Und kann es tatsächlich entspannend sein, vorm Handy zu hängen?

Wir sind immer online, immer unterwegs, immer unter Leuten. Dabei tut es so gut, auch mal allein zu sein – und einfach abzuschalten. Angeblich ist das wichtig und gesund. Oder?

Wie viele Stunden Alleinsein pro Woche oder Tag sind genug? Wir haben Pia Weiherl gefragt. Sie ist Psychologin und hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht, wie gut "Me-Time" das Modell der Work-Life-Balance ergänzen kann. 

Warum ist es wichtig, dass wir auch mal allein sind? 

"Wir haben mit knapp 500 Studenten getestet, wie sich die Vorhersagekraft ihrer physischen und psychischen Gesundheit entwickelt, wenn sie auch Zeit mit sich alleine verbringen", sagt Weiherl. "Herausgekommen ist, dass die sogenannte Me-Time ein riesiger Faktor ist – sie sorgt dafür, dass man sich gesünder und besser fühlt."

Denn wenn wir uns immer nur um Uni, Job und Social Life kümmerten, blieben unsere eigenen Bedürfnisse oft auf der Strecke – und wer sie auf Dauer ignoriere, bekomme das irgendwann zu spüren. Ist das nicht eine egoistische Sichtweise? Nein, überhaupt nicht, sagt Weiherl:

Denn wenn wir fit seien, profitiere auch der Rest der Welt davon.

"Nur wenn ich dafür sorge, dass es mir selbst gut geht, kann ich alle anderen Aufgaben managen. Ich bin belastbarer und weniger schnell gestresst", sagt Weiherl. "Wer seine eigenen Bedürfnisse permanent missachtet, wird meistens schneller krank und das hat dann natürlich auch Auswirkungen auf den Erfolg im Job."

Also: Geht es nach Weiherl, sollten wir lieber mal ohne schlechtes Gewissen Verabredungen oder Projekte absagen, wenn es sich richtig anfühlt. Auch wenn es sicher schöne Abende oder spannende Chancen wären – die nächsten kommen bestimmt. 

Wie sieht die perfekte Me-Time aus? 

Müssen wir meditieren, in die Sauna gehen oder durch die Natur spazieren, um ganz bei uns zu sein? Oder geht das auch auf der Couch? "Es ist völlig egal, was man in dieser Zeit macht", sagt die Psychologin. "Hauptsache, es passt zu den individuellen Bedürfnissen." 

Die Me-Time solle sich als entspannte Auszeit vom alltäglichen Trott anfühlen – und das könne ganz unterschiedlich aussehen: "Manche Menschen können auch bei ganz profanen Dingen besonders gut abschalten, zum Beispiel wenn sie einfach nur auf dem Bett liegen, lesen oder sich die Nägel lackieren – es gibt keine Vorgaben."

Klar, wenn uns Sport gut tut, kann es sicherlich Sport sein. Wenn wir auf Wellness stehen, ist eine Massage mal eine besondere Belohnung für uns selbst. Aber geht es nach Weiherl, muss es nicht immer die ganz große Nummer sein: "Natürlich kann man auch eine tolle Me-Time haben, wenn man auf einem Berg steht und die Aussicht genießt", sagt Weiherl. "Aber im Alltag ist das eben nicht immer möglich." 

Wie oft und lange sollten wir alleine sein? 

Hier gibt es laut Weiherl keine pauschalen Angaben – und auch keine Richtwerte, an denen wir uns orientieren sollten. "Es geht gar nicht darum, das zeitlich festzulegen", glaubt Weiherl. 

Wichtig ist die Qualität der Me-Time, nicht unbedingt die Quantität.
Pia Weiherl

Natürlich sei das auch Typ-Sache: Es gebe Menschen, die immer gern unter Leuten seien, während andere dringend Zeit mit sich selbst bräuchten, um runterzufahren. Ein guter Weg für tägliche Me-Time ist also vielleicht die bei Yoga- und Achtsamkeit-Fans so beliebte Morgenroutine: Wer eine halbe Stunde früher aufsteht und sie mit schönen Dingen füllt, hat schon eine große Portion Wohlfühlzeit in den Tag integriert.

Können wir auch mal Phasen ohne Me-Time überbrücken? 

In einer perfekten Welt nehmen wir uns immer genug Zeit für uns. Die Realität sieht leider oft anders aus – wie streng sollten wir uns an unsere Me-Time-Ziele halten? "Wenn man im Job in einem Projekt total eingespannt ist, dann ist es auch okay, mal weniger Zeit für sich zu haben", sagt Weiherl.

"Aber das darf nicht chronisch werden: Wichtig ist es, dass der Druck irgendwann nachlässt und ich die Zeit mit mir selbst nachholen kann." Und nicht immer sind es Uni oder Job, die viel von uns fordern: "Heutzutage ist die Freizeit so professionalisiert und durchgetaktet", sagt Weiherl. 

Wer von einem Social-Termin zum nächsten rennt, ist also, geht es nach Weiherl, nachher genauso gestresst wie nach einem Tag im Büro – auch wenn das eigentlich als Freizeit durchgeht. 

Kann ich die Me-Time auch mit vorm Handy verbringen? 

Klingt erst mal paradox. Aber: "Sicherlich können auch soziale Medien Teil einer entspannenden Me-Time sein", sagt Weiherl. "Es kommt ganz darauf an, wie wir sie nutzen." Suchen wir bei Instagram oder Pinterest Inspiration für ein nächstes kreatives Projekt, weil es uns total erfüllt, wenn wir unsere Wohnung umgestalten oder Klamotten nähen?

Völlig okay, das kann entspannend sein: "Wenn ich mir aber nur Fotos angucke, auf denen sich andere Leute inszenieren und ich überlege, wie ich mich jetzt selbst am besten präsentiere, dann hat das hat nichts mit Me-Time zu tun." Und: Wenn wir das Handy in der Me-Time weglegen und stummschalten, sehen wir immerhin nicht die zwölf Nachrichten in drei Chats, die in dieser Zeit eingehen – und die uns vermutlich wieder in Stress versetzen.  


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