Bild: Hanna Gieffers

Wir rasen durch die Straßen, um letzte Geschenke zu besorgen, wir behängen einen Baum mit Kugeln, kleben uns Lichterketten ins Fenster und kaufen im Supermarkt Spekulatius. Für uns: normal. Für Flüchtlinge, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, ist das eine neue Erfahrung.

Manche von ihnen kennen Weihnachten, verstehen darunter aber etwas völlig anderes. Manche feiern Weihnachten überhaupt nicht – weder hier, noch in ihrer Heimat. Dass ein Fest ansteht, lässt sie vieles fühlen: die Lust, etwas zu verschenken. Der Wunsch, mitzumachen. Und: Sehnsucht nach zu Hause.

Wir haben Flüchtlinge in Hamburg gefragt: Was verbindet ihr mit Weihnachten – wie schaut ihr auf das deutsche Weihnachten? Und wie feiert ihr?
Ahmad, 28, aus Afghanistan
Ahmad, 28(Bild: Hanna Gieffers)

"Ich hab gehört, dass Weihnachten in Deutschland das Fest der Liebe ist. Freunde und Familien treffen sich für die Feiertage. Für mich ist das gleichzeitig schön und traurig.

Ich freue mich, wenn Menschen sich austauschen und eine schöne Zeit miteinander verbringen. Gleichzeitig tut es weh, dass ich meine eigene Familie nicht sehen kann. Gestern Abend habe ich mit meiner Mutter geskypet. Sie ist noch in Afghanistan. Ich muss deswegen oft weinen.

(Bild: Hanna Gieffers)

Weihnachten spielt in Afghanistan eigentlich keine Rolle. Die meisten Afghanen sind Muslime, so wie ich und meine Familie. Im Dezember gibt es auch kein Silvester bei uns. Wir feiern am 20. März Nouruz, um nach unserem Kalender das neue Jahr zu begrüßen.

Ich habe fünf Brüder und acht Schwestern, wir alle haben uns immer für die Feier bei meinen Eltern getroffen. Erwachsene schenken den Jüngeren Kleinigkeiten. In Deutschland bringt der Weihnachtsmann den Kindern Geschenke. So hab ich das öfters in Filmen gesehen. Schade, dass ich schon erwachsen bin. Ich liebe es, Geschenke zu bekommen."

Fadi, 27, aus Syrien
Fadi, 27(Bild: Hanna Gieffers)

"Es ist bereits meine zweite Weihnachtszeit in Deutschland. Letztes Jahr hat mir eine Frau aus dem Willkommensteam in Hamburg-Norderstedt einen ganz besonderen Kalender geschenkt, bei dem ich bis zum 24. Dezember immer nur eine Tür öffnen durfte.

(Bild: Hanna Gieffers)

Ich habe mich daran gehalten, auch wenn es schwer war. Schokolade war hinter jeder Tür. So einen Kalender gibt es bei uns in Syrien nicht. Obwohl in unserem Land auch Christen Weihnachten feiern. Sie gehen auf die Straße, organisieren Umzüge, machen Lagerfeuer und schmücken die Stadt in rot-grünen Farben.

Und was verbinden Flüchtlinge mit Deutschland? Wir haben sie gefragt:
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Als ich noch in Syrien war, hatte ich auch Freunde, die Christen waren. Ich habe ihnen jedes Jahr 'Frohe Weihnachten' gewünscht – 'eid milad mmajid' heißt das. In meinem Viertel stand eine Kirche neben einer Moschee. Es gab Zeiten, da war es in meinem Land kein Problem, dass verschiedene Religionen nebeneinander existiert haben.

Das ist heute nicht mehr so. Seitdem ich weggegangen bin, haben Christen Angst, nur weil sie Christen sind."

Lul, 19, aus Somalia

Lul, 19, möchte nicht erkannt werden(Bild: Hanna Gieffers)

"Niemand feiert in Somalia Weihnachten – zumindest nicht öffentlich. Die muslimische Regierung hat das Fest im vergangenen Jahr sogar verboten. Als Begründung gab sie an, dass das Land zu 100 Prozent muslimisch sei. Bestimmt haben die wenigen Christen eine kleine Feier zu Hause gemacht. So genau weiß ich das nicht, ich bin ja selbst Muslimin und habe keine Freunde, die Christen sind. Wenn sie gefeiert haben, dann auf jeden Fall heimlich.

In Deutschland ist die Weihnachtszeit für mich trotzdem eine besondere Zeit im Jahr. Sie erinnert mich an meine Ankunft in Deutschland, ich bin im Dezember 2015 am Hamburger Hauptbahnhof angekommen.

Ein Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf: In Weiß gekleidete Leute haben dort gesungen. Ich wusste nicht, wie es weiter geht, wo ich hinkomme, aber ihre Lieder haben mich beruhigt.

(Bild: Hanna Gieffers)

Ich hätte mich am liebsten neben sie gestellt und mitgemacht. Wenn wir in Somalia muslimische Feste gefeiert haben, habe ich immer gesungen. Auch wenn einige ältere Leute das nicht gut fanden. Mir war das egal. Eines meiner Lieblingslieder beginnt so: 'Maanta maanta, waa maalin weyne maanta'. Das bedeutet: 'Heute ist ein großer Tag'.

Fahner, 34, aus dem Irak
Fahner, 34(Bild: Hanna Gieffers)

"Ich bin beeindruckt von all den Lichtern in Deutschland. Sie sind einfach überall: Auf den Weihnachtsbäumen, in den Straßen, an den Fenstern der Häuser. Schon im November war alles so festlich geschmückt.

Im Irak hat man die Straßen vielleicht eine Woche vor Weihnachten ein bisschen dekoriert. Aber es war nie so viel wie hier in Deutschland.

Ich feiere jedes Jahr Weihnachten, ich bin Christ. Im Irak bin ich am 24. Dezember immer um 21 Uhr in die Kirche gegangen. Diese Messe ist besonders, dort gibt es jedes Jahr ein schönes Ritual, der Geistliche spendet den Leuten in der Kirche einen Segen. Jeder gibt ihn dann an die nächste Person weiter.

Nach der Messe haben ich und meine Familie immer lecker gegessen, es gab meistens Weinblätter, Lamm und Reis. Bis zum Irak-Krieg im Jahr 2013 konnten wir Christen im Land ohne Probleme Weihnachten feiern. Jetzt ist es schwieriger.

Die Terrororganisation 'Islamischer Staat' macht vielen Christen Angst, auch mir. Ich selbst wurde noch nie angegriffen, aber ein Freund von mir musste eine Weihnachtsfeier absagen, weil er bedroht wurde. Weihnachten feiern die Christen im Irak immer mehr hinter geschlossenen Türen."

Abraham, 25, aus Eritrea
​​Abraham, 25(Bild: Hanna Gieffers)

"Auch in Eritrea feiern wir Weihnachten. Aber es ist ganz anders als in Deutschland. Erst einmal: Unser Fest ist am 7. Januar, nicht am 24. Dezember.

Es ist der gleiche Tag, an dem auch in Russland Weihnachten gefeiert wird. Wir fasten vorher 40 Tage lang. Während dieser Zeit dürfen wir keine tierischen Produkte essen. Kein Fleisch und keine Milch, Eier oder Joghurt. Die Wochen vor Weihnachten ist eine Zeit des Verzichts. Das finde ich toll, denn so freue ich mich viel mehr auf das Festessen am 7. Januar.

(Bild: Hanna Gieffers)

Ich habe das Gefühl, in Deutschland ist es genau das Gegenteil. Die Leute genießen es, möglichst viel vor Heiligabend zu essen. Ich bin letzte Woche über einen Weihnachtsmarkt gegangen. Dort gab es unheimlich viele Stände: Wurst neben gefüllten Fladenbroten neben Süßigkeiten.

Und viele Leute haben ein Getränk getrunken, das Glühwein heißt. Wein kenne ich, aber warum wird er warm getrunken? Bei uns in Eritrea würde das keinen Sinn machen. Zu Weihnachten sind es zwischen 25 und 30 Grad."

Seyed, 28, aus Iran
Seyed, 28(Bild: Hanna Gieffers)

"Weißt du, wie ich mir Weihnachten außerhalb des Iran immer vorgestellt habe?

Wie in dem Film 'Kevin allein zu Haus'. Und es fühlt sich tatsächlich ein bisschen so an. Überall ist geschmückt. Und vor allem: In so vielen Geschäften steht eine Figur vom Weihnachtsmann. Wir Iraner haben einen eigenen Namen für ihn, wir nennen ihn 'Papa Noel'. Hier in Deutschland fehlt jetzt nur der Schnee, um meine Vorstellung von Weihnachten perfekt zu machen.

(Bild: Hanna Gieffers)

Für mich als Muslim sind das Fest des Fastenbrechens und das Opferfest die wichtigsten Feiertage im Jahr. Außerdem mag ich das Neujahrsfest sehr gern. Vorher putzen wir unsere Wohnungen, kaufen uns neue Kleidung.

Es gibt zum Jahreswechsel im Iran eine sehr schöne Tradition, die 'Haft Sin' heißt. Wir schmücken einen Tisch mit sieben Sachen, die mit dem Buchstaben 'S' beginnen. Das sind ein Apfel, Gras, eine Art Weizenpudding, den wir 'Samanoo' nennen, Knoblauch, Essig, Mehlbeere und dem Gewürz Sumac.

Jedes Ding hat eine Bedeutung. Der Apfel schwimmt meistens in Wasser, das soll zum Beispiel unsere Erde im weiten Weltall symbolisieren. Sogar von Barack Obama gibt es ein Bild, auf dem er zusammen mit seiner Familie vor einem nach dieser Tradition geschmückten Tisch sitzt. Das hat mich sehr gefreut."


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