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Noch immer wissen viele Frauen zu wenig über die eigene Anatomie. Wie drei Frauen das ändern wollen.

Während es früher als unerhört galt, als Frau ein aktives Sexualleben zu haben und offen über den eigenen Körper zu sprechen, ist dies heute zum Glück normal. Trotzdem ist die weibliche Anatomie noch immer mit vielen Tabus behaftet – das zeigt schon das Wort "Schamlippen", das Aktivistinnen gerne durch den neutraleren Begriff "Vulvalippen" ersetzt sehen würden.

Die Vorstellung, das weibliche Geschlecht müsse perfekt sein, beeinflusst die Selbstwahrnehmung vieler Frauen. Blöde Witze, die Vagina würde nach Fisch riechen, leisten dazu noch ihren Beitrag.

Hinzu kommt, dass die Aufklärung Jugendlicher lückenhaft ist. Das Ergebnis: ein unvollständiges Bild der eigenen Sexualität. Doch viele Menschen arbeiten daran, dies zu ändern – zum Beispiel Ronja und Katrin mit ihrem Podcast "Clitoria's Secrets", sowie die Aktivistin Laura Méritt, die in ihre Wohnung zum Pornogucken einlädt.

"Wir haben mit Ausfluss angefangen, jetzt gehen wir da ein bisschen tiefer rein", sagt Ronja ins Mikro. Für die Folge "Muschis sind schrumpelig und stinken nach Fisch" musste ihre Kollegin Katrin ein wenig kämpfen: Ausfluss und Intimgeruch sind für viele Frauen noch immer schambehaftet. Das hat viele Gründe – von Erziehung, die Mädchen vermittelt, man solle sich selbst "da unten" nicht anfassen bis zu Mädchen- und Frauenmagazinen, die noch immer vermitteln, die Frau müsse alles tun, um dem Mann zu gefallen.

"Ich bin erschrocken, dass es auf Instagram eine Challenge gibt, bei der Frauen ihre Höschen fotografieren, wenn sie auf Toilette sitzen", erzählt Katrin in der Folge. Gewonnen habe die Frau, "die das sauberste Höschen hat. Das entspricht nicht der Realität und führt dazu, das Frauen sich dafür schämen." Das sei absurd, denn Ausfluss in der Unterhose sei ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem gut funktioniert.

Katrin ist Gynäkologin in einer Frauenklinik, daher möchte sie nicht ihren vollen Namen veröffentlichen. Ronja ist ihre beste Freundin. Sie hatte die Idee für den Podcast: "Es ist doch gemein, dass ich mich, nur weil ich Katrin zur Freundin habe, so gut aufgeklärt fühle", während andere Frauen dies nicht seien, sagt sie. Bei ihrer Frauenärztin merke Ronja oft, dass für weiterführende Fragen keine Zeit sei.

Schuld daran seien laut Katrin unter anderem wirtschaftliche Zwänge. "Viele meiner Kolleginnen beklagen, dass sie Aufklärungsarbeit nicht abrechnen können", sagt sie.

Durch ihr Medizinstudium weiß Katrin, dass die weibliche Sexualität schon in der Ausbildung kaum eine Rolle spielt. 

Zwar gebe es den Fachbereich der Frauenheilkunde, doch dort gehe es überwiegend um Geburtshilfe und die großen Erkrankungen. 

Katrin habe sich ihr heutiges Wissen über das weibliche Geschlecht größtenteils durch Fortbildungen, Fachliteratur und externe Arbeitskreise aneignen müssen. "Sexualmedizin muss als eigenständiger Fachbereich in das Medizinstudium integriert werden", so ihre Forderung. Und zwar für alle Geschlechter. Auch der Mann werde beispielsweise nicht als sexuelles Wesen gesehen, die Urologie konzentriere sich nur auf Funktionales wie Harnwege, Nieren und Blasen.

"Unser Podcast soll keinen Frauenarztbesuch ersetzen, sondern eine Einladung sein, sich auszutauschen", sagt Ronja. "Viele Frauen denken, dass sie die einzigen sind, die starken Ausfluss haben, bei penetrativem Sex nicht kommen und intensiv riechende Geschlechtsorgane haben." Darum versucht Ronja in jeder Folge, so viele Stimmen wie möglich abzubilden. 

Außerdem recherchiert sie, was im Internet gerade kursiert. Das Ergebnis sei erschreckend, sagt sie. Auf viele Fragen, die sich Frauen stellen, sei die einzige seriöse Quelle, die Antworten gibt, oft die Apotheken-Umschau.

Erst durch das Feedback ihrer Hörerinnen habe Katrin verstanden, wie wichtig der Podcast sei. "Kürzlich haben wir eine Zuschrift von einer Frau bekommen, die unter Endometriose leidet und zahlreiche Praxen abgeklappert hat, weil die Symptome nicht erkannt wurden", erzählt Katrin. "Solche Geschichten müssen mit der Öffentlichkeit geteilt werden." 

Zudem halten sich Mythen über die weibliche Sexualität hartnäckig. 

Nur der Mann kann eine Erektion haben? Das Jungfernhäutchen ist ein Siegel der Unberührtheit? Dass die Klitoris nicht nur der von außen sichtbare Knubbel ist, sondern ein Schwellkörper, der die Vagina umschließt und bei Erregung stark anschwellen kann, und dass das Jungfernhäutchen eine ringförmige und dehnbare Schleimhautfalte in der Vagina ist, die beim Sex nicht unbedingt reißt, wissen die wenigsten. (bento)

"Nur das, was eine Gesellschaft für wichtig und funktional hält, wird in der Lehre dargestellt. Anatomie wird von der Gesellschaft geformt", sagt Laura Méritt.

Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin und Sexaktivistin und lebt in Berlin. Laura sagt: Die weibliche Anatomie werde kleingeredet und in vielen Lehrbüchern fehlten detaillierte Zeichnungen. 

Ein Blick in Aufklärungsbücher für Teenager zeigt: Der Begriff der Vulva ist in den wenigsten angekommen – oft ist nur von "Scheide" die Rede. Die Qualität des Aufklärungsunterrichts in der Schule sei zudem stark von der lehrenden Person abhängig. 

Meist ist die Sexualaufklärung lückenhaft: Holzpenis raus, Kondom drüber, Tampons und Binden an die Mädchen verteilen – fertig.

Ein Viertel der Mädchen weiß vor der ersten Menstruation nicht über diese Bescheid und ein Drittel der Jungs ist nicht auf den ersten Samenerguss vorbereitet, so die Ergebnisse einer Studie der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung von 2015. Detailliertes anatomisches Wissen sowie die Ermutigung zur Selbsterkundung fehlen den Jugendlichen meist. Feministinnen und Feministen kritisierten das seit vielen Jahren.

"Der Schwerpunkt der Aufklärung liegt auf der Fortpflanzung und die Organe, die dazu nötig sind", sagt Laura Méritt. "Prostata, Drüsen und Schwellgewebe werden nicht abgebildet." 

Laura Méritt ist Autorin des Buches "Frauenkörper neu gesehen". Sie engagiert sich seit fast 30 Jahren für sexuelle Aufklärung. In ihrer Wohnung in Kreuzberg betreibt sie den Shop "Sexclusivitäten", einer der ältesten feministischen Sexshops Europas. Jeden Freitag lädt sie in ihr Wohnzimmer zum Freudensalon ein.

Über die eigene sexuelle Körperlichkeit Bescheid zu wissen, sei wichtig für das Selbstbewusstsein, sagt sie – denn Unwissenheit schaffe Abhängigkeit.

Von den Sexpartnerinnen und -partnern, wenn man nicht weißt, was einem gefällt oder wie man richtig verhütet; und von Ärztinnen und Ärzten, wenn man Veränderungen am eigenen Körper nicht erkennt und nicht über Themen wie Nebenwirkungen der Pille aufgeklärt wird.

Auch an diesem Freitag ist Laura Méritts Wohnzimmer voll mit jungen Menschen. Anlässlich des feministischen PorYes-Festivals hat sie zum Pornoschauen eingeladen. "Wir sind für Pornografie als Darstellung von Sexualität", sagt sie. "Wir wollen gucken, wie unterschiedlich Mösen aussehen." 

Solange diese in Lehrbüchern keinen Platz finden, muss Aufklärung eben woanders stattfinden – mit anderen zusammen bei Laura Méritt auf dem Sofa, oder allein zuhause mit dem Podcast auf den Ohren – um ein Bewusstsein für den weiblichen Körper zu schaffen und dessen Sexualität zu enttabuisieren.


Fühlen

Bei Geld fängt die Freundschaft an
Warum es uns oft so schwerfällt, Freunden Geld zu leihen.

Meine Freunde liebe ich über alles. Sie sind für mich wie Familie: manchmal etwas anstrengend, aber ohne sie geht es nicht. Wir lachen über die dümmsten Witze, feiern die Nächte durch und reden stundenlang über unsere Sorgen. Meine Freunde holen mich nachts ab, wenn ich den letzten Bus verpasst habe. Wenn sich jemand auf einer Party verletzt, bringen wir ihn ins Krankenhaus und warten dort, anstatt weiter zu feiern. Wir sind füreinander da. Immer. Oder?

Vor einigen Monaten hatte einer meiner Freunde Geldprobleme. Er beendete seine langjährige Beziehung, die Freundin zog aus und wollte das Geld für die bereits gezahlte Miete und die gemeinsam gekauften Möbel zurück. Es ging um einen Betrag von gut 500 Euro. Er hatte die Summe nicht und stand unter Druck. 

Gefragt, ob ich ihm das Geld leihen kann, hat er nicht – doch später dachte ich darüber nach, ob ich ihm das nicht hätte anbieten sollen. 

Ich hatte die Mittel, er brauchte Hilfe. Warum also zögerte ich?

Muss ich – moralisch gesehen – einen guten Freund finanziell unterstützen? Darüber habe ich mit Janosch Schobin gesprochen. Er ist Soziologe und forscht an der Uni Kassel zum Thema Freundschaft. In Interviews hat er Probanden befragt, unter welchen Umständen sie Geld an ihre Freunde verleihen würden.

"Es gibt nicht einfach nur Geld: Menschen unterteilen ihr Einkommen in verschiedene Blöcke", sagt Janosch. "Da ist das Geld, das sie im Alltag brauchen, um Miete oder Lebensmittel zu zahlen. Das wird in der Regel nicht mal an Verwandte verliehen. Daneben gibt es noch 'überflüssiges' oder gespartes Geld." Davon geben wir Freunden ein Bier aus oder bringen der Mitbewohnerin etwas vom Einkaufen mit. "Bei solch kleinen Beträgen gibt es keine Erwartungen, das Geld zurückzubekommen. Es zirkuliert im Freundeskreis", sagt Janosch. 

In meinem Freundeskreis ist das auch so. Wenn keine Bank in der Nähe ist oder ich den Geldbeutel daheim vergessen habe, ist das kein Problem. Meine Freunde helfen gerne. Das hat möglicherweise sogar einen psychologischen Grund: Die University of British Columbia fand heraus, dass es uns glücklicher macht, Geld für andere auszugeben als für uns selbst (UBC).