Bild: Unsplash, Privat/ Montage: bento

Roberto ist in Chile geboren und aufgewachsen. Vor sechs Jahren lernte er dort auch seine deutsche Ehefrau auf einem Blind Date kennen. Nach dem ersten Kind ergab sich für Robertos Frau die Möglichkeit, einen Job in Deutschland anzunehmen. "Meine Frau hatte meine Kultur kennengelernt. Nun fand ich, dass es an der Zeit war, auch ihre Kultur kennenzulernen", erinnert er sich. Er kündigte seinen Job in Chile und zog mit seiner Frau und der damals einjährigen Tochter nach Hamburg. Vier Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile hat sich Roberto in Deutschland gut eingelebt und sich an die neue Kultur gewöhnt. Einige Dinge wundern ihn allerdings immer noch.

Zum Beispiel, auf der letzten Grillparty...

🇩🇪 Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

"Meine Frau und ich haben ein paar deutsche Freunde zum Grillen zu uns nach Hause eingeladen. Einige brachten auch noch andere Freunde mit, die ich noch nicht kannte. Erst mal musste ich den elektrischen Grill zum Laufen bringen. Für einen Chilenen, der von zu Hause nur Kohle-Grills kennt, ist das eine echte Herausforderung. Dann kamen die Gäste zu mir und legten ihr Fleisch auf den Grill – bis dahin nichts Überraschendes für mich.

Da ich mein Fleisch gerne etwas roher mag, ging ich nach einiger Zeit zum Grill und nahm mir ein Steak. Als ich mich hinsetzte, um es zu essen, wies mich ein Kumpel, mit dem ich mich unterhielt, sehr höflich darauf hin, dass es sein Steak sei, das ich gerade esse. 

Das habe ich zuerst überhaupt nicht verstanden. Ich komme aus einem Land, wo die Gäste an einem Grillabend alle etwas mitbringen, und es auf den Grill legen. Jeder nimmt sich dann normalerweise das, was er möchte. Der Moment, an dem ich herausgefunden habe, dass in Deutschland jeder sein eigenes Essen mitbringt und am Ende auch nur genau das isst, war sehr peinlich für mich. Heute lache ich schon darüber, wirklich verstehen tue ich diese Verhaltensweise allerdings nicht."

Wir haben eine Expertin gefragt: Sind Deutsche beim Essen Egomanen, die nur an sich denken und ungern teilen?

Dr. Pamela Kerschke-Risch forscht an der Universität Hamburg zur Ernährungssoziologie. Sie sagt, dass beim Essen in erster Linie die physiologischen Bedürfnisse des Essenden bedient werden. Der soziale Aspekt des Essens ist generell wichtig, hängt jedoch von den historischen und gesellschaftlichen  Umständen ab. 

Da ein genährter Mensch allerdings besser gelaunt ist als einer, der Hunger hat, wurde das Essen im Laufe der Zeit zu einer sozialen Handlung. "In Politik und Wirtschaft werden häufig Essenstermine vereinbart, um Dinge zu besprechen und Probleme zu lösen. Gemeinsames Essen symbolisiert eine gewisse Verbundenheit", sagt Kerschke-Risch. Ob jemand lieber allein, oder in Gesellschaft esse, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

In Deutschland genieße das Essen im Vergleich zu anderen Ländern auf der Welt allerdings einen geringeren Stellenwert. "Das sieht man vor allem daran, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern deutlich weniger Geld für Lebensmittel ausgibt. In vielen Staaten gehört das Essen zur Lebensart und Kultur. Bei uns hingegen ist es eher Mittel zum Zweck," sagt Kerschke-Risch.

Wie viel Geld geben Europäer für Lebensmittel aus?

Die Europäische Zentralbank hat im April 2013 Zahlen zum Lebensmittelverbrauch im Euro-Raum veröffentlicht (EZB). Deutsche Staatsbürger geben demnach rund 15,6 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Im Vergleich zu anderen Euro-Staaten gaben nur die Menschen in Luxemburg (15 Prozent) und den Niederlanden (12,6 Prozent) noch weniger Geld für Essen aus. In Spanien (24,2 Prozent), Italien (20,3 Prozent), Portugal (29,8 Prozent) und Griechenland (28,8 Prozent) investieren Menschen deutlich mehr Geld in ihre Nahrung.

Deutschland bestehe laut der Soziologin eher aus einer Individualgesellschaft. 

Gründe für die stärkere Betonung der Individualität seien beispielsweise in der starken Ablehnung der Vergangenheit zu sehen. "Im militaristisch geprägten deutschen Kaiserreich wurde Uniformität statt Individualität als Ziel angesehen. Im Nationalsozialismus galt: Du bist nichts, dein Volk ist alles, das heißt, Individualität war aus politischen Gründen nicht gewollt. In der ehemaligen DDR wurde das Kollektiv ganz klar über das Individuum gestellt", sagt Kerschke-Risch. 

Aus diesen Erfahrungen könne man in Deutschland deshalb eine harte Abkehr von den alten Systemen erkennen. Individualismus und Eigenverantwortung seien gewollt und würden gefördert, was sich bereits in der frühkindlichen Erziehung zur Selbständigkeit zeige. Auch bestehe traditionell in der Bundesrepublik ein eher geringerer familiärer Zusammenhalt, der sich vorrangig auf die Kernfamilie beschränke. 

"Eine Gemeinschaft, wie sie in anderen Ländern herrscht, gibt es nicht wirklich", so Kerschke-Risch. Und auch der eigene Teller mit der eigenen Portion fungiere als eine Art individuelle Abgrenzung. Der deutsche Soziologe Georg Simmel sagte schon 1910, dass ein Teller das Bedürfnis nach Individualismus bediene. Der Tellerrand stelle eine klare Grenze da, über die man nicht hinausgreife.

Würde doch einmal geteilt, achte der Deutsche stark auf hierarchische Prinzipien. Dem guten Freund, oder dem Familienmitglied würde man eher eine Pommes klauen als dem Chef – oder einer anderen Status-höheren Person. In anderen Ländern sei es üblich, dass verschiedenste Gerichte auf dem Tisch stünden, von denen sich jeder nehmen könne - egal, welchen sozialen Stand er habe.

"Deutsche ordnen außerdem der Planbarkeit und der Portionierung ihrer Mahlzeiten einen sehr hohen Stellenwert zu. Das ist eigentlich unnatürlich. Durch die deutsche Sozialisation wird es den Menschen allerdings anerzogen." 

Die deutschen Essgewohnheiten haben sich natürlich im Laufe der Zeit entwickelt – und auch das dazugehörige Statusdenken. "Zur Barockzeit und im Mittelalter wurde in Deutschland aus einer Schüssel gegessen. Jeder bekam einen Löffel, mit dem er dann aus dem großen Topf aß. Dies galt als bäuerlich, ungebildet und ärmlich", meint Kerschke-Risch. Der Adel grenzte sich mit seinen Tischsitten nach unten ab, das Bürgertum eiferte dem Adel jedoch nach und kopierte im Laufe der Zeit Verhalten und Gerätschaften wie Bestecke, Gläser, und Teller. "Dieses Phänomen, dass Gewohnheiten statushöherer Personen nachgeahmt werden, lässt sich auch heute auch noch in Mode, Ess- und Trinkgewohnheiten beobachten", sagt die Expertin.

Im Zuge der Erkenntnis um Krankheitserreger und deren Übertragung sei im 19. Jahrhundert auch der hygienische Aspekt in den allgemeinen Fokus gerückt worden. Auch deswegen teile der Deutsche heute nur noch sehr ungern den Teller und noch weniger die eigene Gabel, oder die Lebensmittel.

Vielleicht erklärt sich auch so, warum Deutsche bis heute viel Geld für Equipment ausgeben – und damit dann günstiges Essen zubereiten.

"Die Deutschen sind eher bereit, viel Geld für Technik auszugeben, deshalb entstehen lustige Paradoxien: Dass auf dem 1000 Euro teuren High-Tech Grill das billig-Schweinefleisch aus dem Supermarkt gegrillt wird, ist keine Seltenheit." 

Doch auch in den deutschen Küchen ändert sich etwas:

In den letzten Jahren sei zu beobachten, dass Themen wie Umwelt, Tierwohl und Gesundheit an Wichtigkeit gewinnen. Zu einer erhöhten Bereitschaft, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben, führe dies allerdings bis jetzt nur bei wenigen. Es gebe hier einen großen Unterschied zwischen den verschiedenen Generationen. "Die Nachkriegsgeneration und Baby-Boomer haben von ihren Eltern eher noch vermittelt bekommen, dass Essen knapp und wertvoll ist. Diese Menschen sind besonders für "Masse statt Klasse"-Angebote anfällig", sagt Kerschke-Risch. Sie würden außerdem Angst haben, beim Essen benachteiligt zu werden, oder dass jemand anderes besser behandelt werden könne. Die jüngeren Generationen seien hingegen aufgeschlossener.


Tech

Warum uns Instagram so schlecht zu kennen scheint
Zimmerpflanzen – ja, okay. Poker? Niemals!

Meinen Tag beginne ich am liebsten mit einer Zeitschrift, gerne über Fotografie. Dann ziehe ich mir meine Gothic-Kluft an und gieße behutsam meine Kakteengewächse, während ich das Album "Nude" von VAST höre. Abends treffe ich meine Freunde für eine schöne Runde Poker – auch wenn ich mich weniger fürs Gewinnen interessiere als für die schönen Spielkarten. Zum Tagesabschluss schaue ich mir noch den Sonnenuntergang an. Warm genug ist es dafür – schließlich lebe ich in Griechenland.

Man muss mich nicht besonders gut kennen, um zu wissen, dass diese Beschreibung nicht im Geringsten auf mich zutrifft. Doch wenn man Instagram fragt, sollten meine Tage in etwa so aussehen – denn die App definiert all diese Dinge als meine "Interessen". 

Instagram ist ein Ort, an dem man Fotos, Videos und Storys von Freunden und Fremden anschauen kann. Instagram ist aber auch eine Werbeplattform. Und damit die Werbung möglichst gut wirkt, wird sie personalisiert. 

Zu diesem Zweck erstellt die App ein Interessen-Profil von Nutzerinnen und Nutzern. Das enthält Themengebiete, Personen, Orte oder Stichworte, zu denen einer Person Werbung angezeigt werden könnte. 

Als Nutzer kann man sich ansehen, welche Interessen Instagram dort für das eigene Profil hinterlegt hat.

Genau das tun gerade viele Nutzerinnen – und wundern sich in Tweets und Insta-Storys über das, was dort steht.

Angestoßen hat das Ganze der US-amerikanische Journalist Eric Ginsburg – "teilt die lächerlichsten Ergebnisse", forderte er seine Followerinnen und Follower auf. Tausende antworteten ihm.