weiß, dass das alles etwas verrückt klingt. Ihre Instagram Posts taggt sie mit #CrazyPlantLady

Für Sarah sind die Pflanzen mehr als ein Hype.

An guten Tagen steht sie morgens auf und macht die Runde, mit der Kaffeetasse in der Hand. Steckt den Finger in die Erde in den Töpfen. Bei jeder einzelnen Pflanze. Drei Zentimeter tief. Wenn es bis dahin trocken ist, gießt sie. Sie besprüht die Blätter, wischt einige mit einem Lappen ab. An schlechten Tagen kocht Sarah keinen Kaffee. Sie duscht nicht, kocht nicht, geht nicht raus. Depressionen sind eine fiese Krankheit. 

Seit fünf Monaten ist alles anders. Sarah steht sogar an den schlechten Tagen auf: zum Gießen. Deshalb sind die Pflanzen für Sarah nicht irgendein Hobby. Auf ihrem Instagram-Account @misscalathea teilt sie nicht nur Bilder ihrer Sanseverien, Calatheas und Philodendren. Sie schreibt dazu ehrliche Texte über den Umgang mit ihren Depressionen.

Wie hat das alles angefangen?

Vergangenen Herbst war Sarah am Tiefpunkt. Sie ist Journalistin, arbeitete in einer Redaktion im Schichtdienst. Sie konnte danach nicht schlafen, nicht aufhören zu grübeln und sich Sorgen um die Zukunft zu machen. Nach einem besonders stressigen Tag betrat sie den Blumenladen neben ihrem U-Bahnhof, kaufte eine Monstera und fühlte sich sofort leichter.

Studien zufolge hilft Gärtnern gegen Depressionen. Mit den Fingern in der Erde kommt man demnach in Kontakt mit einem Bakterium, das den Serotoninspiegel ansteigen lässt (Science Direct). Sarah habe sich nie mit der Wissenschaft hinter dem Pflanzen pflegen beschäftigt, sagt sie. Wenn sie gefragt wird, wie die Pflanzen ihr geholfen haben, antwortet sie: 

Auf einmal war ich nicht mehr das einzig Lebendige in der Wohnung.

Sarah stellte damals ihre erste Monstera neben das Bett, goss sie täglich. Nach drei Wochen wurden die Blätter braun und die Pflanze begann zu sterben. Statt zurück in ihren Trott zu rutschen, wurde sie ehrgeizig. "Ich fing an, mir Sachen anzulesen und guckte auf Instagram nach Leuten, die Tipps für die Pflege von Zimmerpflanzen geben"

Sie lernte: "Manchmal ist es besser, die braunen Blätter abzuschneiden. Weil die Pflanze die Kraft dann in das neue Blatt investieren kann." Es war Zeit für einen Neustart. Nicht nur für die Monstera, auch für sie selbst. Sarah meldete sich in einer psychiatrischen Klinik an. 

Im Krankenhaus war es trist, im Zimmer nichts Grünes. Sarah vermisste die Pflanzen. 

Nur in den Fluren standen ein paar Exemplare. Sarah ging durch die Klinik und begann, mit einem feuchten Lappen die Blätter zu entstauben. Die anderen Patientinnen und Patienten beäugten sie. "Da ist jemand erst ein paar Tage da, staubt aber schon die Zimmerpflanzen ab. Das ist zwar eine Psychiatrie, aber das fanden die schon komisch", erzählt Sarah.

An die Klinik grenzte ein Gartencenter. Ein paar Tage später standen die ersten Töpfe in Sarahs Zimmer. In der Gesprächstherapie sprach sie über ihre Pflanzen, in der Ergotherapie töpferte sie Monstera-Blätter.

Ich war die 'crazy Plantlady'.

Sie steckte die anderen an. Nach und nach liefen immer mehr Patienten zum Gartencenter. Und fragten vorher Sarah um Rat: Welche Pflanze passt zu mir? Sarah machte eine kurze Anamnese:

  • Was für Pflanzen magst du?
  • Wie viel Zeit willst du täglich mit ihr verbringen?
  • Wie viel kannst du investieren?
  • Wie sieht deine Wohnung aus?

Je nachdem riet sie zu einer Monstera, einer Alocasia, einer Kakteenart. Als sie nach sieben Wochen entlassen wurde, hatte sie in der Klinik einen kleinen Hype ausgelöst. "Auf einmal war die ganze Station voll. Alle hatten eine Pflanze auf dem Zimmer und haben gesagt, dass ihnen das mental total hilft", sagt Sarah.

Nach ihrem Klinikaufenthalt ging es ihr besser. Sie nahm ihren alten Job auf, begann, ihre Masterarbeit zu schreiben und tauchte nebenbei immer tiefer in die #Plantstagram-Welt ein. Wie bei vielen Instagram-Hypes wirkte es, als handele es sich bei den Influencern ausschließlich um schöne Menschen mit stilvollen Wohnungen, in denen immer perfektes Licht zu sein schien, sagt Sarah. 

Auch bei Pflanzen kann man Komplexe bekommen: Weil jemand eine geilere Kamera hat uns bessere Bilder macht oder mehr Pflanzen hat. Das ist wie bei Klamotten und Beauty-Produkten.

Statt für Gesichtscreme oder neue Sneaker machen "Plantfluencer" Werbung für ökologische Düngemittel. Seltene Pflanzen bringen besonders viele Likes – sind aber auch ziemlich teuer. Die rote Gießkanne, die Befeuchtungsanlage, die Pflanzenlampen: Sarahs Leidenschaft ging schnell ins Geld. 

Mittlerweile schreibt Sarah täglich mit anderen Plantstagrammern. Gerade plant sie ihren ersten Swap, einen Setzling-Tausch. Eine von Sarahs Calatheas ist groß genug, um ein Blatt entbehren zu können. Das "Cutting" wird sie für zwei Wochen in Wasser stellen. Wenn sich dann feine, weisse Wurzeln gebildet haben, wird sie es in feuchtes Zewa wickeln, es in einen Luftpolsterumschlag stecken und es per Post an andere Pflanzen-Instagrammer verschicken, sagt sie. Geld wird dabei nicht getauscht. Besonders seltene Pflanzen werden in der Community häufig auf diese Weise nachgezüchtet.

"Das ist doch eigentlich auch eine Bewegung für mehr Nachhhaltigkeit", sagt Sarah. "Und ein einsames Hobby ist es auch nicht." Die Pflanzen haben Sarah nicht geheilt, aber ihr einen Weg gezeigt, ihren Alltag zu strukturieren, sich Zeit zu nehmen –  und wieder klarzukommen.

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