"Eine Haut wie ein Pfirsich", sagte meine Oma oft, wenn sie mir über die Wange strich. Meine Mutter sagte, sie würde aussehen "wie Milch und Honig". 

Meine Haut wurde oft beneidet, betatscht, gelobt und gewürdigt. Mir war klar: Ich hatte Glück gehabt, ich war ein schöner Mensch. Ich fühlte mich wohl in meiner Haut.

Vor neun Monaten wurde alles anders, auf einer Reise nach Polen. Ich hatte mich dort Hals über Kopf verliebt. An einem Morgen trat ich vor den Spiegel – und fand meine Augen nicht mehr wieder. Völlig zugeschwollen, ein doppeltes Lid hatte sich gebildet. Meine Haut im Gesicht war gereizt und gerötet und mein Oberkörper mit kleinen Pusteln übersäht. 

Neurodermitis, sagte mir ein Arzt. 

Ich schmierte Kortison darauf, mein neuer Freund musste sich den Bart abrasieren, um weitere Hautreizungen zu vermeiden. Trotzdem reisten wir weiter nach Australien.

Neurodermitis

Neurodermitis ist eine chronisch entzündliche Hauterkrankung, von der vor allem Kinder betroffen sind. Neurodermitis ist genetisch veranlagt und nicht heilbar, aber gut zu behandeln und nicht ansteckend

Meistens sind Kopf, Gesicht, Hände, Arm- und Kniebeugen betroffen. Der Ausschlag kann sich aber über den gesamten Körper ausbreiten.

Die Symptome sind eine lederartige Verdickung der Haut, extreme Hauttrockenheit, Pusteln, starke Juckreize, Risse am Mundbereich, an den Ohren und Fingern.

Eine Folge der Neurodermitis, besonders durch den Juckreiz, sind unter anderem Schlafstörungen. Besonders Erwachsene leiden auch psychisch unter der Krankheit, vor allem, wenn das Gesicht betroffen ist.

Ich war glücklich und das Gleiche erwartete ich von meiner Haut. Aber es wurde immer schlimmer. Wir hörten auf zu rauchen, ich hörte auf zu trinken und stellte meine Ernährung um. 

Meine Augen wurden trotzdem kleiner und die Haut im Gesicht fing an, sich wie Fischschuppen zu lösen. Mir tropfte Wundflüssigkeit vom Kinn und ich kratzte aus Verzweiflung Haut von Händen, Hals und dem Gesicht. Nachts konnte ich nicht schlafen, mein Freund auch nicht. Meine Beine fingen an zu bluten und mein Rücken war voller Schorf. Ich probierte Cremes aus, machte selbst welche und konnte über nichts anderes mehr nachdenken. 

Mehr Kortison. Die hochdosierten Salben halfen, alle Pusteln zogen sich zurück. Hörte ich auf zu schmieren, kam jedoch alles doppelt so schlimm wieder.

Mein Freund nähte mir kleine Boxhandschuhe, die ich nachts trug, damit ich mich nicht mehr kratzte. Ich sah albern aus, aber konnte endlich schlafen. 

Als wir nach Deutschland zurückkehrten, setzte ich das Kortison ab und für kurze Zeit war alles gut. Dann wurde es wieder schlimmer. Ich wusste, dass der Schub irgendwann aufhören würde, das hatte der Arzt gesagt. Wie lange es dauern sollte, konnte mir keiner sagen. Das belastete mich. In Australien war ich bei zwei Ärzten, in Deutschland bei dreien gewesen. Alle wussten, dass Kortison hilft und das eigentlich nach vier Wochen alles wieder weg sein sollte, wenn nicht, sollte ich weiter Kortison benutzen.

Neurodermitis wird auch durch Stress ausgelöst, den sollte ich reduzieren, sagten die Ärzte mir, ich unternahm fast nichts mehr. Ich bin Dokumentarfilmerin, eine tolle Arbeit, die während der Drehzeiten aber auch anstrengend ist. Ich bin auf Förderungen und öffentliche Gelder angewiesen, um meine Projekte umzusetzen. Die Ungewissheit, ob man die nötigen Mittel erhält, kann sich über Monate hinziehen. 

Aber der Stress, den die Neurodermitis auslöste, ging nicht dadurch weg, dass ich weniger arbeitete. 

Viele Menschen in meinem Umfeld durchsuchten mein Leben nach allem Ungesunden, um mich dann aufzufordern, ich möge auf die Warnungen meines Körpers hören und mich ändern. 

Ist es der Beruf, der Alkohol, der Freund, das Reisen, die Wohnung, das Essen, die Kleidung, die Arbeit? 

Jeder hatte eine Idee.  

Die mitleidige, aber auch gut gemeinte Kritik von Menschen, die mich liebten, stresste mich letztlich am meisten. Ich wollte einfach nur gehalten und getröstet werden. 

Ich setzte mich vor den Spiegel in meiner Wohnung und versuchte es auszuhalten, fünf Minuten Hingucken ohne zu weinen.

Nachdem ich mir lange selbst aus dem Weg gegangen war, fing ich an, mein Neurodermitis-Ich zu betrachten. Ich versuchte, mich mit mir selbst und meinem neuen Gesicht anzufreunden.

Drei Fragen an Hautarzt Lars Jenne

Was passiert mit der Haut, die an Neurodermitis erkrankt?

Neurodermitis ist ein Oberflächendefekt. Es gibt mehrere Mutationen, die dazu führen, dass Filagrin, ein besonderes Protein an der Hautoberfläche, weniger ausgeprägt wird, oder gar nicht mehr. So ist die Haut nicht mehr geschützt und vieles kann in die zerstörte Oberfläche eindringen. Das führt dann zu Entzündungen und dergleichen. Der Oberflächendefekt ist also Schuld daran, dass Entzündungen entstehen, die für einen Juckreiz sorgen. Wegen dem kratzt man sich dann und die Oberfläche wird noch mehr beschädigt.

Warum bekommt man Neurodermitis?

Sie ist teilweise angeboren. Aber auch Umweltfaktoren sorgen dafür, dass sie ausbricht, wenn eine Veranlagung vorhanden ist: zum Beispiel Bakterien, Hausstaubmilben, Heizungsluft oder Inhalts- und Zusatzstoffe von bestimmten Nahrungsmitteln.

Kann man auch selbst zu der Erkrankung beitragen, weil man sich zum Beispiel zu viel Stress angetan hat?

Neuro bedeutet tatsächlich, dass die Nerven und die Psyche etwas damit zu tun haben. Unsere Haut hängt mit unserem Nervensystem zusammen: Haut, die fröhlich berührt wird, die viel angefasst wird, der geht es häufig gut, sie sieht gesund aus. Wenn die Person hingegen gestresst ist, werden der Haut durch das Nervensystem Signale gesendet. Bei Menschen, die bereits eine genetische Veranlagung für Neurodermitis haben, kann so Schub ausgelöst werden. Insofern hängen Neurodermitis und Stress zusammen.

Ich gewöhnte mich langsam daran, anders auszusehen. Was mir schwerfiel – ich war bis zu meiner Neurodermitis eine sehr selbstbewusste Frau, ich hatte keine Probleme mit meinem Körper. 

Jetzt  wuchs ein schwerer Hautausschlag von meinem Bauchnabel zu meinem Busen und meine Brustwarzen begannen, zu verkrusten und zu nässen. Ich fühlte mich nun nicht nur hässlich, sondern auch weniger weiblich

Wie wichtig mein Partner für mich in dieser Zeit war, stellte ich fest, als ich plötzlich ein paar Tage ohne ihn auskommen musste. Ich besuchte meine Familie und meine Heimatstadt. Meine Mutter strich mir traurig über mein Gesicht. Es raschelte, als sie meine Haut streifte.

Es waren die letzten Tage, die ich mit Neurodermitis zubringen musste. Dank eines Tipps der Mutter meiner besten Freundin suchte ich einen Arzt auf, der mir eine Salbe verschrieb, die Betroffenen helfen soll, bei denen das Kortison nicht anschlägt.

Die Salbe wirkte. Nach einer Woche waren viele der Pickelchen, Pusteln, Schuppen und Rötungen verschwunden und bald hatte ich das Gefühl, meine alte Haut zurück bekommen zu haben. 

Die Neurodermitis hat in meinem Leben vieles verändert, ich ernähre mich gesünder, schlafe regelmäßiger, trinke weniger Alkohol und habe aufgehört zu rauchen. 

Die Krankheit ist für mich eine Warnung geworden.

In Stresssituationen ist der Ausschlag plötzlich wieder da und ich muss eine andere Möglichkeit finden, meine Aufgaben und Konflikte zu lösen. 

Acht Monate in dieser Haut zu stecken hat mich weicher und weniger wütend gemacht. Die Neurodermitis hat mein Verhältnis zu mir selbst auf die Probe gestellt. Ich bin besser mit mir selbst befreundet. Natürlich habe ich auch mein Umfeld und meinen Partner besonders schätzen gelernt in dieser Zeit, aber Menschen, die einen lieben, fällt es leichter, die inneren Werte zu sehen. Man selbst muss lernen, gnädig mit sich selbst zu sein und dem Körper zu verzeihen, nicht immer zu funktionieren. Es ist schön, schön zu sein, aber davon wird die Welt auch nicht besser. 

Ich habe in diesen acht Monaten verstanden, wie belastend es ist, sich in seiner Haut nicht wohlzufühlen. Ein Problem, das ich im Gegensatz zu vielen jungen Frauen vorher nie hatte. Ich hatte bis dahin nicht verstanden, dass chronische Beschwerden wie eine Vollzeitbeschäftigung sein können und einen völlig lähmen. 

Ich fühle mich mit meinem Körper fester verbunden als je zuvor. 


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Das sind die besten Tweets zur sechsten Folge "Die Höhle der Löwen"
Neun Tweets aus Folge 6

Kurze Zusammenfassung der sechsten Folge "Die Höhle der Löwen": essbare Strohhalme, irgendwas mit Fitness und Wäsche. Die beste Zusammenfassung sind aber natürlich die Tweets der treuen Zuschauerinnen und Zuschauer.

Hier sind die besten Tweets zu "Die Höhle der Löwen":

Plastikfreie und essbare Strohhalme? Verrückt!