In Deutschland stirbt heute kaum einer mehr an Aids, 2015 waren es 460 Menschen bei rund 85.000 HIV-Positiven (Robert-Koch-Institut). Infizierte Personen schlucken ihre Medikamente wie eine morgendliche Vitamintablette. Allerdings können dabei kurz- und langfristig immer noch größere Nebenwirkungen auftreten.

Selbst wer noch nicht infiziert ist und gar nicht mit dem Kondom klarkommt, kann sich vor HIV mit Medikamenten schützen. Jedoch übernehmen in Deutschland die Krankenkassen die Kosten für diese präventive Maßnahme derzeit nicht (bento). Auch andere Krankheiten, die lange als schwer heilbar galten – wie Hepatitis C – lassen sich heute meist mit den richtigen Pillen besiegen.

Ist HIV beim Sex heute überhaupt noch ein Thema? Vor welchen Geschlechtskrankheiten fürchtet ihr euch? Sechs Männer und Frauen erzählen, teilweise anonym*.
Ashley*, 24: Hätte ich keine Angst davor, würde ich mich durch die halbe Welt vögeln

Nach vier Monaten lud mein Affäre mich zum Essen ein. Er wolle mir etwas erzählen.

An diesem Abend sagte er mir, dass er HIV-positiv ist. Wir hatten es bis dahin immer geschützt gemacht, deswegen hatte ich auch keine Angst. Als ich meiner Hetero-Freundin davon erzählte, sagte die trotzdem: "Ach du scheiße, du musst jetzt sofort Schluss machen." Aber er war ja in Behandlung. Dadurch ist das Ansteckungsrisiko sehr gering (Deutsche Aids-Hilfe).

Ich hatte immer so ein Bild vor Augen von Leuten, die HIV-positiv sind, dass man es ihnen ansieht – auch wenn ich weiß, dass das Quatsch ist. Er sah gesünder aus und war besser gebaut als ich. Letztlich wurde es nichts mit der Beziehung. Das hatte allerdings auch andere Gründe.

Ich hatte 18 Jahren ungeschützen Sex. Ich lebte in Wuppertal und da war man froh, wenn man überhaupt Geschlechtsverkehr hatte. Wir hatten keine Gummis mehr und ich fragte den Typen, ob er safe ist – dabei wusste ich gar nicht, was man alles bekommen kann. Auf jeden Fall habe ich mir direkt etwas eingefangen.

Heute habe ich ziemlich Angst vor HIV, sonst würde ich mich durch die halbe Welt vögeln. Ich will keinen ungeschützten Sex mehr mit Menschen haben, die ich nicht kenne. Egal wie high ich bin.

Caro*, 27 Jahre: Am liebsten würde ich die Kondome im Leuchtkasten aufstellen und hochhalten

Ich bin seit einem Jahr in einer geschlossenen Beziehung mit einer Frau. Wir haben über das Thema HIV gesprochen und uns testen lassen. Wenn wir in einer lesbischen Frauenrunde zusammensitzen, dann ist HIV allerdings kein großes Thema. Dann heißt es eher: Eh, sag mal, schon wieder ein Pilz. Wo kommt der eigentlich her? Haste Antibiotika genommen oder kam es doch vom Sex?

Ich arbeite in einem Club, wo viele Leute Sex miteinander haben. Wir haben auch Kondome hinter der Bar, aber es fragt eigentlich kaum jemand danach. Vielleicht einer am Abend. Am liebsten würde ich die Gummis in ein Leuchtkasten packen und hochhalten. Aber am Ende muss jeder selbst wissen, was er oder sie macht.

Zahlen zu HIV in Deutschland:

84.700 Menschen sind in Deutschland HIV-positiv, davon 69.500 Männer und 15.200 Frauen. (Stand 2015)
2015 haben sich geschätzt 3.200 Männer und Frauen neu infiziert.
Die Mehrheit davon sind Männer, die mit Männern geschlafen haben (2200), gefolgt von Männern und Frauen, die Hetero-Sex hatten (740), und Drogenkonsumenten (250).
Geschätzt 12.600 Menschen in Deutschland sind HIV-positiv und wissen nichts davon.
550 Menschen starben im Jahr 2012 an Aids.
Alle Angaben beruhen auf Schätzungen des Robert-Koch-Instituts.
1/12
Jurnes, 24: Die Chance geht gegen Null, dass ich mich damit anstecke

Meine allererste Freundin und meinen ersten Sex hatte ich mit 14. Damals habe ich noch gar nicht verstanden, was Sexualität überhaupt ist. Immerhin haben wir es nur mit Kondom gemacht. Auch meine heutige Freundin und ich schlafen nur mit Kondom miteinander, weil sie nicht mit Pille oder Spirale verhüten will.

Bevor ich nach Berlin gezogen bin, war ich in Paris ein paar mal auf House Partys, wo auch Drogen im Spiel waren. Da landete man schon mal mit wem im Bett, ohne Kondom. Einem Kopf gemacht habe ich mir trotzdem nie.

Bei HIV denke ich zuerst an die Schwulenszene der Achtzigerjahre – aber auch an medizinischen Fortschritt. Ich bin ganz gut in der Berliner Partyszene unterwegs und habe schwule Freunde, man weiß von dem und dem: Die haben das.

Einmal hat mir ein Kumpel beiläufig beim Kaffeetrinken erzählt, dass er einem HIV-positiven Typen einen geblasen hat. Aber der war auf Medikamenten und deshalb nicht ansteckend, vorausgesetzt er hält sich an die Einnahmevorschrift (Deutsche Aids-Hilfe)

Pansy, 29: Jeder Homo lebt mit HIV – ob er es hat oder nicht

Als ich älter wurde und mein Arsch haariger, fing das Kondom beim Sex oft an zu brennen. Besonders ohne Gleitgel. Außerdem platzte das Kondom auch öfters mal einfach so. Zwei-, dreimal im Jahr kam es so zu ungeschütztem Sex.

In San Francisco, dort arbeitete ich in einer Klinik, hörte ich von HIV-Medikamenten: Wenn man immer diese Pillen schluckt, kann man sich gar nicht erst infizieren, zumindest ist das Risiko bei richtiger Einnahme extrem gering. Aber es hat bestimmt vier Jahre gedauert, bis ich mich dazu entschlossen habe, sie zu nehmen.

Damals war ich gerade nach Berlin gezogen. Eines Abends ging ich in den Park und habe mich von einem Typen ficken lassen. Erst zu Hause auf der Toilette merkte ich, dass dabei das Kondom geplatzt sein musste.

Danach versuchte ich, mir PEP zu besorgen, die Pillen für danach. Aber das war ein Albtraum, im Krankenhaus wollten sie mir die nicht geben. Irgendwie kam ich trotzdem ran. Danach habe ich angefangen, die Pillen präventiv zu nehmen.

Ich meine, wie läufts denn in Berlin? Ein Typ schreibt dir auf Grindr, dass er es nur mit Kondom macht. Dann kommt er vorbei und benutzt doch keins. Nachher sagt er dir, wie schlecht er sich fühlt.

Inzwischen organisiere ich in Berlin auch einen Stammtisch, wo man genau über so Sachen redet: Lets Talk about Sex and Drugs.

Lukas* 22: Es ist etwas total Fremdes. Und deshalb will ich mehr darüber erfahren

Ich hatte noch keinen Sex. Aber das heißt nicht, dass HIV kein Thema für mich ist. Zunächst denke ich erst mal an den Tod, wenn es um HIV geht – auch wenn ich weiß, dass man nicht mehr so schnell daran stirbt und ich auch niemanden kenne, der HIV hat. Aber es kann auch nicht geheilt werden.

Jedes Jahr gab es in der Schule ein bis zwei Stunden Aufklärungsunterricht: Wir saßen im Stuhlkreis und jemand von der Aufklärungsbehörde hat im Klassenraum vor allem über ungewollte Schwangerschaft gesprochen, aber auch über Syphilis, Herpes und nebenbei auch über HIV.

Ich habe mit Freunden auch schon mal über Aids gesprochen, aber meist haben wir es klein geredet. Keine große Gefahr, man kann ja verhüten. Nur einmal packte in der Pause auf dem Schulhof ein Freund spontan aus: Sein Ex sei vielleicht HIV-positiv, deswegen habe er jetzt auch einen Test gemacht, weil sie es ohne Kondom trieben. Ich fand es schockierend, dass sein Ex ihm das nicht persönlich erzählt hat, sondern er das über einen Dritten erfuhr.

Nele, 21: Andere Geschlechtskrankheiten sind auch nervig

Ich würde mich schon als sexuell recht aktiv beschreiben, habe aber klare Regeln. Mein Freund und ich haben die erste Zeit immer mit Kondom miteinander geschlafen. Nach drei Monaten hatten wir aber keine Lust mehr auf Plastik. Wir haben uns auf alle Krankheiten testen lassen und ab da das Kondom weggelassen. Außerdem habe ich mir eine Spirale einsetzen lassen, um eine Schwangerschaft auszuschließen.

Weil wir eine offene Beziehung führen, haben wir vereinbart, dass alle anderen sexuellen Kontakte hundertprozentig geschützt sein müssen. Manchmal fragt mich ein Typ beim One-Night-Stand hoffnungsvoll, ob er wirklich ein Kondom benutzen müssen. Ich sag dann einfach nur: Ja.

Der Schutz vor anderen Geschlechtskrankheiten ist für mich genauso wichtig wie der Schutz vor HIV. Denn die sind auch nervig. Selbst wenn man sich behandeln lassen kann, dauert es ewig, bis sie weg sind. Ich möchte mich wohlfühlen in meinem Körper.


Today

Beim Verfassungsschutz gab es offenbar einen islamistischen Maulwurf
Was das bedeutet

Der Verfassungsschutz hat einen islamistischen Maulwurf in seinen eigenen Reihen enttarnt. Der 51-Jährige sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Gegen ihn wird wegen des "Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat" ermittelt. Er soll bereits gestanden haben (SPIEGEL ONLINE).