Bild: Nelson Berger
Wie es ist, in einer Jurte zu wohnen.

Marius hat ein Bett, einen Tisch und eine kleine Küche. Aber seine vier Wände sind eigentlich nur eine – und die ist rund. Marius lebt in einem Zelt auf einem Acker eines befreundeten Landwirts in der Nähe von München. Miete zahlt er keine, sein Rundzelt hat er sich selbst gebaut. 

Von seinem WG-Zimmer in der Münchner Innenstadt ist der 28-Jährige vor vier Jahren in die Jurte gezogen. 

Seitdem lebt er dort. Die längste Zeit davon im Konsumstreik und fast komplett ohne Geld. 

Was macht Marius?

Marius hat die Initiative Foodsharing in Deutschland mitbegründet und ist in der solidarischen Landwirtschaft im Projekt Auergarden aktiv. Aktuell plant er mit seiner Freundin einen Permakultur-Garten, in dem heimische Baumarten angepflanzt werden und der für naturpädagogische Zwecke und für die regionale Versorgung mit Obst und Gemüse genutzt werden soll. 

Als ich mit Marius spreche, ist er gerade im Wald unterwegs. Ich sitze mit einem Kaffee im Büro, er sucht sich ein gemütliches Plätzchen in der Natur. Bald wird es dunkel. Wir hoffen, dass sein Handyakku hält.

bento: Marius, du lebst in einer Jurte – was ist das eigentlich?

Marius: Eine Jurte ist ein traditionelles Rundzelt der Nomaden in Zentralasien. Es gibt ganz unterschiedliche Typen. Ich habe mich hauptsächlich an der mongolischen Jurte orientiert und sie an europäische Anforderungen angepasst. Hier gibt es mehr Niederschlag und eine höhere Luftfeuchtigkeit.

bento: Warum hast du dir überhaupt eine Jurte gebaut? 

Marius: Zum Teil ist es auf jeden Fall Abenteuerlust. Aber nicht nur. Ich habe früher in einer WG in München gelebt und Kunst studiert. In dieser Zeit habe ich mich bei einem Kulturprojekt engagiert, der "Kulturjurte", in der verschiedene Veranstaltungen stattgefunden haben. So habe ich die Jurte als Wohnraum schätzen gelernt.

(Bild: Nelson Berger)

Mein WG-Zimmer war zwar für Münchner Verhältnisse bezahlbar, hatte aber keine Heizung. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, wie ich in München Wohnraum finden kann, in dem ich für längere Zeit gesund und zufrieden leben kann. Daraus ist dann die Idee entstanden, mir ihn einfach selbst zu bauen. Eine Jurte – aus recyceltem Material, ohne Geld. Dieses Projekt wurde dann zu einem Bestandteil meiner Diplomarbeit. Am Anfang habe ich im Garten der Akademie der Bildenden Künste gebaut und gelebt, wo ich studiert habe. 

bento: Du hast die Jurte ohne Geld gebaut. Wie funktioniert das? 

Marius: Ich habe Material verwendet, das sonst nicht mehr verwendet werden würde. Zum Beispiel vom Sperrmüll. Während ich an meiner Jurte gebaut habe, hat eine Jugendherberge in der Nähe ihre Stockbetten ausgetauscht. Heute sind einige der alten Betten Teil meiner Konstruktion. Ich habe auch viel Holz und Planen vom Messebau bekommen. Da habe ich mich einfach erkundigt, ob ich von vergangenen Messen das Material haben könnte, das sonst auf dem Müll gelandet wäre. Die meisten Leute, die ich gefragt habe, waren neugierig und fanden spannend, was ich da mache.

Raus hier!

Unzufrieden im Job, schlechtes Gewissen beim Konsum, am liebsten würde man alles anders machen – aber wie? Viele Menschen fühlen sich in ihrem täglichen Trott gefangen. In dieser Reihe stellen wir Personen vor, die das nicht mehr mitmachen wollen und aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft aussteigen.

bento: Eine Jurte hat nur einen einzigen Raum. Wie lebt es sich dort – und wo sind die Toilette und die Dusche?

Marius: Ich habe lange alleine in der Jurte gelebt. Mittlerweile lebe ich dort mit meiner Freundin. Im Sommer sind wir oft viele Leute. Wir arbeiten gemeinsam in der solidarischen Landwirtschaft und kochen dann in einer Feldküche. Die Kompost-Toilette und die Dusche sind draußen. Früher habe ich mit Regenwasser geduscht. Seit einer Weile bekommen wir Leitungswasser von unserem Nachbarn. Im Winter funktioniert das aber nicht, da haben wir dann Tanks, aus denen wir Wasser zapfen können.

bento: Du duschst auch im Winter draußen?

Marius: Ja, immer. Ich mache mir Wasser warm und gehe damit nach draußen. Bei Minusgraden war das nicht einfach. Am schlimmsten ist der kalte Wind. 

Die ersten zwei Winter waren eine Herausforderung. Da war es auch in der Jurte sehr kalt, weil sie noch nicht isoliert war. Abends habe ich dann Steine, die ich auf den Ofen gelegt habe, mit ins Bett genommen, damit ich nachts nicht friere.

In dieser Zeit habe ich nicht besonders viel Besuch bekommen und mich schon manchmal alleine gefühlt. Mittlerweile ist die Jurte aber isoliert und ich habe es im Winter meistens warm genug.

bento: Du hast vier Jahre in einem Konsumstreik und ohne Geld gelebt. Warum?

Marius: Ich habe auf die Umwelt geachtet und mich mit den Arbeitsbedingungen der Menschen beschäftigt, die die Dinge produzieren, die ich konsumiere. Je mehr Informationen ich hatte, desto öfter habe ich nichts mehr gefunden, was ich mit gutem Gewissen hätte kaufen können. Komplett ohne Geld habe ich aber nie gelebt. Ich hatte zum Beispiel immer eine Krankenversicherung. Der Streik hatte für mich einen Symbolcharakter, ich wollte eine Botschaft damit vermitteln.

bento: Was für eine Botschaft?

Marius: Wir richten Schaden mit unserem Konsumverhalten an, dessen wir uns mehr oder weniger bewusst sind. Veränderung fängt jedoch bei uns selbst an.

Bei uns landen so viele Dinge im Müll, dass ich vier Jahre davon leben konnte. Aber nicht nur die Wegwerfmentalität sondern vor allem auch das Wachstumsdogma und Profitgier sind Probleme.

Ich hätte den Streik auch länger durchziehen können, aber natürlich kostet das viel Energie und Zeit. Zum Beispiel habe ich keine Schrauben gekauft, um meine Jurte zu bauen, sondern alte Schrauben aus Brettern herausgeholt und wiederverwendet. Die Zeit, die ich jetzt nach dem Streik gewonnen habe, indem ich Dinge, die ich wirklich dringend brauche, kaufe, möchte ich lieber konstruktiv verwenden und in zukunftsweisende Projekte stecken.  

(Bild: Nelson Berger)

bento: Wie lebst du jetzt? Und von was?

Marius: Für meine Arbeit in der solidarischen Landwirtschaft bekomme ich 450 Euro im Monat, die mir zum Leben reichen.

Das Wohnen außerhalb des Mietsystems und das Bauen von einem solchen Wohnraum ist ein großes Projekt. Ich habe schon so viel daran gearbeitet und verbessert. 

„Es ist ein schönes Gefühl zu sehen, was man da geschaffen hat. Darauf bin ich auch ein bisschen stolz.“
Marius

Außerdem macht es Spaß, Sachen zu bauen und Probleme zu lösen, die man nicht irgendwo im Lehrbuch nachlesen kann.

bento: Ist es nicht privilegiert, sich in Deutschland für ein Leben in einer Jurte zu entscheiden – und jederzeit zurück zu können?

Marius: Ich sehe es allgemein als Privileg, in Deutschland aufgewachsen zu sein, eine deutsche Staatsbürgerschaft zu haben und zu wissen, dass ich wahrscheinlich irgendwie aufgefangen werden würde, wenn ich mich nicht mehr um mich selbst kümmern kann. Das gilt auch für das Gesundheitssystem, das Straßennetz oder das Schulsystem – die man trotzdem kritisieren kann. Ich bin froh, dass es uns allen hier so gut geht. Aber meine Definition von Luxus ist auch eine völlig andere als die der meisten.

bento: Was ist Luxus für dich?

Marius: Vor allem die Freiheit, selbst entscheiden zu können, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene und meine Zeit verbringe. Aber auch einfach die Tatsache, Zugang zu sauberem Trinkwasser und genug zu essen zu haben. Denn das ist für viele andere Menschen auf der Welt nicht selbstverständlich.


Gerechtigkeit

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