Bild: Privat

Als ich mit 28 Jahren meinen Vater an die unheilbare Nervenerkrankung ALS verlor, war ich plötzlich Vollwaise. Meine Mutter war 13 Jahre zuvor an Brustkrebs gestorben, seitdem bestand unsere Familie nur noch aus meinem Bruder, meinem Vater und mir. Auch wenn sein Tod nicht unvorhergesehen kam, war der Schock, nun ganz ohne Eltern zu sein, sehr groß.

Plötzlich stand ich vor der schwierigen Aufgabe, mich gemeinsam mit meinem Bruder um die Hinterlassenschaften zu kümmern und eine Trauerfeier zu organisieren. Zudem musste mich mit einer großen Menge an Bürokratie herumschlagen. Ich war froh, gute Freunde zu haben, die in dieser Zeit viele Dinge für mich in die Hand genommen haben, da ich oft unfähig war, selbst Entscheidungen treffen zu können. Wie kommen wir zum Begräbnis, wie transportieren wir die Erinnerungen und Möbel zurück nach Berlin? Solche organisatorische Fragen haben mich lange überfordert.

Man sagt, dass Hinterbliebene in ihrem Trauerprozess oft Freunde verlieren. Diese Erfahrung habe ich ebenfalls gemacht. 

Viele Menschen in meinem weiteren Umfeld wussten nach dem Tod meines Vaters nicht mehr, wie sie mir begegnen sollten. Ich spürte, wie sich viele krampfhaft darum bemühten, den riesigen Elefanten, der ganz offensichtlich im Raum stand, nicht anzusprechen.

Doch eins kann ich versichern: alles ist besser, als gar nichts zu sagen. Häufiger musste ich auch Freunde und Bekannte trösten, die in Tränen ausbrachen, als sie mich trafen. Natürlich, in meiner Altersgruppe ist es eher unwahrscheinlich, dass man auf jemanden trifft, der bereits beide Elternteile verloren hat. Aber die Hilflosigkeit, mit der sich einige Menschen in meinem Umfeld diesem Thema näherten, war schon erschreckend. Ich weiß, dass es für viele sehr schwierig ist, trauernde Personen zu unterstützen – die Themen Tod und Verlust werden in unserer Gesellschaft tabuisiert und sind sehr angstbesetzt.

Trauern ist ein langwieriger und sehr individueller Prozess. Während sich viele Menschen die ersten Wochen verkriechen, gibt es auch andere, die rausgehen und lachen und sich nichts anmerken lassen. Oft kommt das wirkliche Bewusstsein über den Verlust erst nach einiger Zeit. Ich selbst fühlte erst einmal lange nichts. Doch der große Schmerz kam nach einigen Monaten, als der Nachlass geregelt war und der organisatorische Stress nachließ.

Ich zog mich zurück und hatte das Gefühl, dass mich nur Menschen mit ähnlichen Erfahrungen verstehen könnten. Wenn ich mitbekam, dass manche sich beschwerten, warum ich denn nicht mehr ausgehen oder mich nicht mehr melden würde, wurde ich manchmal wütend. Wie konnten diese Leute vergessen, was ich gerade durchgemacht hatte? Dass ich vielleicht keine Energie mehr für soziale Kontakte übrig hatte?

Trauer dauert nicht nur ein paar Monate und ist dann vorbei. Trauer hört manchmal nie auf. Sie wird nur schwächer und man lernt, damit umzugehen. Man verändert sich und wird vielleicht nie wieder so unbeschwert wie vorher. Viele können das nicht begreifen.

Zu manchen Freunde, die mich anfänglich noch sehr unterstützt haben und auch in den Sterbeprozess meines Vaters involviert waren, habe ich später den Kontakt abgebrochen.

Für Freundschaften sind Trauerprozesse daher nur schwer auszuhalten. Ich fing an, in scheinbar harmlosen Situationen plötzlich sehr sensibel zu reagieren, etwa als beim gemeinsamen Abendessen alle über ihre Familienprobleme redeten und ich bemerkte, dass ich nicht mehr mitreden konnte. Das Selbstverständliche ist plötzlich nicht mehr so selbstverständlich.

In einer solchen Situation wird man egoistischer und lernt, was einem selbst guttut. Das eigene emotionale Befinden und die Verarbeitung des Geschehenen beansprucht viel Raum. Zu manchen Freunde, die mich anfänglich noch sehr unterstützt haben und auch in den Sterbeprozess meines Vaters involviert waren, habe ich später den Kontakt abgebrochen.

Sie wollten mir nach seinem Tod mit dem Nachlass helfen und mich emotional unterstützen. Dabei haben sie jedoch ihre eigenen Grenzen überschritten, waren von ihrer Aufgabe und mit meiner andauernden Trauer überfordert. 

Ich habe mich von ihnen verlassen gefühlt, obwohl sie da waren. 


Es ist hart, aber ich habe auch gelernt, dass ich ungesunde Freundschaften einfach kappen muss und, dass Bekanntschaften nun mal keine Freundschaften sind.

Diese Erkenntnis war zunächst bitter und enttäuschend, doch ich weiß nun, wer meine wahren Freunde sind. Ich habe umso mehr bemerkt, wie wichtig und wertvoll diejenigen in meinem Leben sind, die auch in schwierigen Zeiten zu mir gestanden haben, mich unterstützt, meine Launen ausgehalten und den Schmerz mit mit geteilt haben. Das sind die Menschen, mit denen ich heute wieder unbeschwert lachen kann, denen ich vertraue und die für mich eine neue (Wahl)Familie darstellen.

Noch mehr Geschichten von Freunden und Freundschaften:

Ich habe viele Erinnerungen, die einerseits sehr schmerzhaft sind, aber mir andererseits auch zeigen, welch tolle Menschen ich in meinem Leben habe. 

Wie die Freundin, die sich mitten in der Nacht auf ihr Fahrrad setzte und zehn Kilometer in der ländlichen Einöde fuhr, um bei mir zu sein, nachdem ich über den Tod meines Vaters informiert wurde.

Die Freundinnen, bei denen ich erst einmal übernachten konnte und die mich schon ein paar Tage nach dem Tod meines Vaters zum Essen ausgeführt haben, um mich auf andere Gedanken zu bringen.

Oder das Gefühl der Hände auf meinen Schultern, die sich im Trauergottesdienst von hinten auf mich legten, um mir zu zeigen: Wir sind da. 

Letztlich habe ich in dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. Nicht nur, mit wem ich mich in meinem Leben umgeben möchte, sondern auch, dass es okay ist, loszulassen.


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