Nikolaus, Wichteln, Adventskalender, Geschenkestress: Im Dezember ist Deutschland im Weihnachtsmodus. Wie erleben Muslime diese Zeit? Oder Hinduisten? Atheisten?

Wir haben mit fünf Männern und Frauen gesprochen.

Duygu, 32, aus Bielefeld. Arbeitet als Kommunikationsdesignerin. Ihre Eltern kommen ursprünglich aus der Türkei. Zurzeit macht sie ein Praktikum in Malaysia.

Als Kind habe ich das Fest ganz anders wahrgenommen: intensiver. Damals hatte es noch einen gewissen Zauber. Für mich war es nie ein Problem, dass wir zu Hause kein Weihnachten gefeiert haben. Trotzdem fand ich es schön, wenn wir in der Schule zusammen gesungen oder gewichtelt haben.

Ich war eins der wenigen muslimischen Kinder, die auch mit zur Kirche gegangen sind. Meine Eltern hatten nie ein Problem damit, ich auch nicht. Es war klar, dass ich Ramadan gefeiert habe und dann beschenkt wurde.

Seitdem ich erwachsen bin, ist der Weihnachtszauber weg. Trotzdem backe ich dieser Zeit zum Beispiel gern Plätzchen – wobei es für mich eher Winterplätzchen sind. Auch wenn die festliche Stimmung den Winter erträglicher macht, das schlechte und kalte Wetter schlägt doch irgendwie aufs Gemüt.

Einmal habe ich ein Praktikum in einer Werbeagentur gemacht. Mein Chef hat mich zu dem Weihnachtsessen mit seiner Familie eingeladen. Ich find das sehr schön: Wir saßen alle gemeinsam am Tisch und obwohl ich kein Weihachten feiere, hat keiner gefragt, wieso ich dabei bin.

Jale, 23, ist aus Krefeld und machte eine Ausbildung zur Bekleidungstechnischen Assistentin und Maßschneiderin. Ihre Mutter kommt aus der Türkei, ihr Vater aus Kirgisistan. Sie selbst ist Atheistin.

Ich habe mich lange und intensiv mit den großen Religionen auseinandergesetzt. Ich denke, dass die Tora, Bibel oder der Koran nur niedergeschrieben worden sind, um den Menschen einen Leitfaden zu geben. Ich glaube zwar nicht an Gott. Aber ich glaube schon, dass so etwas wie Karma existieren kann: Man bekommt im Leben alles zurück.

Trotzdem respektiere ich natürlich Menschen, die an Gott glauben, in die Kirche gehen oder nach bestimmten religiösen Werten leben: Meine Freunde feiern Weihnachten und ich finde es toll, wenn sie sich freuen und mit ihren Familien zusammen sind.

Ich selbst feiere aber kein Weihnachten. In meiner Familie haben wir auch nie gefeiert, weil meine Mutter muslimisch ist. Aber in letzter Zeit dekoriert sie die Wohnung weihnachtlich und backt auch türkische Plätzchen.

Ich habe das Gefühl, dass Weihnachten wenig mit Religion zu tun hat: Nur noch wenige gehen an Weihnachten in die Kirche. Ich glaube sogar, dass Weihnachten in der Zukunft eher ein Familienfest statt ein religiöses Fest sein wird.

Raniah, 27. Studiert Medizin in Witten. Ihr Vater kommt aus Syrien und ihre Mutter ist Deutsche.

In erster Linie ist Weihnachten für mich eine christliche Tradition. Aber ich verbinde das Fest auch mit sehr vielen Lichtern, mit Weihnachtsmärkten, gutem Essen und Zeit mit der Familie. Ich feiere kein Weihnachten, aber an den ersten zwei Weihnachtstagen bin ich immer bei meinen Eltern. Dann gibt es oft ein großes Essen und wir verbringen viel Zeit miteinander.

Mit meinen Freunden backe ich Plätzchen, Kerzen und Lichterketten stelle ich auch in meiner Wohnung auf, nicht wegen Weihnachten, sondern eher wegen dem Winter. Mich nervt es, dass Firmen und Unternehmen Weihnachten zum Konsumrausch machen. Da ich aber sowieso keine Geschenke kaufe, habe ich auch keinen Stress zu dieser Zeit.

Manchmal vermisse ich in Deutschland die weihnachtliche Stimmung im Ramadanmonat. In arabischen Ländern ist alles zum muslimischen Feiertag geschmückt, es gibt bestimmte Spezialitäten – ähnlich wie an Weihnachten.

Wenn ich mal Familie haben sollte, möchte ich am muslimischen Feiertag eine ähnliche Atmosphäre schaffen wie in der Weihnachtszeit: zusammen backen, kochen und die Wohnung dekorieren.

Marcel, 32, studiert in Gelsenkirchen Kommunikationsmanagement. Zurzeit macht er ein fünfmonatiges Praktikum in Indonesien.

Spätestens seit meiner Hochzeit nach tamilischer Hindu-Tradition bekenne ich mich öffentlich zum Hinduismus. Davor hatte ich mich lange und intensiv mit hinduistischen Gelehrten und Schriften beschäftigt.

Deswegen feiere ich schon seit einigen Jahren Weihnachten nicht mehr, trotzdem kommt in Deutschland Weihnachtsstimmung bei mir auf: Wenn ich in der Stadt zum Beispiel all die Menschen sehe, die nach Geschenken stöbern oder Glühwein trinken.

Früher habe ich mich selbst dieser Hektik ausgesetzt und lange überlegt, ob ich alle Geschenke habe. Diese ganze Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes war mir irgendwann zuwider.

Die Geburt Christi hatte in meiner Familie an Weihnachten keine Rolle gespielt, abgesehen vom Aufstellen einer Krippe. Unser Weihnachten war mehr ein jährliches Ritual des festlichen Beisammensitzens und Beschenkens ohne tieferen Sinn. Zumindest am Beisammensitzen nehme ich weiterhin teil.

Hier in Bukit Lawang, Indonesien – direkt zwischen Palmöl-Plantagen und dem Dschungel – erinnert mich gar nichts an Weihnachten. So werden die Tage wie alle anderen sein – lediglich die Facebook-Beiträge meiner Freunde werden mich an Weihnachten erinnern.

Salim, 23, kommt ursprünglich aus Marokko. Er studiert Medizin in Frankfurt und arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit.

Ich glaube, ich feiere Weihnachten mit – obwohl ich einen anderen kulturellen Background als der Mainstream in Deutschland habe: Meine Eltern sind in Marokko geboren, ich in Deutschland. An Heiligabend bin ich mit meiner Familie zusammen. Weihnachten strahlt eine positive Atmosphäre aus.

Außerdem ist Weihnachten eine Gelegenheit, sich besser kennenzulernen. Ich arbeite zurzeit im Labor an meiner Doktorarbeit. Ich habe auf unserer Weihnachtsfeier auch Kollegen aus anderen Abteilungen kennengelernt. An solchen Weihnachtsfesten spielt es oft keine Rolle, ob man das Fest feiert oder nicht. Jeder Mensch, egal welcher Herkunft und Religion, ist eingeladen. Das verbindet.

Sara, 18, macht gerade ihr Abitur in Dortmund. Sie hat einen syrischen Vater und eine deutsche Mutter.

Weihnachten ist für mich ein sehr wichtiger Feiertag: Früher wurde ich schon Wochen vorher nervös und habe mich sehr gefreut – obwohl ich muslimisch bin. Denn mein Vater ist Muslim und meine Mutter Christin.

In meiner Familie hatten wir nie ein Problem damit. Ganz im Gegenteil: Weihnachten hat immer eine große Rolle in meiner Familie gespielt. An den Festtagen kommen alle zusammen, es gibt viele Geschenke und viel Essen. Den Weihnachtsbaum schmücken wir auch schon vorher, wir backen Plätzchen, dekorieren die Wohnung und versuchen, öfter zusammen zu sein. Natürlich feiern wir auch die muslimischen Feiertage.

Mich faszinieren jedes Jahr an Weihnachten die Blicke meiner Mutter: Sie ist immer so glücklich, wenn alle zusammenkommen. Deswegen gebe ich mir jedes Jahr viel Mühe bei den Geschenken. Das Fest macht einfach glücklich!

Die ultimative Umfrage: Feierst du so Weihnachten wie andere Menschen?


Streaming

Fünf unterschätzte Filme aus 2016, die du gesehen haben solltest

Das Kinojahr 2016 hatten sich Filmemacher und Zuschauer sicher anders vorgestellt: Viele Produktionen, die vorab als Hits gehandelt worden waren, floppten an den Kassen.

In der Slideshow findest du die größten Flops des Jahres: