Bild: Annika Krause
Ein Plädoyer für mehr Muße

"Mamaaaa, mir ist laaaangweilig." Wie oft habe ich früher diesen Satz gesagt. Eine Aufforderung, sich mit mir zu beschäftigen. Dabei war mein einziges Problem: Soll ich mit Puppen oder Lego spielen, basteln oder mich verkleiden? Die Langeweile war mein ständiger Begleiter – es waren endlose Momente, in denen sich die Uhr über der Tafel im Unterricht rückwärts zu drehen schien, oder sich der lang ersehnte Familienurlaub schon nach wenigen Minuten im Auto in ein niemals zu erreichendes Ziel verwandelte.

Heiligabend war immer der längste Tag im Jahr.

Früh bin ich aufgewacht und habe mir heimlich den Weihnachtsbaum mit den darunter liegenden Geschenken angeschaut. Es machte sich eine Aufregung in mir breit, die sich den ganzen Tag über steigerte. Ausnahmsweise durfte ich ganz viele Lebkuchen, Spekulatius und Zimtsterne essen, und der Fernseher lief auch länger als eine halbe Stunde.

Doch weder Sissi, noch Madita oder die Kinder von Bullerbü ließen den Moment der Bescherung schneller kommen. Diese Langweile war müßig und zäh, schön und nervig zugleich: Ich hatte nichts anderes zu tun, als mich zu freuen.

Aber je mehr ich mich freute, desto langsamer verging die Zeit.

Definition

Langeweile, auch (österr.) Fadesse, ist das unwohle Gefühl, das durch erzwungenes Nichtstun hervorgerufen wird oder bei einer als monoton oder unterfordernd empfundenen Tätigkeit aufkommen kann.

Ich bin schon lange nicht mehr von alleine aufgewacht. Normalerweise reißt mich mein Wecker aus dem Schlaf, der erste Blick gilt dem Handy: Bei Whatsapp wartet eine rote 27 und fünf Push-Benachrichtigungen informieren mich über schlechte Neuigkeiten auf der Welt. Noch ein mal auf die Schlummertaste drücken, nur ein einziges Mal, dann geht es wieder los.

Keine Zeit, zu frühstücken. Keine Zeit, meine Post durchzuschauen, keine Zeit mit Frau Müller im Treppenhaus zu schnacken. Keine Zeit. Ständig habe ich keine Zeit!

Jede freie Minute ist verplant mit Terminen. Verabredungen, die eigentlich Spaß machen sollten. Aber alles ist Stress.

Ich habe das Gefühl, mein Leben wurde auf Zeitraffer gestellt.

Wann sind meine Hobbys und Freunde auf der To-do-Liste gelandet? Wo sind die Tage geblieben, in denen ich aufwache und mir überlege, worauf ich Lust habe?

Puppen oder Lego, ein Buch lesen oder ins Museum gehen? Wo ist der Gedanke: "Mir ist langweilig, was will ich machen?" Ich will mich nicht zwingen müssen, nichts zu tun. Andersrum: Ich möchte etwas tun wollen, weil ich nichts zu tun habe. Dafür aber müsste ich es erst mal zulassen, nichts zu tun zu haben.

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Denn: Sobald ich meine To-do-Liste auf vertagbare Aufgaben reduziert habe, werden die aufkommenden Langeweile-Löcher gestopft. Stumpf schalte ich die 21. Folge "O.C., California" ein, tippe aber parallel alle fünf Minuten bei Facebook auf aktualisieren. Ich stelle fest, dass niemand etwas Neues gepostet hat, während sich Marissa und Ryan zum gefühlt 37. mal ihre Liebe gestehen.

Meinen Freunden habe ich gesagt, dass ich noch super viel erledigen muss. Ja schon, aber das Bett ist wirklich bequem und das Bad kann ich auch noch morgen zwischen der Arbeit und dem Zahnarzttermin putzen.

Warum habe ich nichts zu tun? Kann ich nichts mit mir anfangen? Und vor allem: Was will ich eigentlich?

In meinem Kopf passiert unterdessen: nichts. Ich zwinge mich zwar, nichts zu tun, aber ich kriege es nicht hin, dieses Heiligabend-Langeweile-Gefühl.

Denn ich tue nicht nichts: Ich trödel herum, vertue Zeit. Ist das die neue Langeweile? Noch ein YouTube-Video, eine Instagram-Story, ein Gif auf 9GAG. Oder ist es Verdrängung?

Das Gefühl, zu viel Zeit, zu viele Möglichkeiten zu haben, ist mir irgendwie unangenehm geworden.

Warum habe ich nichts zu tun? Kann ich nichts mit mir anfangen? Und vor allem: Was will ich eigentlich?


(Bild: Giphy )

Andererseits würde mir das Zulassen dieses Gefühls eine große Freiheit zurück bringen. Die Freiheit, meine Zeit zu gestalten und zu genießen. Warum fällt mir das so schwer?

Vielleicht, weil es kaum noch Deadlines gibt, ich kann immer alles machen. Der Supermarkt hat ewig auf, die Mediatheken sind ständig verfügbar, mein Handy ist permanent online.

Ich mache alles gleichzeitig, nebenbei.

Wie soll da noch Vorfreude entstehen? Erst wenn ich mich wieder bewusst dazu entscheide, wann ich was mache, bekomme ich eine neue Chance auf das Heiligabendgefühl. Das Gefühl, dass ich auf etwas Tolles warte.

Vorfreude, dass ich mich morgen mit einer guten Freundin treffe – weil ich sie gern sehen möchte, und nicht, weil wir uns schon viel zu lang nicht gesehen haben. Vorfreude auf den Tatort am Sonntag, den ich um viertel nach Acht auf dem Ersten sehen kann, und nicht irgendwann zwischendurch in der Mediathek, wenn ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Vorfreude, mir morgen endlich Zeit dafür zu nehmen, ein neues Buch anzufangen.

In ein paar Tagen ist Weihnachten: Ich werde mit dem Zug in meine Heimat fahren. Fünf Stunden verschwendete Zeit eigentlich. Deshalb nehme ich mir immer ein Buch und meinen Laptop mit – falls mir langweilig wird. Doch dieses Jahr mache ich es anders: Ich werde versuchen, mich auf die monotone Bewegung des Zuges, die vorbeirauschende Natur einzulassen. Ich möchte es genießen, aus dem Fenster zu starren und meine Gedanken ziehen zu lassen.

Vielleicht schaffe ich es sogar, diese Ruhe mit nach Hause zu nehmen. Denn ich habe einen Plan für die Feiertage: intensives, ausgeprägtes Langweilen. Der Heiligabend soll wieder zu einem langen Tag werden. Aber das schreibe ich nicht auf meine To-do-Liste.


Today

Was wir über Anis Amri wissen – und was unklar ist

Seit Mittwoch ist Anis Amri zur europaweiten Fahndung ausgeschrieben. Der Tunesier wird verdächtigt, hinter dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zu stecken. Bei der Tat fuhr ein Lkw quer über Buden auf dem Weihnachtsmarkt, zwölf Menschen starben, Dutzende wurden verletzt.

Über Amri sind inzwischen einige Fakten bestätigt – es kursieren aber auch Gerüchte. Bislang ist nicht erwiesen, dass Amri den Lkw fuhr. Er sei jedoch "dringend tatverdächtig", schreiben Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt in ihrem öffentlichen Fahndungsaufruf (tagesschau.de).