Bild: imago images / Hollandse Hoogte
Was sagen Gerüche über uns aus – und wird man sie jemals los?

Meine Identität ist vielschichtig. Sie ist mein Name, meine Herkunft, Familie und Freunde, meine Werte, meine Handlungsentscheidungen. Und ich finde, sie hat einen Geruch.

Der gründet sich auf feuchter Farbe, Lack und Kleister. Angebratenen Zwiebeln und kaltem Zigarettenrauch gemischt mit Chanel Nr. 5. Flieder, Holz und Kolophonium auf Pferdehaar, das auf einen Geigenbogen gespannt ist. Neuen Buchseiten und dem abgegriffenen Papier aus der Bücherei.

Heute ist der Geruch, in dem ich mich bewege, ein anderer. Er ist städtischer geworden und ich habe ihn mit der Zeit angenommen. Viel Stadt, das heißt auch viele Abgase, Klamottenläden mit Blumenduft, warme Büroräume, Kaffee, Lavendelöl. Das heißt auch: die gut riechenden Wohnungen meiner Freundinnen und Freunde, der saure Geruch in U-Bahnstationen und der Geruch in meinem Viertel nach Falafel, der sich mit dem von Curry und Kakao vermischt. 

Geruch ist Status

Wer wir sind oder sein wollen, zeigen wir durch unseren Kleidungsstil, unsere Frisur oder unsere Wohnungseinrichtung, durch unseren Musikgeschmack, den Instafeed und unsere Sprache. 

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu sagte, wir seien durch unser Sozialverhalten, unseren Habitus, immer ganz eindeutig einer sozialen Klasse zugehörig. Bourdieu macht das gesamtheitliche Auftreten einer Person dafür verantwortlich, dass man ihren sozialen Status innerhalb der Gesellschaft erkennen kann. Eine neureiche Person sei deshalb auch von einer Person mit wohlhabender Herkunft leicht zu unterschieden. (Soziologie kompakt) Eine Maus kann niemals ein Goldfisch werden. Ganz egal, wie sehr sie es auch versucht.

Aber auch in Gerüchen spiegelt sich unser sozialer Status wieder. Selbst wenn diese Assoziationen individuell sein können. Rieche ich ein süßes, künstliches Parfüm, assoziiere ich es mit dem Attribut "billig". Räucherstäbchen riechen nach Esoterik. Minz- und Zitrusdüfte verbinde ich mit Sauberkeit, weil viele Reinigungsmittel heute danach riechen. Früher war es der Geruch nach Blumen, der mit Sauberkeit assoziiert wurde. (Zeit)

Die meiste Zeit nehmen wir Gerüche eher unbewusst wahr, dabei ist Geruch omnipräsent, wir können uns nur schwer von dem distanzieren, was er bei uns auslöst. Das hat einen evolutionsbiologischen Grund, denn er hilft uns bei unseren Entscheidungen. Soll man die Reste von vorgestern noch essen? Sollten wir mit einer Person schlafen? Die Entscheidungen, die wir mit unserem Geruchssinn treffen, sind klar: Ja oder Nein. (Zeit

Wie riecht Status?

Dass der Geruch mit dem sozialen Status zusammenhängt, ist bereits aus der Antike dokumentiert. Stadt roch besser als das stinkende Land, der Adel immer schon angenehmer als die Fischverkäufer und Freie besser als Sklaven. (Aroma)

Gerüche sind seit unserer frühesten Kindheit Teil unseres sozialen Status', der Herkunft unserer Familie und unserer Identität. Der Geruch kann zeigen, woher wir kommen. Eine vietdeutsche Freundin erzählt, es sei ihr früher unangenehm gewesen, nach Frühlingsrollen zu riechen, die ihre Mutter Zuhause zubereitete. Eine Arbeitskollegin erwähnt, dass es bei ihnen Zuhause immer nach Räucherstäbchen roch. "So richtig eso", findet sie. Wir verbinden also Ähnliches mit dem Geruch, der etwas mit ihrer Herkunft und Identität zu tun hat. Auch mein sozialer Status hängt mit Geruch zusammen. 

„Wegen der Malerwerkstatt meines Vaters bin ich zwischen Farbeimern, Tapetenkleister und Lösungsmitteln aufgewachsen. Wenn ich an einer frisch lackierten Parkbank vorbeilaufe, fühle ich mich zu Hause.“


Der Geruch nach Farbe ist für mich untrennbar mit meiner Kindheit und meiner Heimat verbunden.

(Bild: Susan Barth)

In dem oscarprämierten Film "Parasite" ist der Geruch eines der Leitmotive, das auf einer von vielen Ebenen den Unterschied zweier Familien aufzeigt. Als ich den Film im Kino sah, konnte man die Gerüche zwar nicht selbst als solche wahrnehmen, die Art und Weise wie sie dargestellt und wie über sie gesprochen wurde, lösten in mir aber ähnlich starke Emotionen aus, wie Gerüche selbst. Ich fragte mich, ob verschiedene Gerüche und unsere Reaktion darauf nicht nur Auskunft darüber geben, woher wir kommen, sondern auch, ob sie immer an uns haften bleiben.

Geruch wird man nicht so schnell los

In der Grundschule hatte ich eine Freundin, deren alleinerziehende Mutter in einer KFZ-Werkstatt am Stadtrand arbeitete. Deshalb trafen wir uns nach der Schule nicht bei ihr zu Hause, wenn ich sie besuchte, sondern in der Autowerkstatt. Wir kletterten auf LKW-Reifen und spielten Verstecken hinter meterhohen Türmen aus Gummi. Wenn ich nach Hause kam, rümpfte meine Mutter die Nase. Meine Kleider, meine Schuhe, meine langen Haare – ich roch von Kopf bis Fuß nach Autoreifen. Ich wusste, dass sie es nicht mochte, auch wenn sie es nie sagte. 

Und es änderte etwas an der Freundschaft, die ich bis dahin nicht auf einer Ebene hinterfragt hatte, die irgendetwas mit ihrer Identität und ihrem Status zu tun hatte. Hier stank etwas, das für eine innere Zerrissenheit sorgte und mir einen Unterschied aufzeigte. So richtig überwinden konnte ich das nie. Bis heute erinnere ich mich jedes Mal daran, wenn ich eine Autowerkstatt betrete, und mich überkommt neben Kindheitserinnerungen auch ein unbestimmtes Gefühl von Schuld, ein Urteil über meine Freundin gefällt zu haben, weil an ihr der Geruch einer Lebenssituation haftete, den sie einfach nicht los wurde. 

Geruch kann emotional aufgeladen, er kann traumatisch sein. Er berührt uns unmittelbar, weil er wie kein anderer unserer Sinne direkt mit dem Emotionszentrum des Gehirns verbunden ist. (Spiegel) Trägt jemand Chanel Nr. 5, denke ich an meine Mutter, halte ich eine Geige in den Händen, bin ich wieder in der Musikschule meiner Heimatstadt.

Tagsüber Kaffeesatz, Pils und Schweiß – abends Yves-Saint-Laurent und Kaschmir-Wollwaschmittel-Duft 

Obwohl ich mir dessen früher nicht bewusst war, versuchte ich als Jugendliche, die Gerüche, die etwas über meinen Status aussagen könnten, zu verstecken.

Seit ich fünfzehn war, arbeitete ich in den Ferien und an den Wochenenden in einem Restaurant. Später jobbte ich als Servicekraft in Cafés und auf größeren Events. Sobald ich nach Hause kam, duschte ich nicht nur, um mich frischer zu fühlen, sondern auch, um den Geruch nach Gebratenem, nach Kaffee, nach Spülmittel und 14-Stunden-Schichten loszuwerden. Ich wollte nicht nach körperlicher Arbeit riechen, wenn ich mich mit Freunden traf oder feiern ging. Das Geld, das ich für Longdrinks, Ohrringe oder CDs ausgab, war das, wofür ich selbst gearbeitet hatte, während es bei manchen meiner Freunde einfach immer nur da zu sein schien. Unser Geld roch gleich, unser Status aber nicht. Seinen Status optisch durch andere Kleidung oder Statussymbole wie teuren Schmuck zu verändern ist zumindest kurzfristig nicht schwierig. Und das gilt auch für den Geruch.

Als Studentin kaufte ich mir ein Parfüm von Estée Lauder, das ein Viertel meiner Miete kostete. Es fühlte sich besonders an, einen solchen Geruch zu tragen. Ich fühlte mich teurer, damals vielleicht sogar wertvoller.

Geld stinkt nicht. Herkunft aber auch nicht.

Mein erster Freund kam aus einer Familie, in der man abends Lachs aß und dabei über Politik redete. Früher habe ich versucht, mich anzupassen, einen Status zu imitieren und mir selbst zu erarbeiten, der nicht nur nach dem teuren Parfüm selbst, sondern nach einer gewissen Lebensweise riecht. Heute sehe ich das anders. 

„Aus einem Geruch herauszuwachsen kann ein natürlicher Prozess sein, der mit einer neuen Lebenssituation einhergeht.“

Ein Parfüm das riecht, als hätte man in Zuckerwatte gebadet, besitze ich immer noch obwohl ich es seit zehn Jahren kein einziges Mal mehr benuzt habe. Das Flakon ist mehr als halb voll, aber irgendwann merkte ich, dass ich mich nicht mehr damit identifizieren wollte, "süß" zu sein. Den Geruch nach Arbeit, nach Farbe oder Büchern aus der Bücherei will ich aber nicht mehr abschütteln. Ich will ihn nicht verstecken. Denn er macht mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Er gibt mir eine Vergangenheit, die durch einen Sinneseindruck direkt erfahrbar ist. Und die mir jedes Mal in Erinnerung gerufen wird, wenn ich an einer frisch gestrichenen Wand vorbeilaufe.


Gerechtigkeit

Wie junge Frauen Politik zu Instagram bringen
In den sozialen Medien ist Politik häufig männerdominiert. Auf Instagram jedoch sorgen junge Frauen dafür, dass überhaupt über das Thema gesprochen wird.

"Ein Dienstag mit Lou" steht zu Beginn der Instagram-Story. Zu sehen ist eine junge Frau, die tanzend in die Kamera schaut und offenbar in einen Löffel singt. Auf den ersten Blick würde man erwarten, dass nun Bilder der letzten Reiseerlebnisse oder die Vorstellung einer Modekollektion folgen – Szenen aus dem Alltag einer Influencerin eben. Stattdessen gibt es sieben Minuten Informationen über Syrien und die aktuelle Situation an der griechisch-türkischen Grenze. Louisa Dellert, die Frau aus dem Video, hat 383.000 Followerinnen und Follower. Sie ist nur eine von mehreren jungen Frauen, die in jüngster Zeit auf Instagram vermehrt auch politische Themen ansprechen.

Bei den Nutzerinnen und Nutzern kommt das an. Bereits jetzt ist Instagram bei den 18- bis 24-Jährigen das wichtigste soziale Medium für den Konsum von Nachrichten. 23 Prozent von ihnen informieren sich auf der Plattform, welche damit knapp vor Youtube und Facebook rangiert. Das geht aus dem "Digital News Report" des Reuters Institute hevor.