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Ich bin ständig unterwegs, ständig gestresst, ständig online, ständig ist alles neu. Trennungen, Kündigungen, neue Städte, neue Freunde, neue Anfänge. Das Rad dreht sich schnell und ich mich mit – oder ich drehe es selbst, das weiß ich manchmal nicht mehr. 

Aber einmal im Jahr halte ich es an. Steige einfach aus, lasse es mal gut sein, heute ohne mich, sorry. Und dieses eine Mal, das ist an Weihnachten.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Dann setze ich mich in einen Zug, starre vier Stunden aus dem Fenster, steige aus, suche die Augen meines Vaters und dann sehe ich sie. Sehe ihn am Bahnsteig, laufe auf ihn zu, wir umarmen uns und alles hält einfach an für ein paar Tage. Es ist Weihnachten. Und obwohl meine Familie ein einziger Grinch ist, sind das die besten Tage im Jahr

Ich würde Weihnachten niemals ohne meine Familie feiern. 

In Jahren, in denen ich nicht in meine alte Heimat fahren konnte, kamen sie eben zu mir. Denn Weihnachten ist heilig. Nicht, dass uns Jesus interessieren würde, nicht, dass wir ein riesiges Fest schmeißen würden oder jeder zehn Geschenke bekäme. Aber dass wir in diesen drei Tagen zusammen sind, das ist Gesetz.

Früher, als ich noch Zuhause wohnte, war mir genau das total egal. Weihnachten war nur ein weiteres Event voller Langeweile und endloser Fernseh-Tage. Ich fand einfach alles scheiße: die Geschenke, das Essen, die Ruhe, meine Familie. Ich wollte raus, mit Freunden zusammensein, feiern. Ich wollte auf keinen Fall: drei Tage Pause-Knopf. Familie hatte ich schließlich das ganze Jahr. Und dann zog ich weg.

Es dauerte einige Jahre, bis mir klar wurde, wie viel das eigentlich bedeutet: Familie. Wie wichtig es ist, dass da Menschen sind, die dich im besten Fall einfach so lieben. Die nicht abhauen, sich nicht drücken, die nicht irgendwann sagen: Du, das mit uns ist mir zu anstrengend. Und als ich das mit Mitte zwanzig langsam begriff, änderte sich alles. Und vor allem änderte sich Weihnachten.

Denn irgendwann in dieser Zeit wurde mir klar: Das sind die Menschen, die sich ihr ganzes Leben immer auf mich freuen werden. 

Und dieses Leben, es geht nicht unendlich lange. Irgendwann wird einer nicht mehr da sein – einer von ihnen oder ich selbst. Und das ist dann der Moment, in dem es nie wieder so sein wird, wie jetzt und in den vergangenen Jahren. 

Bei all der Schnelllebigkeit, dem Irrsinn, dem Stress, der Hektik, der Panik, vergessen wir alle viel zu oft, dass Familie etwas ist, das Beständigkeit bietet. Und natürlich gibt es auch die Familien, die einfach ein Alptraum sind, die zerstört sind, völlig kaputt. Aber dann sind es vielleicht die besten Freunde, der Mensch, den man liebt, die "zu Hause" sein können.

Am Ende geht es vor allem darum: sich wenigstens ein einziges Mal im Jahr Zeit für die Menschen zu nehmen, die man liebt. Nicht, weil die Edeka-Werbung einem das sagt. Sondern damit man nicht vergisst, dass das alles nicht selbstverständlich und nicht für immer ist. Eltern werden älter, Kinder ziehen weg oder um, Freunde ebenso. Menschen werden krank, sterben. 

Das ist uns allen theoretisch klar – aber begreifen wir das wirklich?

Ich habe ausgerechnet, wie oft ich im Jahr Zuhause bin – und wie alt meine Eltern statistisch gesehen werden. Wenn ich auch in Zukunft einmal im Jahr nach Hause fahre, würde ich sie noch etwa 15 bis 25 Mal sehen. 

Deshalb besuche ich sie nun viel öfter, aber Weihnachten bleibt trotzdem etwas Besonderes. Denn es sind diese Tage zusammen, an die ich mich erinnern werde. Die Tage, an denen wir Zeit für Gespräche, Spaß, Streit, Quatsch hatten. Diese Tage, an denen das Rad anhält und wir Familie sind. Keine perfekte, keine, die alles richtig macht, keine ohne Probleme. Aber Familie. Etwas, das nichts auf der Welt jemals ersetzen wird. 

Die Witze meines Vaters, den Streit ums Raclette-Gerät, das Essen, das ich mit meinem Bruder zusammen gekocht habe – an all diese schrecklich kurzen Momente werde ich mein ganzes Leben denken. Sie sind ein Geschenk, das ich unendlich oft auspacken und anschauen kann, in Gedanken und in meinem Herzen sicher verwahrt für immer.

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Today

Mit diesen sieben Tricks gewinnst du beim Small Talk
Nie wieder unangenehme Stille.

Die Feiertage stehen an, und damit für viele auch der Besuch zu Hause – und das Wiedersehen mit Verwandten und alten Bekannten. Das kann ganz schön unangenehm werden. Worüber redet man mit der Tante, die man nur einmal im Jahr am Zweiten Weihnachtsfeiertag sieht? Oder mit dem Ex-Freund, der ausgerechnet auf derselben Silvesterparty eingeladen ist?

Wir haben eine Expertin nach sieben Regeln für guten Small Talk gefragt. 

Die Kommunikationstrainerin Silke Nuthmann hat das Buch "Small Talk für Introvertierte" geschrieben – und uns Tipps für Gespräche gegeben, in denen man nicht mehr weiter weiß. 

Die Situation: Du bist mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt, morgen ist Heiligabend. Das hier ist deine Heimatstadt, überall bekannte Gesichter. Ihr seid beim zweiten Glühwein, als diese alte Schulfreundin vorbeiläuft. Früher habt ihr euch mal gut verstanden, jetzt habt ihr schon eine gefühlte Ewigkeit nichts mehr voneinander gehört. Einfach nur Hallo zueinander sagen, wäre komisch. Zeit für Small Talk.