Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss.

Wenn zwischen zwei Verabredungen noch Zeit ist, der Bus erst in ein paar Minuten kommt, daddeln wir am Handy. Am Abend nichts vor? Dann halt etwas auf dem Laptop streamen. Wochenende und gerade nichts zu tun? Warum nicht einen Smoothie mixen, lernen, abwaschen, joggen? 

Aber dann gibt es diese Zeit, die sich mit nichts von dem füllen lässt. Nichts. Dann ist sie da: die Langeweile. 

Ich fürchte mich davor. Vor dem Unbeschäftigtsein. Ich meine nicht Ungeduld, das ist etwas anderes. 

Ich rede von der bedrohlichen Planlosigkeit. Von der unbeantworteten Frage, worauf ich jetzt Lust habe. Ich werde unzufrieden und gehe die Optionen durch, was ich jetzt machen könnte. Um festzustellen, dass ich mich zu nichts aufraffen kann. 

Ich kann nur schwer mit Leerlauf umgehen. Dabei soll genau das wichtig sein für die Entspannung. Nur: Wozu zur Hölle?

Das haben wir Martin Doehlemann, 77, gefragt. Er hat sich intensiv mit Langeweile beschäftigt und darüber ein Buch geschrieben. Doehlemann lehrte außerdem Soziologie am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster. 

Wie beschreiben Sie Langeweile?

"Ganz allgemein: als Zustand der Erlebnisarmut."

Immanuel Kant beschreibt Langeweile als "Vorgefühl eines langsamen Todes". Was halten Sie davon?

"Ich finde das übertrieben. Langeweile ist ein unruhiger Stillstand, kein Tod."

Sie unterscheiden zwischen vier Arten von Langeweile, richtig?

"Genau. Die Gelegenheitslangeweile zum Beispiel ist das, was uns überfallen kann, wenn wir im Wartezimmer sind oder im Stau. Wenn es gilt, eine Zeit zu überbrücken und wir keinen Ausweg haben. 

Dann gibt es noch die überdrüssige Langeweile, sie ist gegenstandsbezogen. Etwas Bestimmtes langweilt mich dann. Das kann ein Mensch sein, seine Gesprächsthemen, vielleicht Teile meiner Arbeit.

Die existenzielle Langeweile ist dagegen Ich-bezogen. Da habe ich Gefühle einer angespannten inneren Leere, in der ich mit mir und meiner Zeit nichts anzufangen weiß. Ein Warten ohne Erwartung. Eine unruhige Leblosigkeit. Ein leeres Sehnen. Man bemerke die Widersprüchlichkeit.

Dann gibt es noch die vierte Variante: die schöpferische Langeweile. Sie ist verwandt mit der existenziellen, ein unruhiges Nichts, das uns bedrückt, aber sie kann auch ein Zustand der Empfänglichkeit sein. Die leergeräumte Seele ist offen für Dinge im Umgang mit sich selbst."

Die Langeweile im Stau oder Wartezimmer ist ja schnell beseitigt.

"Richtig. Mit sozialen Medien ist sie leicht zu überbrücken. Meiner Meinung nach ist das ein Verlust. 

Früher hätte man vielleicht die Wolken betrachtet oder den Lichtschein in einer Wasserpfütze.

Unter solchen Umständen konnte sich viel leichter eine schöpferische Langeweile entwickeln, aus der die besten Ideen entstehen."

Warum leiden manche Menschen mehr unter Langeweile als andere?

"Wenn wir von der existenziellen Langeweile sprechen, liegt das unter anderem daran, dass in der Moderne alles immer wieder neu und aufregend sein soll. Spaß ist ein modernes Menschenrecht geworden. Uns wird ununterbrochen versprochen, dass wir durch Produkte Glück und Lebenszufriedenheit gewinnen können. Was aber die meisten ebenso wissen: Glück ist nicht käuflich. Und wer dauernd bloß auf Spaß aus ist, dem wird vieles langweilig vorkommen."

Wir leben in einer Zeit, in der man jeden Genuss sofort will. Viele wissen gar nicht mehr, wie man ohne Konsum genießt. Das heißt, wir verlieren, was früher eine große Rolle gespielt hat: Vorfreunde, Erwartungen zu hegen. Wenn uns der Mund wässrig wird, strecken wir direkt etwas hinein. Das sind latente Umstände, die uns diesen Verdruss über unsere Welt verursachen. Wir sollen ständig große Emotionen haben, die sind aber meist nur oberflächlich.

Das klingt nach einem Teufelskreis. Wie geht man mit Langeweile um, wenn man nicht auf ein Display starren will? Einfach in den Himmel schauen?

"Ja. Sich von Kleinigkeiten beeinflussen zu lassen, zum Beispiel mit dem Blick für die unscheinbaren Schönheiten unseres Lebens durch Straßen zu schlendern oder auf einen Berg zu steigen. Wer sich Kleinigkeiten hingibt, merkt schnell: Auf einmal ist mir nicht mehr langweilig."


Gerechtigkeit

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