Bild: Marianna Deinyan
Sprachnachrichten statt Chats: Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich sagen: tief. Tief und sonor sollte sie klingen. Eher Friedrich Liechtenstein als Matthias Schweighöfer. Ein leichter Dialekt ist auch noch ganz niedlich. Hauptsache er nuschelt nicht, spricht laut und deutlich. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre das die Beschreibung der Stimme meines Traummanns – ganz unabhängig vom Rest.

Bisher konnte ich es mir aber nicht aussuchen. Wie auch, beim Kennenlernen im echten Leben steht da schließlich ein Gesamtpaket vor mir. Eine neue Dating-App aus Österreich bietet aber jetzt genau das: die Partnerwahl anhand der Stimme. Bei "Whispar" gibt es anstelle von geschriebenen Chats und Kurz-Bio nur Sprachnachrichten und Audio-Profile.

30 Sekunden, um dich in einer Audio-Botschaft vorzustellen

Das Profil zu erstellen geht schnell. Foto hochladen, Infos hinzufügen und schließlich noch die Telefonnummer verifizieren lassen, damit ich später mit anderen Usern telefonieren kann. So viel zum einfachen Teil. Dann der aufregende Part: das Audioprofil.

Ich habe 30 Sekunden Zeit, um mich in einer Audio-Aufnahme den anderen Usern vorzustellen. Bis ich endlich eine Aufnahme habe, mit der ich halbwegs leben kann, dauert es eine Weile. Es fühlt sich viel zu privat an, völlig fremden Männern eine solche Hörprobe von mir zu servieren. Wer weiß, welche Bilder in ihren Köpfen entstehen, denke ich mir.

(Bild: Marianna Deinyan)

Denn Stimmen verraten weit mehr über die eigene Persönlichkeit, als mir beim ersten Kennenlernen über eine Onlineplattform lieb ist. Je nachdem, wie ich meine Stimme nutze, kann ich introvertiert, selbstbewusst, sexy, interessiert oder gelangweilt wirken. Mal ganz abgesehen von all den Charaktereigenschaften, die ich durch ein nervöses Kichern, Stottern oder allein durch meine Atmung unfreiwillig preisgebe.

Es gibt sogar wissenschaftliche Ansätze, die die Diagnose von Krankheiten anhand von Stimmproben erforschen, denn auch der Gesundheitszustand eines Menschen soll aus Stimmen gelesen werden können. Wer sich also nur mithilfe seiner Stimme vorstellen kann, kann einerseits manipulieren – sich aber andererseits auch nicht verstecken.

Während ich mein Audio-Profil erstelle, achte ich penibel darauf, locker und entspannt zu wirken – und so wenig wie möglich über mich mit meiner Stimme preiszugeben.

Hier das Audio-Profil von Marianna:
"Hallo, ich bin Marianna, ich bin 24 Jahre alt und wohne seit kurzem in Köln und ich suche hier auf "Whispar" einfach neue Leute, die ich kennenlernen kann. Deswegen freue ich mich auf eure Nachrichten. Bis bald!"

Entsprechend uninspiriert fällt auch mein Text aus. Aber fairerweise möchte ich niemandem vormachen, dass ich hier auf der Suche nach der großen Liebe bin. Denn jetzt, da mein Profil vollständig ist, kann ich mich endlich durch die Profile der Männer klicken, die die App für mich herausgesucht hat. Was mich überrascht: Viele von ihnen sagen, dass sie tatsächlich auf der Suche nach einer festen Beziehung sind.

(Bild: Marianna Deinyan)

"Whispar" wirkt niedlich, unschuldig und noch ein wenig unbeholfen. Allein die Tatsache, dass die einzige Form der non-verbalen Kommunikation die Option "Sende ein Lächeln" heißt, zeigt wie unverbraucht diese App noch ist. Die Männer, die mir vorgeschlagen werden, scheinen eher zurückhaltend und bodenständig. So wie Markus*, der sich in seinem Audio-Profil folgendermaßen vorstellt.

"Hi, ich bin Markus, ich bin 20 Jahre alt, von Beruf bin ich Fachpraktiker für Holzverarbeitung. In meiner Freizeit spiele ich Trompete im Jugendblasorchester."

Andere versuchen, betont lässig zu wirken. So wie Stefan*:

"Hey yo, ich bin der Stefan. Ich komme aus Köln und hab gar kein Bock euch den gleichen Scheiß zu erzählen, den euch hier jeder erzählt. Also erzähl ich euch gar nix. Wenn ihr was wollt, schickt ihr mir eine Sprachaufzeichnung. Yo!"

Pro Tag bekomme ich 15 Vorschläge. Öffne ich ein neues Profil, ist das User-Bild unscharf. Erst als ich mir das Audio-Profil vollständig anhöre, wird das Foto nach und nach scharf, bis ich den User erkennen kann. Dann kann ich entscheiden, ob ich mit der Person Kontakt aufnehmen will – oder nicht.

(Bild: Marianna Deinyan)
Anfangs läuft es mir kalt den Rücken runter

Bei jedem neuen Audio-Profil lief es mir anfangs eiskalt den Rücken runter. Es ist anders, sich einen pseudo-lässigen Spruch à la Stefan oder eine unbeholfene Selbstbeschreibung wie von Markus anzuhören, anstatt sie nur zu lesen. Doch ich habe auch positive Erfahrungen gemacht. Ein 32-Jähriger aus Wien hat mir beispielsweise eine Sprachnachricht geschickt, einfach nur um mir zu sagen, dass er mich sympathisch findet. Nichts weiter. Ein anderer rief direkt an.

Neben den Sprachnachrichten gibt es bei "Whispar" die Anruf-Funktion, für die man angeben muss, zu welchen Tageszeiten man erreichbar ist. Nimmt man einen Anruf an, verbindet die App die beiden User, ohne dass man seine eigene Telefonnummer preisgeben muss.

Dummerweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt meine Verfügbarkeitszeiten noch nicht eingestellt. Also saß ich um 8.20 Uhr in meinem Bett und nahm etwas verwirrt den Anruf von Lex, 26, Musiker aus Wien, an.

1/12

Unser Gespräch hätte genauso an einem Freitagabend in einer Bar stattfinden können – mit dem Unterschied, dass ich noch im Pyjama und nicht im Ansatz ausgehfertig war. Abgesehen davon: völlig entspannter Smalltalk. Überhaupt nicht unangenehm. Im Gegenteil, eigentlich angenehmer, unmittelbarer und echter, als sich auf dem schriftlichen Weg kennenzulernen.

"Whispar" hat eine Chance verdient. Das Konzept zwingt die User dazu, über ihren Schatten zu springen. Sie wirken ehrlicher, die Kommunikation ist direkter, persönlicher und vor allem ernsthafter, als man es von Apps wie Tinder kennt. Manchmal dadurch aber auch holpriger. Denn wer hier jemanden kennenlernen will, kann sich nicht hinter geschriebenen Worten verstecken.

*Name von der Redaktion geändert.

Mehr zu Dating-Apps:

bento-Newsletter Stories

Jede Woche unsere
besten Stories per Mail


Musik

Simpsonwave: Diese Simpsons-Musikvideos haben wir gebraucht

Die Simpsons sind ein internationales Kulturgut. Wenn du dieser Aussage widersprichst, brauchst du gar nicht weiterlesen.

In den 27 Jahren seit der ersten Folge wurden sie gefühlt eine Milliarde Mal zitiert, wiederholt, diskutiert und auf Satin-Boxershorts gedruckt. Nicht immer ist das alles super gut gewesen, aber meist treffen die Simpsons mit ihren Gags genau ins Schwarze.

Richtig, richtig (!!) cool sind aber die neuen "Simpsonwave" Musikvideos, die seit kurzem auf YouTube laufen.