Bild: Netflix
Wir müssen reden. Über Mobbing.

Meine Schulzeit war die Hölle. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, Angst vor der Schule zu haben, Angst vor den anderen. Als ich viele Jahre später darüber schrieb, bekam ich noch immer Nachrichten von ehemaligen Mitschülern, was für eine Fotze ich sei, wie scheiße, dumm und hässlich. Niemand hat sich je entschuldigt. Niemand kam je auf die Idee, mich zu fragen, warum ich damals so verzweifelt und wütend war. Ich verdränge diese Zeit – meistens.

Warum gab es "Tote Mädchen lügen nicht" nicht schon zu meiner Schulzeit?

Dann kam "Tote Mädchen lügen nicht". Unverhofft brutal, unerwartet nah. Und da war sie plötzlich wieder: Meine Schulzeit und all die Gefühle.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Es gibt ziemlich viele Menschen, die sagen, dass es eine Serie wie "Tote Mädchen lügen nicht" nicht geben dürfe. Dass sie Suizid romantisiere, dass sie zu krass und zu übertrieben sei. Denen möchte ich sagen: Nichts davon ist übertrieben, nichts romantisiert. Es ist eine Serie, von der ich mir in meiner Schulzeit gewünscht hätte, dass es sie schon gegeben hätte. 

Nach meinem ersten Kuss lachte die halbe Schule den Jungen aus, der mich geküsst hatte. Sie sagten, wie eklig es sei, dass er mich überhaupt angefasst habe. Sie riefen mir hinterher, wie hässlich ich sei, wie abstoßend. 

Als ich das erste Mal verliebt war, erzählte der betreffende Junge es seiner ganzen Stufe. Sie eröffneten einen Beitrag in einem Forum, um darüber zu reden, wie lächerlich ich sei, wie peinlich.

Als ich einen Preis für einen Text in einer Schülerzeitung gewann, warteten danach ein paar Jungs von meiner Schule auf mich, um mich zu beschimpfen, zu schubsen und zu demütigen. 

Als es einen schweren Krankheitsfall in meiner Familie gab und ich deshalb oft zu spät oder gar nicht in die Schule kam, vertraute ich mich einer Mitschülerin an – die allen bei der Abi-Fahrt davon erzählte und sich darüber lustig machte. 

Als ich mich unserem Direktor irgendwann anvertraute und mit ihm darüber sprach, dass ich depressiv sei und Medikamente nähme und deshalb oft im Unterricht einschliefe oder zu spät käme, sagte er mir, ich solle mich mal zusammenreißen. 

Nach meinem ersten Kuss lachte die halbe Schule den Jungen aus, der mich geküsst hatte.
Kathrin Weßling

Mobbing und Hass töten Menschen. Es macht sie depressiv, es verändert sie. Es frisst sich wie Säure in den Kopf und zerstört alles Schöne und Naive. 

Mobbing führt dazu, dass ein Mensch lernt, dass die Anderen die Hölle sein können. 

Dass es Menschen gibt, die Freude dabei empfinden, wenn du weinst und dich zurückziehst. Wenn du Panikattacken hast und dich nicht mehr in die Schule traust. Es lehrt dich, dass es Menschen gibt, die dich einfach hassen. Nur, weil du existierst. 

Viel zu lange wurde dieses Thema einfach weggenuschelt, in die Tiefen des Privatlebens gestopft. Es gab höchstens ab und zu ein kleines Anti-Mobbing-Seminar an der Schule. Oder einen Vertrauenslehrer oder eine Vertrauenslehrerin, die sagten: Hm, irgendwas läuft falsch. Es dauerte Jahrzehnte, bis auch die letzte Lehrerin und der letzte Lehrer verstanden, dass Mobbing etwas ist, das es an jeder Schule gibt und das nicht okay ist. Sondern eine Gefahr und eine Bedrohung für die Menschen, die eigentlich von ihnen geschützt werden müssten. 

"Tote Mädchen lügen nicht" zeigt, wie es ist, wenn jeder Tag aus Stacheldraht ist.

"Tote Mädchen lügen nicht" übertreibt nicht. Es beschönigt und relativiert nichts. Die Serie zeigt ganz einfach, wie es ist, wenn jeder Tag aus Stacheldraht ist, wenn jeder Schritt wie balancieren auf einem brennenden Seil ist. Die einen schaffen es auf die andere Seite, weil dort Freunde sind, die einem die Hand reichen, weil dort das Ende der Schule wartet, weil dort endlich Ruhe ist - und die anderen stürzen ab

Kritik an der Serie

An "Tote Mädchen lügen nicht" gibt es deutliche Kritik von Ärzten und Psychiatern. Denn die Forschung zeigt: Die genaue Darstellung von Suiziden kann zu mehr Suiziden führen. Umgekehrt können Berichte über Auswege aus Krisen dabei helfen, Suizide zu verhindern. (Ärzteblatt)

Nach dem Start von "Tote Mädchen Lügen nicht" sind in den USA die Suchanfragen nach Suizid und konkreten Methoden um ein Fünftel gestiegen - so viel wissen die Forscher schon. Ob die Serie zu mehr Suiziden führt, muss noch erforscht werden. Bisher ließ sich in solchen Fällen ein kausaler Zusammenhang feststellen. (The Atlantic)

Suizid ist die zweithöchste Todesursache weltweit für 15-29 Jährige. (WHO)

Das ist eine Tatsache, die sicher nicht jedem gefällt. Suizid bei Kindern und Teenagern ist ein Thema, mit dem sich niemand gerne beschäftigt. Aber die Wahrheit ist: Die Zahl der Suizide steigt. Und wir dürfen nicht wegsehen, wir dürfen nicht schweigen darüber. Wir dürfen nicht so tun, als seien Suizidgedanken etwas, auf das Mobbing-Opfer nur kommen könnten, weil sie eine Serie schauen. Das explizite Zeigen eines Suizids ist etwas, das einem auch früher oder später irgendwo in diesem Internet begegnen könnte. Wie viel besser ist es, wenn das Ganze in einer Serie vorkommt, die auch Hintergründe und Ursachen erläutert? Und zeigt, was so ein Suizid mit den Hinterbliebenen macht? 

Wünschenswert wäre lediglich, dass Netflix sich an internationale Standards hält und im Abspann und auch vorab darauf hinweist, dass es Hilfe gibt. Und diese Hilfe und entsprechende Stellen auch benennt. 

Und guess what: Suizidgedanken haben Kinder und Jugendliche auch ohne Netflix. Sie haben sie auch ohne Social Media. Sie haben sie auch ohne Internet. Woher ich das weiß? Weil es in meiner Schulzeit weder Facebook noch Streamingdienste gab. Und ich trotzdem eine lange Zeit darüber nachdachte, dass es wirklich besser wäre, nicht mehr da zu sein. Und ich bin bei weitem nicht die einzige, der es so ging.

Hätte es damals "Tote Mädchen lügen nicht" gegeben, hätte ich zumindest gewusst, dass ich nicht alleine bin mit all dem. Dass es andere gibt, denen es genau so geht. Dass es nicht wahr ist, wenn Menschen dir sagen, dass du hässlich und nicht liebenswert bist. All das hätte ich verstehen können. All das hätte mir vielleicht ein wenig Mut gemacht. Die suizidalen Gedanken, sie waren so oder so da. Aber ich wäre damit nicht ganz so allein gewesen. 

All das hat sich in meinen Kopf gebrannt und vergiftet mich bis heute. Ich brauchte Jahre, um mich nicht mehr selbst zu hassen, um nicht mehr das Gefühl zu haben, ekelhaft und abstoßend zu sein. 

"Tote Mädchen lügen nicht" zeigt meine Realität – und wie es hätte enden können. 

Ich habe es irgendwie durch die Schulzeit geschafft, aber die Narben daraus trage ich bis heute. Ich sehe sie jeden Tag. Zu glauben, dass eine Serie das alles schlimmer gemacht hätte oder mich dazu gebracht hätte, mich umzubringen, ist so naiv, wie anzunehmen, dass Mobbing nicht todkrank macht. Es wird Zeit, dass Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen und alle anderen das verstehen: Mobbing tötet. Es tötet jeden Tag ein bisschen. Und manche von uns am Ende ganz.

Suizid - Hilfe in scheinbar ausweglosen Lebenslagen

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