Vor 20 Jahren haben sich meine Eltern getrennt und seitdem geht es in ihrem Liebesleben bergauf und bergab.

Meine Mum hat wieder neu geheiratet und ich habe jetzt einen tollen Halbbruder, aber inzwischen leider keinen Stiefvater mehr. Und mein Papa hat mich irgendwann mal angerufen und nach Rat zum Thema One Night Stands gefragt. Er hatte die Nacht mit einer Bekannten verbracht.

Beide sind jetzt seit längerer Zeit wieder Single und beide sitzen mehr oder weniger ratlos zuhause.

Als ich bei der Hochzeit einer alten Freundin in meinem Heimatdorf war und sie mir berichtete, dass sie ihren Mann über das Internet kennengelernt hat, da kam mir die Idee: Ich melde meine Eltern einfach mal bei einer Onlinedating-Seite an.

Ich meine, was bei mir und meinen Freunden funktioniert, könnte doch auch bei ihnen funktionieren.

Meinen Eltern erzählte ich wenig bis gar nichts von meiner Mission.

Mit meinem Vater, 63 und schon länger Rentner, hatte ich schon vor ein paar Jahren ein Onlineprofil bei einer Partnerseite angelegt. Damals war er aber leider nicht computeraffin genug, um sich später alleine einzuloggen.

Inzwischen klappt das mit ihm und dem Internet aber besser und am Abend nach der Hochzeit habe ich ihn gefragt, ob er es nicht noch mal mit dem Onlinedating versuchen wollte. Er wollte.

Meine Mutter, 59 Jahre alt und Lehrerin, war hingegen völlig ahnungslos. Sie ist ohnehin eher der Typ, den man zu seinem Glück zwingen muss. (Sorry Mum.)

Lenas Vater (l.) und Lena Mutter (r.) wollen lieber anonym bleiben.
Schritt 1: Erst mal die Möglichkeiten auschecken.

Bei der Google-Recherche bin ich zuerst bei den üblichen Verdächtigen gelandet. Es gibt unglaublich viele unterschiedliche Angebote, und Singles jeden Alters kann angeblich geholfen werden.

Was mir wichtig war:

  1. Ich wollte niemanden in riesige Unkosten zu stürzen.
  2. Ich wollte eine Plattform finden, die auch wirklich Menschen ab 50+ zusammenbringt.
(Bild: Screenshot: Lena Korbjun)

Als ich so vor mich hinrecherchierte, fühlte ich mich irgendwie doch ein wenig mulmig. Ich war ständig hin- und hergerissen: War das vielleicht ein wenig übergriffig? Ich nehme mir ja auch heraus, mich im Moment nicht festzulegen. Aber warum will ich, dass meine Eltern das machen? Trotzdem: Wollen nicht alle Kinder, dass es ihren Eltern gut geht? Vielleicht war meine Aktion doch nicht so uneigennützig, wie ich dachte.

Wir haben ein entspanntes und offenes Verhältnis, wenn es um das Besprechen unserer Beziehungen geht. Und ich weiß, dass sie sich eine Liebe, einen Partner wünschen. Dennoch hatte ich Zweifel. Allerdings ließ mich die Aussicht, dass meine Eltern alleine vielleicht nicht nochmal glücklich werden könnten, weitergoogeln.

Ich hatte aber nicht nur Gewissensbisse. Irgendwann wurde mir klar, dass ich die wichtigste Frage außer Acht gelassen hatte:

Was oder wonach suchen die eigenen Eltern eigentlich wirklich?

Was ist mein Vater eigentlich für ein Mensch? Vom Typ her ist er eher gemütlicher Rentner als sportlicher Jungspund. Dazu ist er dickköpfig (genau wie ich), aber trotzdem unglaublich liebenswürdig und mit seiner nordischen Heimat extrem verbunden. Er braucht keine neuen Freunde, aber dafür etwas mehr Frauenpower in seinem Leben. Deswegen entschied ich mich für Fischkopf.de, einer Online-Dating-Plattform für Norddeutsche.

Meine Mutter an den Mann zu bringen, würde deutlich einfacher werden – dachte ich. Denn eigentlich will sie lieber offline jemanden finden, und sucht eine Single-Freundin, mit der sie um die Häuser ziehen kann.

Ich entschied mich schließlich, sie auf Spin.de anzumelden. Hier sucht man in seiner Gegend einfach nach Menschen mit den gleichen Interessen und kann mit ihnen chatten. So wie damals im ICQ – als ich meine eignen ersten Onlinedating Versuche mit 14 Jahren startete. Denn dort kann man auch mit Frauen chatten und sich zum Kaffee oder Weggehen verabreden, und es gibt zusätzlich eine solide Anzahl von adäquaten Männern im System.

Schritt 2: Die Anmeldung

Wer hätte gedacht, dass es so schwer ist, den Administrator von einem Foto meines Vaters zu überzeugen? Nachdem ich auf der Seite lang und breit über seine Leidenschaft fürs Fischen, seine Lieblingsserie "Game of Thrones" und seine Vorliebe fürs Kochen und Töpfern Auskunft gegeben hatte, sollte ich ein Foto hochladen. Aber: Sein Glück hing wegen des Profilbilds vom Wohlwollen eines wirklich anspruchsvollen Admins ab:

Ich hatte es mittlerweile mit dem dritten Foto meines Vaters versucht und der Administrator war ungnädig und lehnte es erneut ab. Ich war ein bisschen verzweifelt, weil mein Vater sich lange und erfolgreich vor meiner Digitalkamera versteckt hatte und der Fotovorrat von Bildern meines Vaters jetzt nur noch zwei Fotos umfasste.

Um motiviert zu bleiben, machte ich mit dem Profil meiner Mutter weiter.

Mit dem Profil meiner Mum lief es mit dem Texten und dem Foto unkompliziert. Es ist wohl doch einfacher für Frauen auf solchen Plattformen, egal wie alt sie sind.

Schritt 3: Die Kontaktaufnahme

Was für meine Mutter folgte, ging dann doch ein wenig in die falsche Richtung. Innerhalb kürzester Zeit hörte ich nur noch Dutzende "Bings". Männer aus ganz Deutschland wollten meine Mutter kennenlernen. Ohne Frage, sie ist wunderschön, aber kaum ertragbar waren die Texte, die mir da entgegensprangen.

(Bild: Screenshot: Lena Korbjun)
Das waren schlimmere Sprüche als bei Tinder!

Endlich hatte ich Glück mit einem Foto meines Vaters und auch sein Profil wurde bestätigt. Doch für ihn hieß es nach ein paar Stunden: immer noch Ebbe im Postfach. Also meldete ich ihn noch auf Treffpunkt 50+ an. Und diese Seite entpuppte sich als Volltreffer. Ich klickte erst, als ich mir ganz sicher war, seinen Geschmack zu treffen, auf den Button, um die attraktive 57-jährige Angelika anzulächeln. Anlächeln ist eine Funktion, die es in unterschiedlichen Versionen fast auf jeder Onlinedating-Seite gibt und den anderen erstmal auf sich aufmerksam macht.

Im nächsten Schritt wurde mir mitgeteilt, dass ich für Nachrichten an Angelika in die monatliche Abo-Zitrone beißen muss. Was eine Verarschung, kein Geld, kein Flirten. Das war wohl wieder nichts. An diesem Punkt habe ich aufgegeben. Meinen Vater werde ich wohl einfach auf das nächste Fest im Nebendorf schleppen. Das ist eindeutig einfacher.

Bei meiner Mutter kamen hingegen ununterbrochen Nachrichten auf ihrem Spin-Account an. Ein Beispiel:

(Bild: Screenshot: Lena Korbjun)

Erst wollte ich nicht lesen, was ihr geschrieben wurde, aber dann konnte ich nicht anders, ich war einfach zu neugierig.

Nach den ersten 15 Nachrichten war mir ein bisschen schlecht. Es meldete sich nämlich nicht die nette Beate, die ich auf der Startseite gesehen hatte, und die aussah, als wenn sie super mit meiner Mum einen spirituellen Workshop am Wochenende besuchen könnte. Es meldete sich der bärtige, untersetzte Günther. Insgesamt kamen mehr als zwanzig Nachrichten pro Stunde.

Man könnte die Art der Männer aufteilen in:

  • Viel zu junge, vermutlich ausschließlich an sexuellen Kontakten interessierte Männer, mit einem Hang für ältere Frauen (ich musste mir die Augen zukneifen, bei einigen Botschaften)
  • Männer, die vermutlich schon lange alleine waren und ein bisschen verwahrlost wirkten (mit denen hatte ich ziemlich Mitleid)
Normalos? – Fehlanzeige!

Dann hatte ich beziehungsweise meine Mutter Glück. Peter hatte eine nette Nachricht an sie verfasst. In dem Moment war ich so euphorisch über ein normales Foto und einen sympathischen Text, dass ich nicht anders konnte und ihm schrieb. Nur ein lockeres: "Hallo."

Eine Minute später fühlte ich mich schlecht, denn Peter wollte wissen, was meine Beweggründe waren, mich auf dieser Plattform anzumelden. In dem Moment entschied ich mich, aufzuhören. Das konnte und wollte ich unmöglich als meine Mutter beantworten.

Ich kenne meine Eltern wirklich gut, aber ich merke, ich sollte das Ruder abgeben, das ging wirklich zu weit.

Ab jetzt sollen sich meine Eltern alleine glücklich machen, ohne mein Einschreiten. Aber die Accounts werde ich trotzdem beim nächsten Heimatbesuch feierlich in ihre Hände übergeben und die Hoffnung bleibt, dass vielleicht doch etwas Gutes für sie aus diesem Experiment entsteht.


Today

Amoklauf in Düsseldorf: Was wir über die Tat wissen – und was nicht

Ein Mann hat am späten Donnerstagabend mit einer Axt mehrere Menschen in Düsseldorf verletzt. Insgesamt hat es nach Polizeiangaben sieben Opfer gegeben, zwei davon sind schwerverletzt, eines sehr schwer. Lebensgefahr bestehe aber nicht.

Der Täter konnte kurz nach dem Amoklauf von der Polizei gestellt werden.