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Dominik* sitzt im Schneidersitz auf der Matratze in einer Ecke, vor ihm ein Teller, der mal voll mit Weihnachtsplätzchen war. Mit einem Fünf-Euro-Schein umgeht er geschickt die restlichen Kekskrümel, während er die dritte Line Ketamin des Abends zieht. Er lehnt sich schniefend zurück, kichert wie ein kleines Kind, das gerade seine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum gesehen hat. Es ist der 22. Dezember, ich bin zu Besuch in meiner alten Heimat. Während Dominik, den ich noch aus Schulzeiten kenne, den Teller weiterreicht, wird mir klar: Ich halte diesen Konsum nicht mehr aus.

Dabei war er lange Teil meines Alltags:

Ich war 15 Jahre alt, als ich Marie* auf einer Klassenfahrt kennenlernte. Sie war anders als meine Mitschüler: Während ich auf Dorfpartys rumhing, machte sie in Großstadtclubs die Nächte durch. Das Einzige, was jeder in unserer kleinen Stadt über Marie weiß, ist die Tatsache, dass sie Drogen nimmt. Marie hatte eine abgefuckte Coolness an sich, die mich faszinierte. 

Auch wenn ich Marie überhaupt nicht kannte, wollte ich, dass sie mich mag. Wir kamen in die gleiche Klasse, saßen nebeneinander, freundeten uns an. Durch sie lernte ich weitere Leute kennen, gab mein Bestes, um Teil dieser Clique zu werden. 

Ich ließ mich mitreißen, fing an, Techno zu hören, begann, zu rauchen und dieselben Klamotten zu tragen wie Maries Freunde.


Das erste Teilchen Ecstasy hielt ich plötzlich im Geschichtsunterricht in den Händen: Ich wollte ein Halsbonbon – stattdessen wurde mir eine Mischung aus MDMA, Kokain und Speed in die Hand gedrückt. Die anderen fanden das lustig, ich konnte den Witz darin nicht ganz verstehen.

Dabei kannte ich mich mittlerweile gut aus mit Drogen: In unserem Freundeskreis gab es fast kein anderes Gesprächsthema als Teilchen, LSD und Pep. Marie erzählte, was sie sich am Wochenende eingeworfen hatte, die anderen hatten ähnliche Geschichten parat oder planten schon den nächsten Exzess.

Anfangs hörte ich noch ganz gespannt zu, was meine neuen Freunde da erzählten: Wie es sich anfühlt, mit 75 Milligramm 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin im Blut auf der Tanzfläche zu stehen. Wie aufregend es sein kann, am Freitagnachmittag Ecstasy für das Wochenende zu besorgen. Wie man den Sonntagsblues, wenn der Serotoninspiegel im Keller ist, am besten übersteht. Ein, zwei Mal machte ich auch mit, probierte das Feiern auf Drogen aus. Ich verstand jetzt, warum sie konsumieren, hatte aber noch viel mehr Respekt davor bekommen.

Dieser Rausch ist die ultimative Ausflucht aus dem Alltag. Kein Wunder, dass man sich darin verlieren kann.


Ich bin dabei, als eine Freundin sich das erste Mal an MDMA probiert: Sie plappert auf mich ein, streicht mir ganz fasziniert durch die Haare, erzählt, wie gern sie mich mag. Wir haben eine aufregende Nacht, ich betrunken, sie auf MDMA. 

Ich halte sie im Arm, als sie beginnt traurig zu seufzen und zu weinen, weil die Wirkung der Pille nachlässt. Sie zittert stumm in der Kälte vor sich hin, möchte kein Wort mehr sprechen – eine meiner besten Freundinnen so zu sehen, tut verdammt weh.


Und je länger ich diese Menschen kenne, umso weniger verstehe ich, was sie da jedes Wochenende tun. Ihr ständiger Konsum widert mich langsam, aber sicher an: Ich sehe das falsche Glück, mit dem sie plötzlich aufgekratzt auf der Tanzfläche umherspringen. Ich sehe, dass Marie nicht nur mehr Gewicht, sondern auch immer mehr Haare verliert. Ihr Leben kreist um das nächste Wochenende und das nächste High. Auf mich wirkt es so, als füge sie sich mit jeder neuen Line Speed neue Wunden zu. Marie ist immer hart am feiern und noch härter gegen sich selbst.

Und ich? Sitze stumm daneben und unternehme nichts. Sehe zu, wie sich das Leben weiter um Speed und Pillen dreht, auch, als ein Bekannter von uns im Club zusammenbricht und nur überlebt, weil ein Sanitäter neben ihm an der Bar saß. Sage weder ihr, noch den anderen, dass ich mir eigentlich Sorgen um sie mache – weil ich ein Freund und kein Vormund sein will. Ich ziehe weg, in eine neue Stadt, höre immer weniger von Marie und dem Rest. 

An Silvester verbringe ich die halbe Nacht mit einer Studienfreundin in der leeren Badewanne, in der sie immer wieder bewusstlos wird.


Sie hat zu viel Ketamin gezogen, ist schweißüberströmt, kaum mehr ansprechbar – ich habe in dieser Nacht wirkliche, ehrliche Angst, dass sie sterben könnte. Nach diesem Abend beschließe ich, endlich mit meinen Freunden von Zuhause zu reden. 

Ein guter Freund zu sein, bedeutet auch, das Schwierige auszusprechen. Unbequem zu werden, das zu sagen, was die anderen vielleicht nicht hören möchten.


Marie hört mir schweigend zu, ist sehr verständnisvoll, auch die anderen geben zu: Wir haben es oft übertrieben. Sie wollen sich bessern. Sie trösten mich, als ich weine. Der Kontakt zu ihnen verliert sich trotzdem immer mehr – ich weiß nicht, ob sie immer noch im Exzess versinken. Ich weiß nicht mal, ob sie sich wirklich ändern wollen. Eigentlich will ich es gar nicht wissen – ich bin zu feige, habe die Scheuklappen aufgesetzt.

Und jetzt sitze ich hier, beim weihnachtlichen Treffen mit alten Schulfreunden in der Heimat. Dominik reicht gerade den Plätzchenteller, von dem er eben noch Ketamin gezogen hat, zurück. 

Und ich frage mich, wieso ich mich so lange nicht gewehrt habe, gegen dieses zelebrierte Ideal der "abgefuckten Coolness". Gegen den traurigen Zwang meiner Freunde, sich über bunte Pillen zu definieren und existenzielle Fragen mit einem 10-Euro-Schein und einer Line Speed wegzuschniefen.

Ich würde mich freuen, sie mal wieder zu sehen, meine Freunde von damals - nur sie, nicht das Hoch oder das Tief, sondern sie, die Menschen. Aber ich merke, dass die Hoffnung kleiner wird, mit jedem neuen Treffen und jeder weiteren Line. 

*Wir haben diese Namen geändert – die echten Namen sind der Redaktion bekannt. 


Haha

Sagt hier ein Muppet etwa "Fuck"? Alle streiten gerade über diese Audio-Illusion
Was hörst du?

An manchen Tagen stellt das Internet die ganz entscheidenden Fragen: Ist dieses Kleid zum Beispiel weiß-golden oder blau-schwarz? Sind diese Shirts pink-weiß oder grau-türkis? Oder hört man bei dieser Audiodatei "Yanni" oder "Laurel"?

Die simpel klingenden Fragen teilen die Menschheit, weil unser Gehirn eine ziemlich komplizierte Sache ist. Und es – je nach Gehör oder Blick unterschiedliche Antworten gibt: Manche sehen die eine Farb-Kombination, manche die andere. Manche hören den einen Ton, mache einen anderen.

Nun entzündet sich der Streit an einer ganz delikaten Frage: Sagt eine Puppe bei den Muppets tatsächlich "Fuck"?

Es geht um den Charakter Grobi, einen guten Kumpel von Kermit, dem Frosch. Der blaue Kerl ist in einer Szene zu sehen, in der er mit einer anderen Puppe über ein Selfie fachsimpelt. Grobi – im Englischen heißt die Figur "Grover" – sagt, die Kamera zu drehen sei eine großartige Idee.

Aber wie genau formuliert er das? Nutzerinnen und Nutzer hören zwei Varianten:

  • "Yes, yes, that’s a fucking excellent idea."
  • "Yes, yes, that sounds like an excellent idea."

Hier ist die Szene, in der Grobi angeblich fluchen soll: