Bild: Magnus Lindvall
Ein Freund unseres Autors hat sich infiziert. Was nun?

Vier Wörter wie Säure. "Ich hab' mich angesteckt." Der Satz hat sich in mein Gedächtnis eingefressen. Genau wie Svens Schluchzen, seine Tränen, die Angst, die Scham. Es war alles deutlich durch das Telefon zu hören. Ich saß spät am Abend in einem düsteren Seminarraum am anderen Ende der Welt und erledigte irgendetwas für die Uni. Keine Ahnung, was genau, unwichtig. Aber an die grenzenlose Verzweiflung in Svens Stimme kann ich mich noch genau erinnern. Ich war nahezu leer.

"HIV", dachte ich nur. "Scheiße!"

Es hat wirklich nicht lange gedauert und er hat nicht abgespritzt.
Sven

Es kam nicht aus heiterem Himmel. Schon eine Woche zuvor schrieb mir Sven, dass etwas passiert war. Dass er jemanden zum Reden brauchte. Dass er Panikattacken bekam. Wir skypten. Er erzählte von der Party, dem Jungen, seinem Lächeln. Sven beschrieb ihn als eine Mischung aus Surfer und Streber. Intelligent, nachdenklich, irgendwie viel zu hübsch. Sie landeten im Bett. Beim ersten Mal benutzten sie ein Kondom. Beim zweiten Mal auch. Danach irgendwann nicht mehr. "Es hat wirklich nicht lange gedauert und er hat nicht abgespritzt", sagte Sven. Am nächsten Morgen war die Magie der Nacht zwischen den beiden verflogen und Sven hörte über Monate nichts mehr. Dann kam die SMS: "Du solltest dich testen lassen."

Natürlich heißt Sven nicht wirklich so. Sein Name ist allerdings egal. Er könnte auch Max heißen oder Ibrahim oder Sarah. Ich bleibe aber bei Sven.

Er erzählte noch mehr. Zehn Tage nach dem One-Night-Stand fühlte sich Sven schlapp. Seine Arme schmerzten, er hatte Albträume und Nachtschweiß. Richtig heftigen Nachtschweiß, wie er mir versicherte. Er habe noch nie so schlecht schlafen können. "Grippe eben", dachte ich lediglich, konnte damit aber nur mich selbst beschwichtigen. Ich kannte niemanden, der HIV-positiv war. Wieso sollte sich das jetzt ändern, nur weil er mal unvorsichtig gewesen war? Es ist schließlich ein Virus, das nur schwer übertragen werden kann, richtig? Es floss ja nicht mal Sperma.

In Deutschland haben sich im vergangenen Jahr 3200 Menschen neu mit HIV angesteckt - vor allem bei ungeschütztem Sex. Ohne Behandlung verursacht HIV die tödliche Aids-Krankheit.(Bild: dpa)

Ich verstand auch gar nicht, wie er anhand seiner allgemeinen Symptome überhaupt zu dem Schluss gekommen war, dass es etwas anderes als eine Grippe gewesen sein könnte. Ein Sozialarbeiter von der Aids-Hilfe sagte mir viel später, dass er es für ziemlich unmöglich halte, dass man eine HIV-Infektion nicht bemerkt. Die akut auftretenden Symptome seien zwar unspezifisch, aber in den allermeisten Fällen ziemlich deutlich ausgeprägt. Gab es etwa zwei Wochen zuvor eine Risikosituation, sollte man mit seinem Arzt darüber sprechen.

Er erklärte mir auch, dass HI-Viren ziemlich schnell absterben, wenn die Bedingungen für sie nicht ideal sind. Wenn sie etwa mit Luft in Berührung kommen. In Svens Fall hielt er es hingegen für wahrscheinlich, dass der andere Junge sich wahrscheinlich selbst erst kurz vorher angesteckt hatte, von seiner Infektion nichts wusste, aber gleichzeitig selbst extrem infektiös war.

Ich hatte ein furchterregendes Bild im Kopf und trotzdem keine Ahnung.

Sven Angst war also berechtigt. Die Tatsachen sprachen gegen ihn und ich verstand es nicht, wollte es nicht wahrhaben. Wenn man schwul ist, hört man dumme Kommentare über Aids teilweise schon auf dem Schulhof. Aber man sieht es nicht auf der Straße. Die Menschen sterben nicht wie die Fliegen um uns herum. Sie verrecken nicht elendig wie in den achtziger Jahren . Trotzdem war HIV für mich hauptsächlich eines: Das mit Tumoren übersäte, ausgemergelte Gesicht von Tom Hanks in "Philadelphia". Mir wurde klar, wie bescheuert mein Verhalten war. Ich hatte ein furchterregendes Bild im Kopf und trotzdem keine Ahnung.

Svens Furcht vor dem Testergebnis, auf das er zu diesem Zeitpunkt noch eine Woche warten musste, verunsicherte mich jedoch genug, um mir nun auch Sorgen zu machen. Wir vereinbarten, dass er mich anrief, sobald er das Testergebnis hatte. Bis dahin wollte er versuchen, sich abzulenken.

In der Zwischenzeit las ich alles, was ich zu dem Thema finden konnte. Ich durchsuchte Blogs nach Erfahrungsberichten von Betroffenen oder behandelnden Ärzten, las die Seiten sozialer Projekte und irgendwann auch Ergebnisse von Medikamentenstudien. Zudem versuchte ich, nicht an Tom Hanks zu denken. Viele der Informationen, die ich fand, überraschten mich.

  • Ich wusste bis dahin nicht, dass es Therapien gibt, die das Virus dauerhaft in Schach halten können – auch wenn HIV noch immer nicht heilbar ist.
  • Ich wusste nicht, dass durch diese Therapien das Virus in sehr vielen Fällen nicht mehr im Blut, im Speichel, im Sperma oder im Vaginalsekret der Betroffenen nachweisbar ist.
  • Ich wusste nicht, dass durch rechtzeitig und regelmäßig geschluckte Tabletten die Lebenserwartung mittlerweile nahezu gleich gut ausfällt wie bei nicht Infizierten.
  • Ich wusste nicht, dass es Paare gibt, die auf natürlichem Wege gesunde Kinder gezeugt hatten, obwohl einer der beiden HIV-positiv ist.
  • Ich wusste auch nicht, dass es schwule Paare gibt, die auf Kondome verzichten, obwohl einer von beiden positiv ist, da durch die Medikamententherapie das Ansteckungsrisiko unter bestimmten Umständen sehr niedrig ist.
  • Ich wusste nicht, dass die Infektionsraten wieder dramatisch ansteigen.

Innerhalb einer Woche musste ich feststellen, dass ich kaum etwas über HIV wusste. Abgesehen davon, dass Kondome schützen und dass Tom Hanks einen Oscar hatte, weil er so herzzerreißend auf der Leinwand sterben konnte. Warum gab es all diese irre geilen medizinischen Entwicklungen und ich hatte von kaum einer jemals zuvor etwas gehört? Warum war ich so ignorant? Das Bild von der tödlichen Seuche in meinem Kopf begann zu bröckeln. Konnte es sogar sein, dass es HIV-Patienten gab, die ein glückliches, erfülltes, weitgehend uneingeschränktes Leben führten? Zumindest, wenn sie das Glück hatten, in einem reichen Land zu leben und früh an eine moderne Therapie zu gelangen.

Am 1. Dezember wird seit 1988 der Welt-Aids-Tag veranstaltet. In vielen Ländern gibt es Aktionen zu HIV und Aids, unter anderem wird für die Nutzung von Kondomen geworben.(Bild: dpa)

Am Tag unserer Telefonverabredung war für mich klar, diese ganze Situation war nichts weiter als ein riesengroßer Schrecken. Irgendwann würden Sven und ich darüber lachen. Ja, Sven war einem großen Risiko ausgesetzt, aber mal ehrlich, da wird nichts passiert sein. Irgendwie hatte es ja auch alles was Gutes gehabt. Nun war ich super informiert.

Erst als Svens Anruf eine halbe Stunde überfällig war, begann ich zu zweifeln. Mir fuhr der Gedanke durch den Kopf, dass er vielleicht doch ein positives Testergebnis erhalten hatte. Der abgemagerte Körper von Tom Hanks blitzte durch meinen Kopf. Mir wurde schlecht. Ich versuchte, an all die hoffnungsvollen Artikel zu denken, die ich gelesen hatte und beruhigte mich schließlich wieder. Es dauerte noch einige Minuten, bis mein Telefon klingelte. Nach dem Gespräch mit dem Arzt war Sven zusammengeklappt. Er musste sich hinlegen, bekam eine Infusion und eine Arzthelferin sah ständig nach ihm. Es gab keinen Zweifel. Ein Test hatte das Virus nachgewiesen, ein zweiter hatte Antikörper gefunden. Sven war eindeutig HIV-positiv. Scheiße.

Seitdem sich Sven mir offenbart hat, sind fünf Jahre vergangen. Ich weiß bis heute nicht, warum er sich ausgerechnet mir anvertraut hat. Wir waren gut befreundet, aber hatten uns etwas aus den Augen verloren. Seit ich in Sydney studierte, war der Kontakt ganz abgebrochen. Vielleicht hat er aber genau deshalb zuerst mit mir darüber gesprochen. Die Gefahr, dass sein Zustand die Runde macht, war gering. Auch heute weiß außer mir kaum jemand von seiner Infektion. Nicht mal seinen Eltern hat er davon erzählt. "Das verstehen die nicht", sagt Sven. Nicht die Arztbesuche alle drei Monate sind sein größtes Problem, sondern Leute wie ich früher. Menschen, die keine Ahnung haben, was HIV-positiv zu sein heutzutage bedeutet.

Nicht alle haben so viel Glück: Die Therapie ist teuer und es kann zu Nebenwirkungen kommen.

Tatsächlich ist Sven heute ziemlich glücklich. Er lebt seit einigen Jahren in einer festen Beziehung. Sein Freund ist negativ. Sven wird mittlerweile mit Medikamenten therapiert. Er muss nur eine Tablette einnehmen, diese allerdings täglich zur immer gleichen Zeit. Sein Immunsystem hat sich zudem als überaus widerstandsfähig erwiesen, bisher sind keine Nebenwirkungen durch die Medikation aufgetreten. Nicht alle haben so viel Glück: Die Therapie ist teuer und es kann zu Nebenwirkungen kommen. Dazu zählen Müdigkeit, Magen-Darm- und Nierenprobleme.

Svens Arzt sagt, seine Viruslast befindet sich mittlerweile unter der Nachweisgrenze. Das heißt, es kommt in so geringer Anzahl in seinem Körper vor, dass eine Übertragung mittlerweile als extrem unwahrscheinlich gilt. Wie unwahrscheinlich ist noch nicht endgültig wissenschaftlich geklärt. Sven und sein Freund haben sich dazu entschlossen, als Probanden an einer Studie teilzunehmen.

Vor Kurzem haben wir über den Anruf von damals gesprochen. Sven konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er zu mir gesagt hatte. Stattdessen erinnerte er sich an einen Satz von mir, den ich vergessen hatte: "Du wirst trotzdem ein gutes Leben haben."