Es scheint, als gäbe es in diesem Internet nur noch zwei Arten von Nutzern. Solche, die andere mittels Fotos ins Schlafzimmer, Beziehungsleben und den Familienurlaub auf Sizilien mitnehmen – und jene, die genau darauf keinen Bock mehr haben.

Wer kann es letzteren verübeln, schließlich weiß niemand genau, wer sich über ein Posting das Maul zerreißen könnte. Die ehemalige beste Freundin? Der Exfreund? Die Schwiegereltern? Manchmal scheint die ganze Welt zuzusehen. Einfach abmelden und sich zurückziehen? Das ist – trotz aller Bedenken – keine realistische Option.

In vielen Branchen, Unternehmen und bestimmten Kreisen gehört es dazu, Gesicht zu zeigen, gefunden zu werden, präsent zu sein. Auch fernab der Journalismus-Bubble. Potenzielle Auftraggeber wollen genauso wie Liebhaber wissen, mit wem sie es zu tun haben. Und wo sieht man das besser, als auf einem der vielen Social-Media-Profile?

Wenn schon Gesicht zeigen, dann das eigene

Die Herausforderung ist, eine Balance zwischen gelebtem Narzissmus und sympathischer Selbstrepräsentation zu schaffen. Nicht selten kommt der Vorwurf, die Darsteller würden aus übersteigertem Selbstwertgefühl um sich selbst kreisen, Selfies seien nur ein Produkt aufmerksamkeitshungriger Jugendlicher. Dabei ist genau das zu kurz gedacht.

Wer mit der eigenen Person in die mediale Offensive geht, kann das preisgeben, was er möchte – und so Kontrolle über das Fotomotiv und im besten Falle auch den eigenen Gemütszustand behalten. Schließlich präsentiert man auf seinem Kanal nichts, was Menschen im näheren Umfeld nicht ohnehin sehen würden: Make-up, frisierte Haare und ordentliche Schuhe zum Beispiel.

Während Freunde, Beziehungen und Arbeitskollegen für viele Twenty-Somethings austauschbar sind, kann man sich zumindest darauf verlassen, bis zum Ende des Lebens in der eigenen Haut aufzuwachen. Rückschläge, Trennungen, aber auch Umzüge und neue Bekanntschaften werden mit dieser Taktik aus den sozialen Netzwerken herausgehalten.

Selbstfokussierte Accounts sind eine Möglichkeit, Beziehungen zu schützen - und trotzdem präsent zu sein

Allzu Privates verbirgt sich 2016 erfolgreich hinter Selfies, dem Tagesoutfit oder schicken Abendessen. Stets im Wissen darüber, dass wir mehr sind als das Offenbarte: Partnerin, Mutter, Freundin. Nur eben nicht für unsere Follower.

Bei näherer Beobachtung wirkt es fast so, als ob immer mehr Social Media begeisterte Menschen umdenken würden. Weniger intime Fotos, dafür mehr Blumengedecke. Gepostet wird: die Morgenroutine, das Frühstück, der Arbeitsplatz, das Lieblingsbuch. Nichts davon ist verfänglich.

Das, was den voyeuristischen Nutzer tatsächlich interessiert, bleibt verborgen. Wer morgens mit im Bett lag, zum Beispiel. Wer das Foto mit dem Müsli in der Hand gemacht hat. Wie das Event weiterlief, nachdem der offizielle Part vorbei war und man mit dem Arbeitskollegen auf der Tanzfläche verschwand.

Der Trend geht dahin, manche Dinge bewusst wegzulassen. Das wirkt oberflächlich, ist aber vor allem: klug. Die Follower werden so bei der Stange gehalten, ohne wirklich nah ranzukommen.

Jetzt, wo jeder alles jederzeit streamen und veröffentlichen kann, wollen das einige nicht mehr. Die kurzen Momente der Privatheit sind kostbarer geworden.

Onlineselbstbestimmung vom Feinsten
Das bin ich. Ich im Urlaub. Ich im Bett. Ich mit dem Hund meiner Nachbarn.

Früher sammelte man fleißig Freunde und Fame, heute geht die Tendenz Richtung Zurückhaltung. Fotos von den Liebsten werden anderen bewusst vorenthalten, um wenigstens irgendetwas nur für sich zu haben – und nicht auch noch den letzten Funken Intimität im Internet zu verschenken.

Selbiges gilt für Wohn- und Schlafzimmer – absolute Social-Media-No-Go-Areas. Das sagt beispielsweise auch Influencerin Milena (@MilenaleSecret) zu Bento: "Ich würde jetzt keine Fotos von meinem Bett zeigen, oder dem Nachtkästchen. Das geht zu weit."

Ausgerechnet die jungen User zwischen 18 und 30 also, denen man lange Zeit Sorglosigkeit und einen unkritischen Umgang mit sozialen Medien vorwarf, stellen nicht mehr alles ist Netz. Keine Bilder mit dem Freund oder der Freundin, keine Jahresfeiern an gedecktem Tisch, keine Hände, die gehalten werden.

Stattdessen: Menschen, die Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen ausblasen. Alleine. Fotos mit Urkunden in der Hand, zum bestandenen Studienabschluss. Analoge Passfotos aus dem Automaten für zwei Euro.

In der Fotostrecke: Alles Gute zum Geburtstag, von mir für mich
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Social Media hat uns zu Industrieschauspielern gemacht. Vielleicht sollten wir erst über diese Entwicklung nachdenken, bevor wir uns darüber wundern, dass Menschen keine Lust mehr haben, ihre Beziehungen ins Internet zu stellen.

"Mit wem ist die denn zusammen?", "Kennst du den noch?", "Schau, wo die letztens mit Martin war!"

In einer Neidgesellschaft, in der niemand irgendjemanden irgendetwas gönnt, reicht ein Selfie pro Woche allemal. Es muss nicht das Freundschaftsfoto aus den Bergen sein.


Fühlen

Wie spricht man mit Menschen, die einen Terroranschlag erlebt haben?
Pastor Felix Padur, 28, aus Ansbach gibt sieben Tipps

Normalerweise kümmert er sich um Jugendfreizeiten und seine Gemeinde in Ansbach. Seit dem Anschlag bei einem Festival in der mittelfränkischen Kleinstadt hat Pastor Felix Padur, 28, eine zusätzliche Aufgabe: Er betreut diejenigen, die den Terroranschlag erlebt haben und leistet Seelsorge.

Wir haben mit Padur gesprochen. Hier sind seine Tipps: