Bild: Privat
Was geht, Deutschland?

Immer wieder streicht Ali sich durchs Haar und überprüft, ob es gut sitzt. Auch über sein Gewicht macht er sofort Witze. "Zumindest sehe ich heute nicht so fett aus", sagt er gleich zur Begrüßung. 

Der 25-Jährige ist generell sehr offen: "Ich bin kein 'durchschnittlicher' Syrer. Ich bin schwul und ich mache freizügige Kunst." Vor zwei Jahren ist er aus Damaskus nach Bayern gekommen. "Wenn du schwul bist und davon erzählen willst, ist das in einem konservativen Land schwierig."

Zwischenzeitlich hat Ali mit seinem Freund in Österreich gelebt, nach der Trennung ist er vor kurzem zurück nach München gezogen. Ali ist zwar in Syrien geboren, gehört aber zu einer Minderheit von Palästinensern, die im Zuge des Palästina-Krieges nach Syrien kam. 

Als Nachkomme von Palästina-Flüchtlingen ist er staatenlos. 

Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

Derzeit versucht der 25-Jährige, an einer Kunsthochschule aufgenommen zu werden. Nebenbei arbeitet er als Grafiker. An Deutschland gefällt ihm, dass sich so viele Leute für ihn, seine Heimat, das Essen und die arabische Kultur interessieren.

Seltsam findet er deshalb, dass die Deutschen sich aus sich selbst so wenig machen. Besonders fällt ihm das bei der Kleidung auf:

Ich glaube, Deutsche gehen das Anziehen sehr praktisch an. Man erkennt sie auch auf Reisen schon von Weitem an ihren Klamotten. Sehr viele Deutsche tragen diese Regenjacken. Ich habe das Gefühl, ihnen sind Farbe und Schnitt egal – Hauptsache es ist funktional. Warum tragt ihr so gerne Funktionsbekleidung?

Wir haben den Fashionblogger Frank Lin und die Soziologin Kornelia Hahn gefragt:

Was hat es mit der Liebe zur Regenjacke auf sich, Frau Hahn?
Prof. Dr. Kornelia Hahn

"Es ist fraglich, ob die beobachteten Deutschen ihre Regenjacken selbst als funktional bezeichnen würden. Von den TrägerInnen selbst kann dieser Stil etwa als 'casual look' verstanden werden und damit als ein Stil, der durchaus aktuellen Moderegeln folgt.

Aus der Perspektive derjenigen, die diesen Look tragen, muss dieser gar nicht unbedingt als Einheitslook erscheinen. Wahrscheinlich können einige auch bei einer 'Funktionsjacke' sehr genau nach einem Label oder einer Kollektion differenzieren und diese Unterscheidung ist für sie selbst bedeutungsvoll."

Das heißt, die Funktionskleidung ist für viele modisch?

"Genau. So gesehen versteht Ali die Signale, die die Regenjackenträgerinnen senden vielleicht nicht – aber das heißt nicht, dass sie nicht da sind. 

Lass uns Freunde werden!

Viele Deutsche könnten ja zum Beispiel auch eine Nikab-Trägerin kaum von der anderen unterscheiden. Menschen, die mit verschleierten Frauen aufgewachsen sind, sehen aber sofort, ob der Stoff teuer war, wie sich jemand darin bewegt und tausend andere kleine Zeichen."

Kornelia Hahn ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der Universität Salzburg. Sie forscht über Konsum, Beziehungsdynamiken und Mode als Kommunikationsmittel.

Frank Lin, warum tragen die Deutschen so gerne Funktionskleidung?

 "In Deutschland sind Klamotten eben Klamotten, ohne tiefere Bedeutung. Praktisch, funktional, bequem. Daher müssen Klamotten in erster Linie Funktion haben. Wärmend und wasserabweisend sein beispielsweise, mit genügend Stauraum für Portemonnaie und Smartphone.

Haben die Deutschen wirklich keine Lust auf klassische Mode?

Ein bisschen Farbe ist schon okay, aber alles getreu dem Motto "Weniger ist mehr“ und "Auf keinen Fall auffallen!“ Gibt es keinen ersichtlichen Anlass, sich besonders zu kleiden, wird einem schnell ein gewisser Geltungsdrang unterstellt.“

Frank Lin (Instagram: @frank_lin_de) ist Modedesigner und Blogger aus München. Er bloggt seit mehr als zehn Jahren, seit 2015 zusammen mit seinem Freund Philipp (Instagram: @livingwiththelins) auf "The Lins". Dort schreiben sie über Mode, Männerpflege und Politik. Funktionskleidung tragen die beiden nie.

Hast du auch Fragen?

Du bist auch nach Deutschland gekommen und findest etwas interessant, merkwürdig oder lustig? Du wüsstest gerne, was das soll oder wo es herkommt? Dann schreib uns an fuehlen@bento.de


Today

Ist ein dicker Bauch gefährlicher als Fett an Po und Hüften?
Klären wir das – ein für alle Mal!

In manchen Ländern ist ein dicker Bauch ein Zeichen von Wohlstand und Status. Doch je besser es den Menschen geht, desto unbeliebter wird er. Dann steht er für Trägheit und Übermaß, wird zu Wanze, Fettbauch, Plätze.

Polster an Hüften, Oberschenkeln und Hintern entsprechen dem weit verbreiteten Schönheitsideal schlanker Körper zwar genauso wenig. Aber Bauchfett soll nicht nur unerwünscht sein, sondern auch gefährlich.