Bild: Lukas Kissel

Frau Wellmann hat Kaffee gekocht. Sie stellt ihn auf den Terrassentisch. "Hier, essen Sie die Kekse", sagt sie, "bevor die Schokolade verläuft."

Osama darf keine Kekse essen. Er macht gerade Ramadan.

Auf den ersten Blick sind Osama und Frau Wellmann ein ungleiches Paar. Er ist 30, sie ist 90. Er ist Muslim, sie ist Katholikin. Er stammt aus Syrien, sie aus einem 20.000-Einwohner-Ort an der holländischen Grenze. Seit September wohnen die beiden zusammen in einem kleinen Haus in Köln.

"Wohnen für Hilfe" nennt sich dieses Konzept: ältere Menschen, die ein freies Zimmer haben und sich Gesellschaft wünschen, und junge Menschen, meist Studierende, die eine Wohnung suchen, in einer Wohngemeinschaft. Hilfe im Alltag gegen ein Zimmer zum Wohnen – das ist der Deal. In einigen deutschen Städten gibt es Vermittlungsstellen, die Senioren und Studierende zusammenbringen.

Was genau der Untermieter zu leisten hat, wird vorher im Vertrag festgelegt. Osama bezahlt sein Zimmer mit zwei Stunden Gartenarbeit in der Woche. Fürs Putzen hat Frau Wellmann eine Haushaltshilfe. Dazu kommen 100 Euro Nebenkosten für Strom und Wasser.

bento: Frau Wellmann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Wohnung mit einem jungen Menschen zu teilen?

Frau Wellmann: Vor etwa sieben Jahren ist mein Mann gestorben, zwei Jahre später dann mein Hund. Das war wirklich hart, es war dann überhaupt kein Leben mehr im Haus. Das war mir einfach zu still.

Vor Osama hatte ich noch drei andere Mitbewohner. Einer davon ist mir ziemlich schnell wieder abgehauen. Er meinte, er habe nette Leute mit einer großen WG am Rhein kennengelernt. Das habe ich ihm auch nicht übel genommen. Ich weiß auch nicht, ob ich als junger Mensch bei so einer alten Dame wohnen wollte.

Nach ihm kam eine Tunesierin. Eine ganz liebe Frau! Aber ich weiß nicht… irgendwie hat es nicht gepasst. Es war mir furchtbar peinlich, als ich ihr kündigte. Sie hatte mir ja nichts getan. Aber mir ist es lieber, wenn ein Mann im Haus ist. Irgendwie ist die Atmosphäre mit einem Mann anders, ich kann das gar nicht beschreiben. Komisch, oder?

Osama: Nein, ich finde das nicht komisch. Sie haben ja nie die Erfahrung mit einer Tochter oder einer Enkelin gemacht.

Frau Wellmann: Vielleicht hat das damit zu tun. Ich habe drei Söhne und fünf männliche Enkel. Die einzigen Frauen in unserer Familie sind meine Schwiegertöchter.

Die Frauen bei der Vermittlungsstelle konnten mich verstehen. Die sagten auch direkt: Wir haben einen Mann für Sie. Das war Osama. 

Osama ist in Syrien geboren. In Palmyra, wo er herkommt, habe er früh deutsche Touristen getroffen, erzählt er. Er träumte von einem Studium in Deutschland, weil die Unis hier so einen guten Ruf hätten und gleichzeitig auch bezahlbar seien. Vor fast zehn Jahren kam er in Berlin an, lernte Deutsch und machte Vorbereitungskurse für das Studium. Nun lebt er in Köln und studiert BWL im Bachelor.

Als er nach drei Jahren seinen Wohnheimplatz verlor, stieß er auf "Wohnen für Hilfe" und bewarb sich.

Du hast dich also bewusst für so eine Wohngemeinschaft entschieden?

Osama: Ja. Ich bin ein Mensch, der viel Wert auf seine Ruhe legt. Ich brauche keine laute Musik oder viele Leute um mich herum. Also dachte ich: warum nicht?

Als ich herkam, war ich zuerst sehr vorsichtig. Ich wusste ja nicht, wie ich mich hier verhalten muss. Darf ich in den Garten gehen? Darf ich nach oben kommen, wenn Frau Wellmann schläft?

Frau Wellmann: Von 13 bis 14 Uhr mache ich mein Nickerchen, das steht auch so im Vertrag. Da hat Ruhe zu herrschen. Ich bin alt, ich muss schlafen.

Osama: Frau Wellmann ist ja keine komplizierte Person. Ich sage immer: Ich habe unglaubliches Glück, dass ich hier wohnen darf. Sie ist auch sehr offen und tolerant. Wenn Leute meinen Namen hören, nehmen viele erst einmal Abstand.

Frau Wellmann: Das stimmt. Das merke ich auch, wenn ich das anderen Leuten erzähle. "Du hast einen Muslim im Haus?", fragen sie dann, "ist das nicht gefährlich?" Die haben so viele Vorurteile. Wer weiß, vielleicht bist du ja wirklich ein Gefährder? 

Osama: Ich wohne hier jetzt seit sechs Monaten. Wenn ich ein Gefährder wäre, hätten Sie das längst erkannt. 

Frau Wellmann: Im Ernst: Ich habe diese Vorurteile gar nicht. Ich finde das eher interessant. Alle haben doch ihren Gott, ob das jetzt Allah ist oder unser Gott Vater. Ich halte Osama sogar eher vor, wenn er nicht beten geht. Er beobachtet auch, ob ich sonntags in die Kirche gehe. Wenn nicht, fragt er, ob ich krank sei. 

(Bild: Lukas Kissel)

Begegnest auch du Vorurteilen, Osama? Was denken deine Kommilitonen, wenn du sagst, du wohnst bei einer Rentnerin?

Osama: Sie fragen, wie ich das denn durchhalte. Vor allem, wenn sie hören, dass sie 90 Jahre alt ist – dann denken sie an eine Frau mit Rollator, die sich kaum äußern kann. Aber die wissen nicht, wie Frau Wellmann ist.

Manche besuchten mich hier auch schon und als sie Frau Wellmann trafen, sagten sie: Aha, jetzt verstehen wir. 

Frau Wellmann: Wenn du mit so einer alten Frau zusammenwohnst, führt dich das auch nicht in Versuchung.

Immer wieder machen Frau Wellmann und Osama solche Witze. Ihr Verhältnis steht irgendwo zwischen Wohngemeinschaft und Familienersatz. Einerseits siezt Osama seine Mitbewohnerin. Andererseits sagt er, er verhalte sich ihr gegenüber genauso, wie er sich seiner Oma gegenüber verhalten würde. Seit er hier wohnt, hat er fast alle aus Frau Wellmanns großer Familie kennengelernt – das ist ein schönes Gefühl für ihn, der seine eigene Familie das letzte Mal vor vier oder fünf Jahren traf.

Auch die Nachbarn laden ihn ein. Die seien froh, wenn er mitkommt, sagt Frau Wellmann. Einmal hat Osama alle zurück eingeladen. Dann kochte er für sie, etwas typisch Syrisches.

Gibt es zwischen Ihnen auch Konfliktpunkte?

Frau Wellmann: Nö, das geht reibungslos. Bis auf die Dusche vielleicht.

Osama: Ach ja.

Frau Wellmann: Er muss die Dusche selbst putzen, das steht sogar so im Vertrag. Aber er duscht sie immer nur ab!

Aber wir kommen gut klar. Er ist so ein lustiger Mensch mit einer ganz feinen Ironie – da habe ich furchtbar Spaß dran.

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Worüber können Sie beide lachen?

Osama: Während unseren zwei Stunden im Garten lachen wir viel. Dabei kann man auch gar nicht schweigen. 

Frau Wellmann: Du machst da viel zu viel Unsinn! Wenn wir morgen wieder Gartenarbeit machen, werde ich sehen, dass wir mal etwas leisten.

Der Garten ist meine große Leidenschaft. Letztens fand Osama bei dem feuchten Wetter eine kleine Schnecke. Er setzte sie auf den Tisch und bewunderte sie wie ein Kind. Dann kamen die Fühler raus! Er fotografierte sie sogar.

Osama: Ich habe noch nie eine Schnecke gesehen, höchstens in Kinderprogrammen oder Natur-Dokumentationen. Wo ich herkomme, ist es zu trocken.

Frau Wellmann: Das hat mich so gerührt. Wenn ich hier eine Schnecke finde, dann mache ich die eher kaputt. Die fressen mir alles auf.


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