Es müsste mittlerweile fast zehn Jahre her sein. Damals war ich riesiger YouTube-Fan. Das hielt etwa zwei Jahre an – unfassbar, wenn man meine Aufmerksamkeitsspanne mittlerweile betrachtet – dann habe ich erkannt, dass ich sowieso niemals eines dieser Schmink-Tutorials nachmachen werde. Dank Netflix war es nie nötig, zurückzukehren.

Dahingerafft von einer Erkältung lag ich jetzt aber eine Woche im Bett und war nicht fähig, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Mit Netflix war ich fertig. Nur logisch also, dass ich mal wieder den YouTube-Kosmos erkundete und den Autoplay-Button auf "on" hatte. 

Meine Erkenntnisse aus dieser Woche, über YouTube, die Menschheit und mich selbst, sind erschreckend wie faszinierend.

Beim Schrottwichteln schenk' ich dir mein Leben

Die 20-jährige Lena erzählt auf Twitter als "Lena blauer Haken" von ihrem selbstempfundenen Loser-Dasein. Im echten Leben studiert sie in Bielefeld und kämpft damit, Texte zu lesen, die länger als 280 Zeichen sind. Hier erzählt sie aus ihrem Alltag voller Pfandflaschen, unangenehmer Familiengespräche und davon, wie man die eigenen Erwartungen gekonnt enttäuscht.

Was für mich vollkommen neu und ebenso verwirrend war: Familienvlogger

Die Kamera wird quasi schon bei der Geburt der Kinder rausgeholt und bei jedem wichtigen Event draufgehalten. Zum Beispiel dem ersten Gang aufs Töpfchen. Was man halt gerne so von sich zehn Jahre später im Internet entdecken würde. Und wenn man es nicht selbst findet, helfen einem bestimmt die eigenen Mitschüler.

Eigentlich will ich darüber keine Witze machen. Es ist gar nicht cool, seine Kinder, die nicht widersprechen können oder noch nicht im Stande sind, diese Reichweite zu verstehen, vor Hunderttausenden Zuschauern so gut wie täglich zu präsentieren. In jeder Alltagssituation. Es wird von morgens bis abends gefilmt, nach ungefähr fünf Videos fühlt man sich im Haus der Familienvlogger selbst daheim. Man weiß, wo der Zucker steht und welches der Kinder gerade Durchfall hat. 

Das Schlimme: Ich finde das schrecklich – und bleibe trotzdem hängen. In diesen oft zwanzigminütigen Videos passiert manchmal wirklich rein gar nichts. Und ich habe es trotzdem geschaut, ich fand es packend. 

Vielleicht ist es eine Art Kompensation, weil ich mir eine nach außen hin perfekt wirkende Familie anschaue und genau das auch will – aber wollen wir mal nicht zu sehr in die Tiefen meiner Psyche gehen.

Neben den Familienvloggern eröffnete sich mir noch ein weiterer  – in weiten Teilen unproblematischerer – Kosmos. Er besteht aus DM-Hauls, Morgenroutinen, Wochenvlogs, in denen 100 Mal versichert wird, dass man vor seinem Nageltermin sehr viel Papierkram erledigt hat und jetzt vollkommen erledigt ist, Abendroutinen, Beauty-Hacks. 

Der Clou: In jedem dieser Videos passiert dasselbe. Ich verstehe es nicht, finde es aber vollkommen faszinierend.

Da erzählen einem zehn unterschiedliche Leute, dass sie morgens in ihrem weißen flauschigen Ikea-Zimmer aufwachen, Zähne putzen, duschen, irgendeinen Porridge mit Beeren frühstücken und nach ihrem morgendlichen Yoga das Haus verlassen. Aber natürlich gibt’s nicht nur die normale Morgenroutine, das wäre ja langweilig: Morgenroutine im Herbst, Morgenroutine in den Ferien, Morgenroutine in New York, Morgenroutine, wenn meine Mama Geburtstag hat. Dasselbe gilt für die Abendroutinen. Oder Sportroutinen. Es passiert immer und immer wieder das gleiche. Und die Leute lieben es. Sonst gäb es das ja nicht so oft. "Dann schau’s dir doch nicht an, Lena!". Will ich eigentlich auch nicht. Aber ich kann ja nicht aufhören!

Spannend wird’s – fast –, wenn manche YouTuber Ausnahmen wie eine "Reale Morgenroutine" drehen. Hier wird fast verschlafen (aber eben nur fast), die Haare sind zerzaust, man duscht ganz frech nicht und es wird sich ein Nutella-Toast gegönnt. Gibt’s aber halt auch mindestens 20 Mal.

Wenn Leute sich sowas schon anschauen, dann doch nur aus einem Grund: Der YouTube-Markt MUSS übersättigt sein. Sonst käme doch niemand auf solche Ideen. 

Und ich frage mich: Muss man sich wirklich mehrmals ansehen, wie sich Leute sehr viele Klamotten aus einem billigen Shop bestellen, nur um am Ende zu sagen: "Hm, ne, das gefällt mir alles nicht, zu billig/passt nicht/stinkt, aber zurückschicken lohnt sich auch nicht"? Vermutlich muss man nicht, aber ich hab’s ja leider auch getan. 

Warum andere Menschen das tun – ich weiß es nicht. Bei mir schlägt etwas zu, was ich auch beim Ansehen der Familienvlogger beobachtet habe: Ich schau’s an, rege mich darüber auf, aber genieße das irgendwie. Ich schaue es "ironisch". So wie ich seit Jahren "ironisch" DSDS/den Bachelor/GNTM schaue. Es lässt mich nicht los. 

Es ist gut, dass meine Erkältung vorbei ist. Denn einige Teile dieses YouTube-Kosmos sollte man wirklich nicht unterstützen – meine Erkenntnis der vergangenen Woche. 

Und dass es wirklich wahnsinnig viele Variationen gibt, seinen Haferbrei – Verzeihung – Porridge zu dekorieren.

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Gerechtigkeit

In Berlin protestieren Tausende fürs Klima – aber was ist gerade auf dem Land los?
Wir waren bei "Fridays for Future" in Eutin

Am Freitag haben in ganz Deutschland wieder Schülerinnen und Schüler die Schule bestreikt und für mehr Klimaschutz demonstriert. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg war bei den Protesten in Berlin dabei, auch in Frankfurt am Main, Köln und München fanden Streiks statt. (Fridays for Future)

Aber nicht nur in Großstädten macht die Jugend sich Sorgen ums Klima. Auch in kleineren Orten finden inzwischen "Fridays for Future"-Veranstaltungen statt. Zum Beispiel in Eutin im Osten Schleswig-Holsteins, einer Kleinstadt mit knapp 18.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Unser Reporter war vor Ort. 

In Berlin waren Tausende auf der Straße – in Eutin haben sich etwa 40 versammelt. 

Sie sind weniger, aber nicht weniger kreativ. Auch sie haben Plakate gebastelt und stimmen Sprechchöre an.