Türenknallen, laut lachen – irgendwie scheint alles ein Problem zu sein.

Laut, fröhlich und sorglos. So beschreibt Andres die Menschen in seiner Heimat Venezuela. Andres ist 18 und seit einem halben Jahr als Austauschschüler in Deutschland. Hier lebt er bei einer Gastfamilie in der Nähe von Köln und hat vier kleine Gastgeschwister. 

Ihm gefällt die Rolle als großer Bruder. Seine Gastgeschwister sprechen ein bisschen Spanisch und üben mit Andres Deutsch. Das klappt schon ziemlich gut, erzählt er.

Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

Die Deutschen seien offener als er erwartet habe. Das habe es ihm leicht gemacht, sich einzuleben, vor allem in der Schule, sagt Andres. Aber mit einer Sache eckt der Südamerikaner immer noch an: 

"In Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass jede meiner Bewegungen zu laut ist. Ich schließe die Tür zu laut, laufe zu laut und bin wahrscheinlich auch zu laut, wenn ich nur irgendwo rumstehe."

Sein Gastvater habe ihn schonmal ermahnt, weil er seine Zimmertür zu laut hatte zufallen lassen. Und wenn er mit seinen mexikanischen Freunden in Köln in der Bahn unterwegs sei, würden die Leute sie ständig angucken. "Wir lachen und reden laut, aber das gehört zu unserer Kultur. Wir zeigen so, dass es uns gut geht und es uns in dem Moment auch egal ist, was andere von uns denken", sagt Andres. 

In der Bahn hätten sie dafür schon böse Blicke geerntet. Bisher sei aber noch niemand unhöflich geworden oder habe sich beschwert. Trotzdem wundert sich Andres: 

"Ich finde es ziemlich merkwürdig, dass es in Deutschland die 'Ruhestörung' gibt und dass man hier die Polizei rufen kann, wenn der Nachbar zu laut feiert. In Venezuela würden die Polizisten nur laut darüber lachen."

Gilberto Rescher, Soziologe und Lateinamerikaforscher an der Universität Hamburg, kann Andres' Wahrnehmung gut nachvollziehen. Der Alltag und das gesellschaftliche Leben seien in Venezuela und Deutschland unterschiedlich organisiert, sagt er. 

In Lateinamerika fänden deutlich mehr Aktivitäten im öffentlichen Raum statt, wohingegen das Lautsein in Deutschland viel deutlicher an spezielle Orte und Zeiten gebunden sei. 

Er sagt:

"In beiden Ländern herrschen unterschiedliche Auffassungen darüber, was in privaten oder öffentlichen Räumen stattfinden soll oder auch darf."

Ein Beispiel sei der Vergleich zwischen dem deutschen und lateinamerikanischen Karneval:

"Hierzulande haben wir Karnevalsvereine, geschlossene Sitzungen, eine weitgehend klare Hierarchie, selbst im 'offenen' Straßenkarneval. Sie geben uns Strukturen vor, wie gefeiert wird; wann und wo wir laut sein dürfen."

So ähnlich sei es auch auf dem Schützenfest oder im Fußballstadion. Es gebe immer eigene soziale Räume und Grenzen, in denen es dann akzeptiert sei, laut zu sein. 

Das sei in Lateinamerika anders – dort sei Lautstärke ebenso wie das Feiern nicht an solch enge Grenzen gebunden. 

Diese Regeln habe die Gesellschaft mit der Zeit für sich entwickelt, sagt Rescher. Soziologen nennen sie auch 'kulturelle Codes'. Diese Codes gebe es für jedes Land, manchmal sogar für einzelne Regionen. "Sie strukturieren unseren Alltag und erleichtern uns viele Dinge“, sagt Rescher. 

Was zu laut ist, und was nicht, ist aber nicht nur in kulturellen Codes definiert. 

Der Schutz des Menschen vor Lärm und anderen Einflüssen – man nennt sie auch Immissionen – ist in Deutschland besonders umfassend auch gesetzlich geregelt: im Bundes-Immissionsschutzgesetz, ebenso in speziellen Landesgesetzen. 

"Es soll vor Nachteilen und Belästigungen durch Lärm schützen. Außerdem soll dadurch die Rücksicht gewahrt werden, die man gegenüber seinen Mitmenschen zeigen sollte“, sagt Carolin Conradt, Anwältin für Energie- und Umweltrecht. "Wir Deutschen mögen es gerne ruhig“, stellt wie Andres auch die Anwältin fest. 

Außerdem gehört in Deutschland das Recht auf die eigene körperliche Unversehrtheit zu den Persönlichkeitsrechten. Zu dieser Unversehrtheit gehört auch der Schutz vor zu lauten Geräuschen. 

Die Bedeutung dieser Persönlichkeitsrechte nehme mit dem Wohlstand unserer Gesellschaft sogar zu, sagt Michael Jäcker-Cüppers, Lärmforscher der Technischen Universität Berlin:

"Sind unsere Grundbedürfnisse gesichert, werden die Lebensbereiche für uns wichtiger, die wir selbst gestalten können." 

 

Und wenn andere laut sind, können wir das eben nicht besonders gut beeinflussen – es verletzt unser Gefühl von Selbstständigkeit. 

Die Grenzen dafür, wann etwas zu laut ist, hängen auch immer mit der Gesellschaft zusammen, in der man lebt, sagt Juristin Conradt. Auch die rechtliche Antwort auf die Frage, was zu laut ist, liege somit im kulturellen Hintergrund begründet. 

Und nicht alles, was laut ist, ist gleich Lärm: "Geräusche, die man mag, werden auch bei hoher Lautstärke als nicht störend empfunden. Erst wenn sie uns beeinträchtigen, spricht man von Lärm", sagt Conradt. 


Fühlen

"Du bist so dick, kein Mann findet dich attraktiv":"Menschen erzählen, was ihre Mütter ihnen gesagt haben
11 Tweets die zeigen, dass zwischen Mutter und Kind nicht immer alles einfach ist.

Mütter spielen im Leben meist eine besondere Rolle. Sie waren Feinde, wenn es früher ums Aufräumen, Feiern und um Taschengeld ging – aber auch die besten Freundinnen, wenn die erste großen Liebe zerbrach. 

Wir rieben uns an ihnen auf, diskutierten mit ihnen, suchten bei ihnen Unterstützung und Zuflucht

Doch manche Mütter setzten ihre Kinder auch unter Druck. Es ist nicht leicht, darüber zu sprechen – schließlich hat man häufig das Gefühl, ihnen viel zu verdanken und deshalb keine Kritik üben zu dürfen.

Bei Twitter erzählen zur Zeit unter dem Hashtag #SpruecheunsererMuetter Nutzerinnen und Nutzer von Sätzen, die ihre Mütter zu ihnen sagten – und die sie sehr bewegten.

Viele Tweets sind traurig und schockierend zugleich: