Bild: AnneWestwards.com

Driving home for Christmas: Viele haben schon die Reisetasche bei den Eltern abgestellt, vielleicht sogar im alten Kinderzimmer.

Was aber ist mit denen, die im Ausland leben – und nicht nach Hause fahren können oder wollen? Wie erleben sie diese besinnliche Zeit? Wir haben mit fünf Männern und Frauen gesprochen.

Florian, 28. Lebt seit zwei Jahren in den USA und arbeitet in einem Unternehmen für Windturbinen

Seit acht Monaten wohne ich mit meiner Freundin in Colorado zusammen, dieses Weihnachten wird das erste in unserem neuen zuhause. Heiligabend werden wir zu dritt mit einer älteren, alleinstehenden Dame verbringen, mit der ich mir ein Jahr ein Haus geteilt habe. An Weihnachten sind wir wie eine Familie füreinander.

Es ist mein drittes Weihnachten im Ausland. Ich wäre gerne nach Hause geflogen, aber es ist sehr teuer und auch zeitlich schwierig: Ich habe hier zwei bis drei Wochen Urlaub. Außerdem ist meine Freundin Brasilianerin und wir müssten uns entscheiden: Welche Familie besuchen wir?

Dafür haben mir meine Eltern deutsche Weihnachtssüßigkeiten geschickt, die es in den USA nicht gibt, Dominosteine zum Beispiel. Jetzt kann ich mich wie in Deutschland mit süßem Zeugs vollstopfen.

Natürlich vermisse ich meine Familie. Weihnachten ist eigentlich immer die Zeit im Jahr, in der wir uns alle sehen. Zu fünft sitzen wir zusammen, essen Raclette und spielen "Siedler von Catan". Das zu verpassen, tut schon ein bisschen weh.

Ich werde hier in den USA mit meiner Freundin sicher auch zur Kirche gehen, trotzdem vermisse ich meine Kirche. Ich habe früher Orgel gespielt, besonders gern habe ich die Kindergottesdienste begleitet, die Kinder singen so voller Begeisterung mit.

Die kommenden Weihnachtsfeste will ich doch in Deutschland oder Brasilien feiern – Weihnachten sollte die Zeit für Familie bleiben.

Susan, 22. Arbeitet seit Ende August als Aupair in Irland

Die Weihnachtszeit war bisher ein bisschen stressig, weil wir zurück in das renovierte Haus meiner Aupair-Familie gezogen sind. Deshalb stehen noch viele Kisten herum. Einen Weihnachtsbaum haben wir trotzdem schon aufgestellt.

In Irland ist es eigentlich nicht üblich, wir haben trotzdem Nikolaus gefeiert. Der Vater meiner Aupair-Kinder war Deutscher, er ist in diesem Jahr gestorben. Deswegen habe ich diese Nikolaus-Tradition weitergeführt und den beiden Kindern und ihrer Mutter Schokolade, Nüsse und ein kleines Geschenk in die Schuhe gesteckt.

Natürlich hätte ich nach Hause fliegen können – aber wir sind nicht religiös und meine Eltern fanden es deswegen immer seltsam, Weihnachten zu feiern. Geschenke haben mein Bruder und ich zwar bekommen, aber wir hatten keinen Baum, kein großes Weihnachtsessen, keine Lieder. Deshalb habe ich nicht das Gefühl, etwas zu verpassen.

Nach meinem Jahr in Irland werde ich zurück nach Deutschland gehen und eine Ausbildung anfangen. Was, weiß ich noch nicht. Fest steht: Weihnachten werde ich auch mal wieder zu Hause sein – auch wenn wir nicht wirklich feiern, mein Bruder vermisst mich trotzdem.

Andre, 26. Arbeitet acht Wochen bei einer Organisation der Deutschen Botschaft in Peking

Weihnachten ist hier nochmal kommerzieller, weil es hauptsächlich durch Sonderangebote in der Werbung präsent ist – und keine kulturelle Bedeutung hat. Deshalb fehlt mir bisher das Besinnliche.

In Deutschland ist Weihnachten für mich immer die Zeit, in der ich gar nichts mache. Ich arbeite sonst relativ viel, aber schon in der Vorweihnachtszeit gehe ich es ruhiger an. Noch wichtiger ist es mir aber, mit meiner Familie zusammen zu sein, mit meinen Eltern, meiner Schwester, meiner Freundin.

Wir kaufen immer zusammen Geschenke ein, jeder besorgt dabei möglichst unbemerkt für die anderen eine Überraschung. Das gemeinsame Tannenbaumschmücken gehört auch dazu. Dieses Jahr werden wir skypen. Außerdem besucht meine Freundin mich, wir wollen Plätzchen backen und einen kleinen Baum – oder auch nur einen Zweig – schmücken.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich Weihnachten definitiv in Deutschland verbringen, aber der Rückflug für so kurze Zeit ist zu teuer und aufwendig. Früher haben mich manchmal die Verwandtschaftsbesuche gestört, mittlerweile macht mir das nichts mehr aus. Jetzt stört es mich eher, dass nur einmal im Jahr gefeiert wird.

(Bild: AnneWestwards.com)
Anne, 33. Radelt seit September 2015 allein durch Asien und den Mittleren Osten

Bislang hat die Reise mich bis nach Indien geführt, jetzt bin ich Richtung Laos unterwegs. Wo genau ich Weihnachten verbringen werde, weiß ich nicht – wo immer Menschen mich in ihr Zuhause einladen oder ich einen schönen Zeltplatz finde.

Für mich als Atheistin ist Weihnachten eine Zeit der menschlichen Wärme, ich versuche in der Zeit noch mehr zu helfen, zuzuhören, Gutes zu tun. Natürlich würde ich auch mit meiner Familie Zeit verbringen, wenn ich in Deutschland wäre. Aber ich finde es ökologisch nicht sinnvoll, für ein paar Tage nach Hause zu fliegen. Außerdem ist der Flug teuer, von dem Geld kann ich – je nach Gegend – drei bis sechs Monate länger reisen.

Bilder von ihrer Reise:

Anne, 33, radelt seit September 2015 allein durch Asien und den Mittleren Osten
1/12

Dafür lasse ich gerne den völlig unnötigen Konsumrausch der Weihnachtszeit hinter mir. Denn eins habe ich aus den vielen Monaten Radfahren gelernt: Man benötigt sehr viel weniger, als man denkt. Ich trage seit mehr als zwölf Monaten nur zwei T-Shirts im Wechsel, besitze nur ein Paar Shorts – das reicht vollkommen.

Im vergangenen Jahr bin ich an Weihnachten alleine durch den Iran geradelt. Der 25.12. fiel auf einen Freitag, daher habe ich mich in Shiraz den Menschen beim großen Freitagsgebet angeschlossen. Danach wurde ich mit Tee herzlich willkommen geheißen und habe mit Muslimen den Koran und die Rolle von Jesus diskutiert.

(Hier bloggt Anne von ihrer Reise.)

Marlene, 24. Macht ein Chirurgie-Praktikum in Brasilien und lebt deswegen sechs Monate in einer Kleinstadt bei Sao Paulo

Bisher habe ich jedes Weihnachten mit meiner Familie verbracht, mit meinen Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Ich habe Unmengen an Plätzchen gebacken und die Zeit mit meiner Familie genossen. Das werde ich vermissen.

Was ich zugegebenermaßen gern hinter mir lasse: die Kälte und Dunkelheit. Hier in Brasilien ist gerade Frühsommer und ich genieße die Sonne und Wärme sehr. In Weihnachtsstimmung bin ich deswegen natürlich nicht so.

Zum Glück habe ich ein paar Freunde gefunden: Bei einem brasilianischen Freund werde ich Weihnachten verbringen, mit einem gemütlichen Essen und seiner ganzen Familie. Es wird also gar nicht so anders ablaufen als in Deutschland.

Wenn dort Bescherung ist, werde ich auf jeden Fall mit meiner Familie skypen. Und nächstes Jahr will ich Weihnachten unbedingt wieder zu Hause feiern. Denn Weihnachten bei meiner Familie ist einfach das Schönste.

Mehr Elterntexte:

1/12

Fühlen

Hier erzählen Flüchtlinge, wie sie in Deutschland Weihnachten feiern

Wir rasen durch die Straßen, um letzte Geschenke zu besorgen, wir behängen einen Baum mit Kugeln, kleben uns Lichterketten ins Fenster und kaufen im Supermarkt Spekulatius. Für uns: normal. Für Flüchtlinge, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, ist das eine neue Erfahrung.

Manche von ihnen kennen Weihnachten, verstehen darunter aber etwas völlig anderes. Manche feiern Weihnachten überhaupt nicht – weder hier, noch in ihrer Heimat. Dass ein Fest ansteht, lässt sie vieles fühlen: die Lust, etwas zu verschenken. Der Wunsch, mitzumachen. Und: Sehnsucht nach zu Hause.