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Eine Netflix-Staffel nach der anderen gucken, Kochen, Zähneputzen - in einer WG teilt man oft einen Großteil seines Lebens. Dumm nur, wenn aus der Intimität ein Knistern entsteht. Dann muss man sich entscheiden: Den Moment leben und eine irgendwie verbotene Affäre beginnen? Das Begehren unterdrücken und heimlich leiden? Oder aufs Ganze gehen und eine Beziehung starten?

Wir haben mit drei Menschen über ihre Erfahrungen gesprochen, die ganz unterschiedliche Wege gewählt haben. Und mit Psychologe Ludger Büter, der als Berater auf WG-Probleme spezialisiert ist.

Lisa*, 27: Die unterdrückte Liebe

Mein erster Gedanke, als sich Andrew* beim WG-Casting vorstellte? "Der gefällt mir irgendwie. Er sollte wohl besser nicht einziehen." Mein Mitbewohner Tobi* und ich suchten jemand Neuen für unsere Kölner Dreier-WG - und Andrew*, frisch aus Australien angereist, schien perfekt zu passen. Zu perfekt.

Weil ich Wohnen und Liebschaften trennen wollte, stimmte ich für jemand anderen. Als diese Person jedoch absagte, war Andrew die nächste Wahl. Auch er freute sich sehr darauf, bei uns einzuziehen.

Während ich mich zu Tobi gern mit einem Tee ins Zimmer setzte, war ich bei Andrew verkrampft.
Lisa

Je länger wir zusammenlebten, desto mehr verknallte ich mich in ihn. Andrew war sexy, witzig, gefühlvoll - das blieb auch anderen Frauen nicht verborgen, die er fleißig mit nach Hause brachte. Zu allem Unglück lagen unsere Zimmer nebeneinander, sodass ich das Vergnügen so mancher Besucherin akustisch miterlebte.

Als ich eines Morgens fast in eine halbnackte Frau stolperte, die mir - meiner Meinung nach - sehr ähnlich sah, merkte ich, wie weh das Ganze tat. Denn mir gegenüber war Andrew kein bisschen flirty - obwohl ich, dachte ich nun, sein Typ sein könnte.

Die ganze emotionale Verwirrung führte dazu, dass ich mich Andrew gegenüber teils abweisend verhielt. Während ich mich zu Tobi gern mit einem Tee ins Zimmer setzte, war ich bei Andrew verkrampft, in der Angst, er könnte etwas von meinen Gefühlen ahnen.

Ärger in der WG? Dieser Typ macht Kunst aus dem Müll seines Mitbewohners:
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Er wiederum fühlte sich manchmal ausgeschlossen, da die Freundschaft zwischen Tobi und mir viel enger schien. Ich glaube nicht, dass einer der beiden den wahren Grund für die seltsame Stimmung begriffen hat. Und für mich kam es nie infrage, es anzusprechen. Dafür war ich einfach nicht mutig genug.

Ob Andrew vielleicht doch Interesse an mir hatte, fragte ich mich, als wir eines Abends zu dritt unterwegs waren. Tobi begann ein Gespräch darüber, wen in der Bar wir attraktiv fänden. Als er kumpelhaft sagte: "Naja, natürlich auch Lisa", begann Andrew zu stottern. Er erklärte umständlich, natürlich fände er mich auch attraktiv, aber wir würden ja schließlich zusammen wohnen.

Nach acht Monaten zog er weiter, in eine andere Stadt. 

Und auch wenn ich damals phasenweise Liebeskummer hatte, bereue ich nichts.

Weder, dass Andrew eingezogen ist, noch dass ich ihm nie die Wahrheit gesagt habe. Es wäre mir einfach zu unangenehm geworden, ihm nach einer eventuellen Zurückweisung ständig in Flur und Küche zu begegnen.

Das sagt der Psychologe zu Lisas Erfahrungen:

Verpasste Chance, wird mancher sagen, aber Lisa war klüger. Sie hat den Schmerz der möglichen Zurückweisung und das peinliche Zusammenleben danach mit Ihrer Verletzlichkeit verrechnet. Diese kann ja nur sie selbst angemessen beurteilen. Hätte sie ihre Verletzlichkeit nicht so stark eingeschätzt, wären ihre Abwehrmaßnahmen vielleicht nicht so drastisch und für die Mitbewohner etwas verwirrend ausgefallen.

Dennoch hat Lisa mich auf ihrer Seite. Sie hat die Risiken der Situation für sich selbst entgegen starken anderen Wünschen angemessen beurteilt und sich konsequent danach verhalten. Auch Andrew verdient ein Kompliment für seine Form von Konsequenz und Rücksichtnahme.

Wo wir gerade beim Thema sind:
Sven*, 26: Die Affäre

Auf keinen Fall eine Zweck-WG - das war schon immer meine Devise. Deshalb zog ich mit Leuten zusammen, die ich bereits kannte. Eine davon war Lea*. Als Freunde hatten wir uns schon öfter über Sex ausgetauscht - als Mitbewohner hatten wir dazu ständig Gelegenheit. Schließlich begann Lea mit halb scherzhaften Anspielungen in meine Richtung, man könnte ja mal...

Eigentlich sagte ich mir: "Mitbewohnerinnen sind tabu". Doch wie es eben so läuft - nach einem gemeinsamen WG-Besäufnis schob ich meine Bedenken beiseite. Den Sex aber konnte ich nicht richtig genießen, ich war zu verkrampft, weil ich diese Mitbewohner-Schranke im Kopf hatte. Zwei Tage später passierte es wieder, diesmal viel entspannter. 

Nun war uns klar, dass sich das Ganze öfter wiederholen würde. Wir vereinbarten aber, der WG nichts davon zu erzählen. Mit einem anderen Mitbewohner hatte ich manchmal Konflikte, Lea konnte gut vermitteln - wir befürchteten, das könnte sich ändern, wenn er Bescheid wüsste. Außerdem wollten wir das Ganze casual halten. Das Geheimhalten empfand ich trotzdem nicht als Kick, sondern als nervig. 

Einfach mal entspannter Morgensex ging eben nicht.

Es war dennoch spannend, das mal auszuprobieren - auch, weil ich mich für alternative Beziehungsformen interessiere. Lea und ich sind beide polyamor. Manchmal hatten wir was mit anderen, die wir auch in die WG mitbrachten. Das waren aber meist sehr kurzfristige Sachen, die sich nicht weiter auswirkten.

Lea hat die größte Libido, die ich je erlebt habe. 

Das führte zu einer unangenehmen Spannung, als ich in der Uni eine stressige Phase hatte und wenig Nerven für Sex. Eine kurze Zeit probierten wir, uns zu verabreden, wie man es ja auch sonst mit Affären tut. Aber das half auch nichts, denn irgendwie war die Situation schon zu vertrackt.

Die Freundschaft war in Gefahr und wir hatten eine mega unangenehme WG-Situation.
Sven

Nach ein paar Monaten fingen wir an, uns über Kleinigkeiten zu streiten. Schwer zu sagen, wie stark das mit der Affäre zusammenhing – damals ging es uns auch aus anderen Gründen ein bisschen kacke. Dennoch schien meine Befürchtung wahr zu werden: Die Freundschaft war in Gefahr und wir hatten eine mega unangenehme WG-Situation. Nach neun Monaten beendete ich die Affäre deshalb endgültig. Das ist nun vier Monate her.

Die Freundschaft hat sich berappelt und wir wohnen weiterhin zusammen. Ich bin im Reinen mit der Sache - empfehlen würde ich eine WG-Affäre aber keinem. Es ist schon ohne Sex schwierig genug, das WG-Leben konfliktfrei auf die Kette zu kriegen.

Das sagt der Psychologe zu Svens Erfahrungen:

Diese Geschichte knüpft nahtlos an Lisas Erlebnis an. Auch hier verschränken sich sehr vernünftige Überlegungen über gut begründbare Zurückhaltung mit Gefühlen von Begeisterung und den dazugehörigen Bedürfnissen. Anders als Lisa geben Sven und seine Mitbewohnerin diesen aber nach.

Das macht aus dieser Erfahrung geradezu einen Musterfall liebesgeschichtlichen WG-Lebens: erst die Versuchung, dann die rationale Warnung vor drohenden Misshelligkeiten, schließlich der Sieg der Gefühle über die rationale Einsicht und zuletzt die "mega-unangenehme" WG-Situation.

Bemerkenswert, geradezu souverän und deshalb keineswegs selbstverständlich ist Svens Lösung des Konflikts: die Rückkehr zum vormaligen Stand der WG-Freundschaft. Ich nehme an, Sven geht wie Lisa gefestigt aus seiner turbulenten Erfahrung hervor.

Da auf gescheiterte WG-Liebschaften fast immer massive Verwerfungen und der Austausch von Gehässigkeiten folgen, habe ich Svens Warnung nichts hinzuzufügen.

Rebecca, 32: Die Beziehung
(Bild: Foto: Privat)

Als ich 21 war, zog ich zum Studienbeginn in eine Vierer-WG. Einer der Mitbewohner war zwar nicht beim Casting mit dabei, aber als ich einzog, mochten wir uns auf Anhieb. Nach und nach entdeckten wir gemeinsame Gesprächsthemen und Interessen: Wir gingen gemeinsam auf Demos, hatten einen ähnlichen Geschmack beim Kochen, fuhren zusammen ans Meer. Nach einem Jahr war es nicht mehr wegzulächeln: Da war mehr als Freundschaft.

Der entscheidende Moment kam, als ich ihn eines Abends für eine Prüfung abfragen wollte. Wir saßen auf meinem Bett, versuchten uns zu konzentrieren... Und lagen uns schließlich stattdessen in den Armen, kuschelten und küssten uns zum ersten Mal.

Bereits nach ein paar Tagen war klar: Wir probieren das jetzt, und zwar als richtige Beziehung. Das erzählten wir auch gleich dem Rest der WG. Die beiden anderen hatten null damit gerechnet. Während die Mitbewohnerin es witzig fand, war unser Mitbewohner wenig begeistert. Er fürchtete, dass wir bei WG-Konflikten als Paar eine Front gegen ihn bilden würden. Dass die neue Situation Konfliktpotenzial hatte, war auch meinem Freund und mir bewusst - doch wir liebten unsere WG und schließlich arrangierten wir uns alle.

Letztlich hat uns das WG-Leben aber so geprägt, dass wir bis heute gemeinschaftliches Wohnen bevorzugen.
Rebecca

In der nächsten Zeit gab es einige Mitbewohnerwechsel. Die erste Neue war eine Kommilitonin von mir. Wir sorgten uns, dass sie unsere Paarsituation komisch finden könnte - doch sie freute sich einfach für uns. Ab dem Moment waren wir entspannter.

Als zwei Jahre später unsere beiden Mitbewohner ins Ausland gingen, beschlossen wir, die WG aufzulösen und andere Wohnformen zu testen: Zunächst eine kleine, gemütliche Pärchenwohnung und dann für ein halbes Jahr getrennte Wohnorte, weil ich noch mal ins Ausland wollte. Letztlich hat uns das WG-Leben aber so geprägt, dass wir bis heute gemeinschaftliches Wohnen bevorzugen.

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2012 zogen wir in ein Hausprojekt. Dort hatten wir zwar eine kleine eigene Wohnung, aber auch viel Kontakt zu anderen Hausbewohnern und einen Gemeinschaftsgarten. In diese Situation wurde 2015 unsere Tochter hineingeboren. Wir genossen es, mit anderen Familien im Haus zu kochen und im Garten Kaffee zu trinken. Als wir vor kurzem wegen Sanierung raus mussten, waren wir ganz schön traurig.

Doch auch in unserem aktuellen Mietshaus kennen wir schon einige Nachbarn. Ich kann mir gut vorstellen, wieder gemeinschaftlich zu wohnen - auch mit Gemeinschaftsküche und -bad.

Das sagt der Psychologe zu Rebeccas Erfahrungen:

Aus WGs gehen schon mal besiegelte Partnerschaften hervor, in diesem Falle sogar eine Familie. Hier gab es viel Bereitschaft bei vielen Mitbewohnern, sich - wenn nötig - zu arrangieren. Viel Freundlichkeit, Zuggewandtheit und Kompromissbereitschaft besonders bei Rebecca, Freund und Mitbewohnern dürften im Spiel gewesen sein.

Kein Wunder, wenn sich Rebecca und ihr Anhang auf das WG-Leben geprägt fühlen und diesem nachtrauern. Erfahrungen wie Rebeccas sind aber selten. Gratulieren wir ihr und ihrem Mann doch einfach und wünschen ihnen eine weiterhin glückliche Zukunft.

Das Fazit des Psychologen:

Mich überraschte, wie stark praktisch allen Protagonisten die mögliche Problematik von Liebesbeziehungen in und für WGs bewusst war

Am besten geht es denen, die wie Lisa Zurückhaltung üben können. Die gescheiterten Liebhaber hingegen leiden am meisten unter der Nähe und den unausweichlichen Kontakten. Das gilt vor allem, wenn sie der Beziehung noch mehr oder weniger leidenschaftlich anhängen. Noch schlimmer wird es, wenn sich beide mit gegenseitigem und unversöhnlichem Hass verfolgen.

Lisa, Sven und Rebecca sind alle Vorbilder für sehr aktiv und selbstverantwortlich herbeigeführte Lösungen von Konflikten.
Ludger Büter

WG-spezifisch ist selbstverständlich auch das Leiden der Mitbewohner an allen erklärten wie unerklärten Rosenkriegen, weil Parteinahme entsteht oder weil die "Ehemaligen" diese von den anderen wünschen, erhoffen, erwarten. 

Lisa, Sven und Rebecca sind alle Vorbilder für sehr aktiv und selbstverantwortlich herbeigeführte Lösungen von Konflikten, die sich in ihren WGs auf jeweils unterschiedliche Weise darstellten: am intensivsten bei Sven, sehr kontrolliert bei Lisa und weniger anstrengend und herausfordernd bei Rebecca.


* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.


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275. So viele Fälle rechtsextremer Taten werden aktuell in der Bundeswehr untersucht

Die 275 Fälle werden aktuell vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) untersucht, dem Geheimdienst der Bundeswehr. Das gab das Verteidigungsministerium nach einer Anfrage der Linkspartei bekannt ("Handelsblatt"). 

Manche der rechtsextremen Taten werden bereits seit 2011 untersucht, die meisten sind seit 2016 aktuell. In den ersten Monaten 2017 kamen insgesamt 53 neue Fälle hinzu.