"Einen riesengroßen Vorteil gibt es natürlich als Trennungskind"

Weihnachten ist ein Familienfest. Die Kinder kommen wieder in die Heimat, alle haben Zeit und man kann sich endlich denen widmen, die im Alltagsstress oft zu kurz kommen. So zumindest in der Theorie.

Mehr als jede dritte Ehe wird geschieden, oft sind es Paare mit Kindern, so die Statistik. Und plötzlich ordnet sich die Familie neu. Die Eltern feiern nicht mehr zusammen, wollen aber beide besucht werden. Es gibt neue Partner, manchmal neue Geschwister und mit dem klassischen Familienbild hat das nichts mehr zu tun.

Aber ist das schlimm? Wir haben vier Trennungskinder gefragt, wie sie Weihnachten feiern. Wie es war, das erste Mal nur mit einem Elternteil zu feiern und wie es heute ist.

Spoiler: Es gibt auf jeden Fall auch gute Seiten am Trennungskind-Dasein.

Thea, 25, aus Königs Wusterhausen, Studentin

Bei mir ist Weihnachten vor allem stressig. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 14 war – und seitdem wird fröhliches Patchwork-Weihnachten gefeiert. Mal zuerst bei Mama, mal zuerst bei Papa.

Richtig stressig ist es eigentlich erst geworden, seit ich mit meinem Freund zusammen bin, ebenfalls ein Scheidungskind. Das heißt: Seit fünf Jahren klappern wir vier Familien ab, und feiern viermal Weihnachten.

Zum Glück wohnen alle irgendwo in Brandenburg verteilt, so dass wir nicht wirklich weite Distanzen zurücklegen müssen. Trotzdem sitzt man jeden Tag im Auto oder im Zug.

Dadurch dass ich eine sechsjährige Halbschwester habe, ist Weihnachten bei meiner Mutter immer noch richtig magisch. So wie man es selbst noch aus der Kindheit kennt. Meine Schwester staunt immer noch jedes Mal über den Baum und die Geschenke. Das macht es weniger erwachsen und wirklich schön.

Einen riesengroßen Vorteil gibt es natürlich als Trennungskind: Man kriegt verdammt viele Geschenke. Muss aber, und das ist die Kehrseite der Medaille, auch wahnsinnig viele organisieren.

Das entspannteste Weihnachten der vergangenen Jahre war definitiv, als mein Freund und ich meine alte Gastfamilie in Neuseeland besucht haben. Keine Organisation, keine Planung, einfach Weihnachten bei einer einzigen Familie.

Seitdem überlegen wir uns jedes Jahr, einfach wieder die Koffer zu packen, aber eigentlich mag ich dieses stressige, vierfache Weihnachten doch viel zu gerne.

(Bild: Julia Kopatzki)
Luis*, 20, aus Köln, Abiturient

Mit der Trennung meiner Eltern kam auch direkt der Umzug: Für mich ging es mit meiner Mutter und meiner Schwester nach Köln, mein Vater zog nach Hannover.

Ich war sechs, als meine Eltern sich trennten, und erinnere mich kaum noch an die ersten Weihnachten. Heiligabend habe ich mit der Familie meiner Mutter gefeiert, am ersten Weihnachtstag wurden meine Schwester und ich in den Zug gesetzt und sind drei Stunden zu unserem Vater gefahren.

Wenn man noch so jung ist, bekommt man die neuen Partner viel intensiver mit. Der neue Freund meiner Mutter zog bei uns ein, die neue Freundin meines Vaters bei ihm. Dementsprechend war es auch nicht komisch, mit ihnen Weihnachten zu feiern. Seitdem wurde viel ausprobiert: Weihnachten in Köln, Weihnachten in Hannover, Weihnachten bei den Großeltern. Komplett stressfrei war davon nichts. Inzwischen wohnen meine Eltern eine Stunde voneinander entfernt, so dass man sich viel Fahrerei spart.

Heiligabend feiern wir immer noch mit der Familie mütterlicherseits. Drei Generationen, zehn Menschen – da ist immer viel los. Bei meinem Vater sind wir lediglich zu dritt: er, meine Schwester und ich. Aber eigentlich ist dieses Kontrastprogramm sehr entspannt.

Trotzdem ist es selbst fünfzehn Jahre später noch komisch, den eigenen Vater an Heiligabend bloß anzurufen. Richtig gewöhnen werde ich mich daran wahrscheinlich nie.

Mia*, 25, aus Berlin, Servicekraft

Für mich wird Weihnachten dieses Jahr völlig anders. Meine Eltern haben sich vor zwei Monaten getrennt und dieses Weihnachten wird das erste, das ich nicht mehr mit beiden gleichzeitig verbringe.

Dadurch, dass mein Vater noch einen Sohn aus der Zeit vor mir und meiner Mutter hat, ist mir das Thema Patchwork-Familie nicht völlig fremd. Trotzdem rechnet man nicht mehr damit, dass die Eltern sich plötzlich trennen, wenn man schon lange von zu Hause ausgezogen ist.

Mein Halbbruder bleibt dieses Jahr über die Feiertage auf Teneriffa, so dass Weihnachten bei mir dieses Jahr so aussieht: Heiligabend feiere ich mit meinem Vater alleine, meine Mutter feiert bei einer Freundin. Am ersten Weihnachtstag fahre ich mit meiner Mutter für ein paar Tage in den Urlaub und feiere dort noch mal mit ihr zusammen.

Vor allem mein Vater kämpft noch sehr mit der Trennung, so dass dieses Jahr Heiligabend wahrscheinlich nicht besonders fröhlich wird. Plötzlich muss ich das Essen organisieren und den Abend gestalten, ein sehr seltsames Gefühl.

Im Moment kann ich noch gar nicht einschätzen, wie das tatsächlich alles wird, aber die Vorstellung irgendwann mit den neuen Partnern meiner Eltern Weihnachten zu verbringen, finde ich sehr befremdlich. Obwohl ich inzwischen erwachsen bin und selbst schon die ein oder andere Trennung erlebt habe, stellt das alles auf den Kopf.

Meine Eltern und ich: Unsere besten Geschichten über Familien zum Durchklicken
1/12
Edoardo, 22, aus Berlin, Student

Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen. Als meine Eltern sich getrennt haben, bin ich mit meiner Mutter nach Deutschland gezogen. Meine Mutter hatte schnell einen neuen Partner, der eine Tochter hat ,e in wenig jünger als ich – das Zusammenwachsen als Patchwork-Familie geht meist schneller als man gucken kann.

Weihnachten habe ich seit der Trennung immer mit meiner Mutter in Deutschland gefeiert. Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Eltern das einfach ohne mich beschlossen haben – so kam ich gar nicht erst in den Konflikt, mich entscheiden zu müssen.

Dafür ging es über Silvester immer zu meiner italienischen Familie. Je älter man wird, desto mehr nervt das eigentlich nur noch. Alle Freunde feiern miteinander Silvester und ich war nicht da. In allen anderen Ferien genau dasselbe.

Im vergangenen Jahr habe ich zum ersten Mal mit meiner Freundin, ein Trennungskind, ihre Familie besucht. Vier Familien in drei Tagen – festlich war daran gar nichts mehr. Es fühlte sich eher an wie ein Staatsbesuch.

Inzwischen entscheide ich zum Glück selber, wie und wo ich Weihnachten feiere: bei meiner Mutter in Deutschland. Obwohl sich die Weihnachtszeit in Italien deutlich länger hinzieht und mit mehr Festen verbunden ist, mag ich das Weihnachten hier lieber. Es ist einheitlicher. In Italien feiert jede Region völlig anders – hier ist es gleich, egal ob man in Berlin oder Bayern ist.

*Name geändert


Streaming

Welchen trashigen Weihnachtsfilm solltest du heute noch schauen?

Du hast "Kevin allein zu Haus" und die "Muppets" schon durch? "Aschenbrödel" und "Stirb langsam" auch schon geschaut? Dann wird es Zeit für die richtig harten Weihnachtsklassiker!

Dieses Quiz hilft dir bei der Entscheidung:

Welchen Trash-Weihnachtsfilm solltest du unbedingt noch sehen?