Mia, 29, fragt:

Meine Familiensituation ist wirklich die Hölle. Meine Eltern sind getrennt und können den jeweils anderen nicht ausstehen, gleiches gilt für die Familie meines Freundes. Meine Schwester lebt 250 Kilometer von mir entfernt in Oberbayern, sie hat mittlerweile eine eigene kleine Familie. 

Problematisch ist, dass ich alle mag. Und alle mögen mich. Das heißt, dass ich an Weihnachten alle besuchen muss. Denn natürlich kommt das Kind zu den Erwachsenen, nicht umgekehrt. 

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

An den Weihnachtstagen sitze ich meistens im Zug. Ich fahre am Heiligabend erst zu meiner Mutter nach Ingolstadt, dann zu meinem Vater nach Nürnberg, am Ende treffe ich meinen Freund bei seinem Vater. Der erste Weihnachtstag ist dann traditionelles Treffen in Erlangen, am zweiten Weihnachtstag fahren wir wieder zurück – zu der Mutter meines Freundes nach München. 

Ich komme mir bei dieser Fahrerei irre vor. An ein ruhiges Weihnachten, das auch mir Spaß macht, ist überhaupt nicht zu denken – "die Mia ist noch jung, die kann ja wohl mal ein bisschen fahren zum Feste."

Mehr Notfälle? Hier:
"Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?"
"Meine Schwiegereltern mögen mich nicht – soll ich sie dennoch besuchen?"
"Meine Oma kommt auch nach zehn Jahren noch immer nicht mit meiner Homosexualität zurecht. Auf Familienfeiern geraten wir immer wieder aneinander – was kann ich tun?"
"Ich liebe meine Tante, aber sie geht an Weihnachten immer total herzlos mit meiner Cousine, um. Was kann ich tun?"
"Jedes Jahr an Weihnachten findet ein Klassentreffen statt. Was kann ich gegen Gefühl tun, dass alle anderen viel mehr erreicht haben als ich?"
"Ich bin überzeugter Vegetarier, will aber den Familienfrieden beim Weihnachtsessen nicht stören. Lasse ich mich auf die Diskussion mit meinen Eltern ein?"
"Meine Mutter sieht nicht ein, dass ich erwachsen bin. –Was soll ich tun?"
"Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?"
"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen – Ist meine Angst berechtigt?"
"Ich verliebe mich zu schnell – was kann ich dagegen tun?"
Mein Studium überfordert mich und lässt mich jeden Tag leiden. Wo sind nur meine Träume und Ziele hin?"
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Ich freue mich schon, wenn ich meine eigene Familie habe. Dann muss ich mich nicht mehr zehnteilen, weil ich jedem gefallen will, habe endlich eine Ausrede und muss keine Weltreise mehr machen.

Mich macht das nur noch traurig: Die Tage zeigen mir, wie kaputt meine Familie ist, meistens kommt dann noch Streit mit meinem Freund dazu, der auch gestresst ist. Alle erwarten von mir, dass ich funktioniere, die gute Mia, die Weihnachten überall unterm Baum sitzt. 

Alle erwarten von mir, dass ich funktioniere
Mia

Dabei würde ich am liebsten einfach mal Prioritäten setzen. Oder ehrlich sein. Aber soll ich einem Familienmitglied ernsthaft sagen, dass ich es nicht sehen will? Wie finde ich einen Kompromiss? Wer ist am wichtigsten? 

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Mia,

ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese irre Weihnachtsfahrerei gar nicht deinem Bedürfnis nach besinnlichen Feiertagen entspricht. Jeder Teil der Familie erwartet, dass du kommst und zusätzlich ist da noch die Familie deines Partners.

Dass ihr beide gestresst seid, wundert mich nicht. Bei deinem Versuch, es allen Recht zu machen, verlierst du dich selbst leider völlig aus den Augen. Du bist genervt und traurig, anstatt dich auf die Feiertage zu freuen.

Dass ihr beide gestresst seid, wundert mich nicht
Kathrin Hoffmann

Wie kannst du nun mit diesem Konflikt umgehen? An deiner Familiensituation kannst du leider nichts ändern, auch wenn dein Wunsch nach einer heilen Familie natürlich nachvollziehbar ist. Aber die Situation ist nun mal so und du musst dir überlegen, wie du in Zukunft mit dem Erwartungsdruck umgehst und einen langfristig tragfähigen Kompromiss findest.

Momentan scheinst du ganz klar nach den Erwartungen der Anderen zu funktionieren – ganz nach dem Motto: "Ich muss es allen Recht machen, ich darf niemanden enttäuschen". 

Wer ist am wichtiger – meine Familie, mein Freund, ich selbst?(Bild: Unsplash)

Zunächst musst du diese Einstellung hinterfragen und eine andere Haltung finden: 

  • Ist es tatsächlich deine Pflicht, es allen Familienmitgliedern Recht zu machen? 
  • Wie wären die Feiertage für dich schön
  • Wie ernst darfst du deine Bedürfnisse nehmen? Wenn du einen Besuch absagst, heißt das automatisch, dass du denjenigen nicht sehen willst? Oder, dass es dir einfach zu viel ist? 
  • Was bedeutet es für dich, jemanden zu enttäuschen
  • Wie weit gehst du über deine Grenzen an den Feiertagen? Was würde dir helfen, deine Bedürfnisse besser zu vertreten?

Überlege dir genau, welche Lösung für dich optimal wäre und zu welchen Zugeständnissen du bereit bist.

Ein möglicher Kompromiss könnte sein, jedes Jahr abwechselnd deine Mutter bzw. deinen Vater zu besuchen und auch die Familien deines Freundes im Wechsel. Somit würden schon mal zwei Stationen wegfallen.

Als Ausgleich könntest du ein Treffen im neuen Jahr vorschlagen. Eine radikalere Variante könnte sein, an Weihnachten mit deinem Partner zuhause zu bleiben und die Besuche auf einen größeren Zeitraum vor und nach Weihnachten zu verteilen. Sprich auch mit deinem Partner, welche Möglichkeiten er sieht.

Ist es tatsächlich deine Pflicht, es allen Recht zu machen?
Kathrin Hoffmann

Spiele gedanklich verschiedene Varianten durch und achte darauf, wie du gefühlsmäßig und körperlich darauf reagierst. Wie reagiert deine Muskulatur – bleibst du entspannt oder spürst du eine gewisse Anspannung?

Wie ist deine Atmung? Fühlst du dich ruhig oder wirst du nervös? Deine Körpersignale werden dir einen Hinweis darauf geben, welche Lösungen gut für dich sind.

Im nächsten Schritt wird natürlich ein Gespräch mit deiner Familie anstehen. Sag zunächst ehrlich, dass es dir mit der Situation nicht gut geht und ihr eine andere Lösung finden müsst.

Mach ihnen klar, dass dir alle sehr wichtig sind und du am liebsten alle beisammen hättest, du aber nicht mehr diejenige sein willst, die das Familiendilemma Jahr für Jahr ausbaden muss. Dein Wunsch ist ja der nach einer jeweils schönen entspannten Familienzeit – das lässt sich aber nur erfüllen, wenn du innerhalb deiner Grenzen bleibst und so die Zeit auch wirklich genießen kannst.

Alles Gute für dich und eine hoffentlich schöne Weihnachtszeit!

Deine Kathrin


Gerechtigkeit

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Der Streit zwischen Polen und der Europäischen Union geht weiter: Die EU-Kommission will Polen wegen der als undemokratisch kritisierten Justizreform offiziell verwarnen. Dafür setzte sie jetzt ein Sanktionsverfahren in Gang – das erste dieser Art in der Geschichte der EU. (SPIEGEL ONLINE)

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