Nach der Trennung zusammenwohnen: Fluch oder Segen für die "Beziehung danach"?

Nach einer Trennung will man vor allem eines: so schnell wie möglich getrennte Wege gehen. Dem anderen bloß nicht mehr jeden Tag in die Augen sehen müssen. Vor allem nicht, wenn er oder sie einem das Herz gebrochen hat. 

Aber für diejenigen, die bislang eine Wohnung teilen, ist dieser Schritt meist nicht so einfach. Gerade in vielen Großstädten ist es schwer, schnell eine neue Wohnung zu finden. Oder man ist sogar finanziell voneinander abhängig, vielleicht ist auch die emotionale Bindung noch so groß, dass die räumliche Trennung schwerfällt. 

Doch kann eine Wohngemeinschaft mit dem Ex-Partner oder der Ex-Partnerin überhaupt funktionieren? 

Lässt sich auf dem Weg vielleicht sogar die Basis für eine Freundschaft legen – oder macht das Zusammenleben nach einer Trennung alles noch schwerer?

Paartherapeutin Vera Matt kennt den Wunsch von Ex-Paaren, nach der Trennung zumindest räumlich noch zusammenbleiben zu wollen. Neben wirtschaftlichen Gründen hätten einige ihrer Klienten unter anderem große Angst vor dem Alleinsein. "Es gibt Partner, denen sind zwar ganz wichtige Bestandteile in ihrer Liebesbeziehung abhandengekommen, aber die harmonieren in ihrer Alltagsbewältigung so gut zusammen, dass sie sehr aneinander klammern", sagt sie.

Paartherapeutin Vera Matt: "Trennungen sind wie ein kalter Entzug. Diesen permanent mit der Lieblingsdroge vor Augen zu führen, ist brutal."

Das kennt auch Wiebke, 33

Sie wohnte nach der Trennung noch knapp anderthalb Jahre mit ihrer Ex-Freundin zusammen. Nach drei Jahren Beziehung sei beiden bewusst geworden, dass sie eher wie beste Freundinnen oder Schwestern zueinanderstanden und kein echtes Liebespaar mehr waren, sagt Wiebke. 

Beide hatten sowieso ein eigenes Zimmer und einen gemeinsamen Hund. Der Wohnraum in Hamburg war auch damals schon knapp, also entschieden sie sich für das WG-Modell. Zu Beginn habe das prima funktioniert. "Wir gingen zusammen feiern, luden Freunde ein oder redeten stundenlang und betrauerten unsere Beziehung. Wir waren zwar nicht mehr intim miteinander, aber es bestand noch immer eine unglaubliche Nähe zwischen uns", sagt Wiebke.

Wiebke möchte möglichst unerkannt bleiben. 

Schwierig sei es geworden, als beide neue Partnerinnen gehabt hätten, erzählt sie weiter. Wiebke habe ihre neue Freundin nicht in die Wohnung mitbringen dürfen, weil ihre Ex-Partnerin das zu sehr verletzt hätte. Deren neue Freundin wiederum sei überhaupt nicht mit Wiebke zurecht gekommen und habe Angst gehabt, dass sie die neue Beziehung manipulieren könnte. Wiebke zog wegen der Spannungen irgendwann aus. 

Die Expertin rät auf Dauer von solchen Wohnkonstellationen ab 

In ihrer Praxis in der Nähe von Berlin habe Vera Matt bisher noch keinen Fall erlebt, bei dem es auf Dauer gut funktioniert habe. "Trennungen sind wie ein kalter Entzug. Diesen permanent mit der Lieblingsdroge vor Augen zu führen, ist brutal", sagt sie. Es fehle in so einem Fall die notwendige Pause, in der sich die Partner an die neue Situation gewöhnen und den Verlust entsprechend für sich allein betrauern und verarbeiten könnten.

Wiebke und ihrer Ex-Partnerin fehlte genau diese Pause. Wiebke bereue es im Nachhinein, sich nach der Trennung für eine WG entschieden zu haben. Weil die zwei sich ihre Basis dadurch völlig zerstört hätten. "Mich haben diese Erfahrungen nachträglich so beeinflusst, dass ich zumindest aktuell nicht das Bedürfnis habe, wieder mit jemandem zusammenziehen zu wollen", sagt sie. 

Florian, 30, und Fiona, 28, machten andere Erfahrungen 

Die beiden waren acht Jahre lang ein Paar, fünf davon wohnten sie zusammen. 2017 machte Fiona Schluss. Sie hatte jemanden kennengelernt. Die beiden einigten sich darauf, in der Übergangsphase noch gemeinsam in der Wohnung zu bleiben. Florian erzählt: "Natürlich war es trotzdem komisch, als ich morgens aus dem Schlafzimmer die Treppe heruntergestiegen bin und sie auf dem Sofa gelegen hat." Nachdem die Fronten geklärt waren – die zwei schliefen die ersten zwei Tage nach der Trennung kaum und redeten fast ununterbrochen – versuchten sie, sich so gut es geht aus dem Weg zu gehen und viel Zeit bei Freunden zu verbringen.

Florian und Fiona wollen lieber unerkannt bleiben – deshalb haben wir ihre Fotos abgedunkelt. 

Gerade Konstellationen wie die von Florian und Fiona sind aus Sicht der Paartherapeutin schwierig. Überall in der gemeinsamen Wohnung lauerten Trigger, sagt Vera Matt: Warum riecht der andere plötzlich nach einem fremden Parfüm? Wo ist er oder sie noch so spät gewesen? "Oder aber man wacht nachts auf und hat erotisch geträumt. Den Ex-Partner zu verführen ist einfach – danach wird es aber wieder kompliziert,“ sagt Vera Matt. Wer sich auf die Schnelle nicht räumlich sortieren kann, sollte nach Einschätzung der Expertin von vornherein die Umstände als zeitlich begrenzte Notlösung deklarieren und parallel an der eigenen Unabhängigkeit arbeiten. Dazu gehöre auch, sich von emotionalen Fesseln zu lösen und den anderen nicht auszufragen.

"Wenn sie zu ihrem neuen Freund gefahren ist, war das kein schönes Gefühl, aber ich habe versucht, mich weitestgehend abzuschotten und nicht noch irgendwelche Versuche zu starten", sagt Florian. Fiona erzählt: "Weil ich diejenige mit dem neuen Partner war, habe ich mich in diesen Wochen wie der Buhmann gefühlt und ein schlechtes Gewissen gehabt. Ich wollte so schnell es geht ausziehen, aber als Studentin in einer Großstadt geht das nicht so einfach." 

Er habe sie nie rauswerfen wollen, sagt Florian, oder ihr wehtun wollen. "Ich habe sie als Person nach wie vor geschätzt." Trotzdem war das eine schwere Zeit für beide – und für Fionas neuen Freund. "Für keinen von uns Dreien war das eine einfache Situation. Man findet keinen richtigen Abschluss oder Neuanfang miteinander, solange man sich noch in dieser Phase befindet", sagt Fiona. 

Rückblickend hätten die zwei es würdevoll über die Bühne gebracht und seien sich schnell einig gewesen, wer welche Besitztümer behält, sagt Florian. Sie seien auch heute noch freundschaftlich verbunden. "Uns ist es gelungen, nicht die Achtung voreinander zu verlieren. Auf längere Dauer hätten wir uns dieses Modell aber nicht vorstellen können", sagt Fiona.


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