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Warum können wir uns nicht eingestehen, dass wir uns einfach mal berieseln lassen wollen?

Private Fernsehsender, Streamingdienste, aber auch die Öffentlichen-Rechtlichen mit dem Traumschiff oder der Helene Fischer-Show sind voller Formate, die vermeintlich ironisch geguckt werden. Ich selbst habe mir das eine Zeit lang eingeredet, auch Freundinnen und Bekannte haben häufig behauptet, Unterhaltungssendungen oder Fernsehfilme nicht ernsthaft zu gucken. Was auch immer das heißen sollte.  

Die ironische Haltung entstand bei mir wohl aus dem Gefühl, den Konsum vermeintlich anspruchsloser Sendungen rechtfertigen zu müssen. Ob vor mir oder anderen, ist erst einmal egal. Warum? Gibt es vielleicht ein Unbehagen, weil ich weiß, dass ich hier auf Kosten anderer lache? Möchte ich nicht, dass mein Umfeld mich mit auf Kamelpenissen rumkauenden Dschungelcampern assoziiert? Schütze ich mich durch die angebliche Ironie?

Dem Trash-TV-Konsum einen Sinn geben 

Das Dschungelcamp oder auch die Anti-Dating-Serie "Too Hot to Handle" leben von ihrer (teils unfreiwilligen) Komik. Dass mich diese Sendungen nur aufgrund genau dieser Komik unterhalten könnten, steht in scheinbarem Widerspruch zu meiner sonstigen Selbstwahrnehmung. Um diesen aufzulösen, rede ich mir ein, die Formate nicht wirklich gut zu finden, sondern auf einer zweiten Ebene damit umzugehen. Ihnen selbst einen Sinn zu geben, während Menschen auf dem Bildschirm mit Kakerlaken übergossen werden oder ihre halbnackten Körper lasziv aneinander reiben, ohne so richtig zur Sache kommen zu dürfen.

Tatsächlich denke ich aber nur: Bitte, bitte, macht was Dummes! 

Das Lachen über weniger privilegierte Menschen ist die billigste Art der Selbsterhebung. Man muss selbst gar nichts machen – es reicht, dass andere an der Nase durch den Trash-Zirkus gezogen werden. Aber genau dieses Herabschauen ist wenig schicklich, deshalb verstecken wir uns gerne hinter Ausreden. Wie ein guter Freund von mir, der nicht zum Ironie-Argument greift, sondern sagt, er verfolge das Dschungelcamp, um ein alljährliches Update über die deutsche B-Promi-Landschaft zu bekommen. Hat er deshalb auch den Bachelor geguckt? 

Besagter Freund und ich haben offenbar das Gefühl, für den Konsum von Trash-TV eine besonders gute Erklärung abliefern zu müssen. Weil es zu unserer Selbstwahrnehmung viel besser passen würde, nur das zu konsumieren, was klassischerweise als Hochkultur bezeichnet wird. Populärkultur dagegen nur mit Augenzwinkern. 

Smart, Bildungsbürger, Kafka- und Billie-Eilish-Fan

Aber ist diese Unterscheidung überhaupt noch zeitgemäß? Früher ließen sich die Geschmäcker der sozialen Schichten relativ eindeutig voneinander abgrenzen, zwischen Hoch- und Populärkultur gab es ein klares Gefälle. Seit einigen Jahren werden die Grenzen allerdings immer fließender, der Konsum von leichter zugänglichen Kulturgütern (Trash-TV, Hollywood-Kino, Radio-Pop) gibt eigentlich keinen Aufschluss mehr über Einkommen und Bildungsstand (Researchgate). Stattdessen gehört es mittlerweile zum bildungsbürgerlichen Repertoire, sich sicher in der Populärkultur zu bewegen. Schwer vorstellbar, dass ein junger Mensch zwar Kafka-Texte auswendig kennt, aber nicht weiß, wer Billie Eilish ist. Aber diese Entwicklung passierte eben nur in die eine Richtung: Nicht jeder junge Mensch, der weiß, wer Billie Eilish ist, zitiert auch Kafka-Texte.

Allein die Unterscheidung zwischen Populär- und Hochkultur hat außerdem immer etwas Elitäres. Dem Begriff der Hochkultur wohnt die gleiche Anmaßung inne wie dem ironischen Konsum von Trash-TV: Ich als Bildungsbürger bin smarter. Ich verstehe das, was ihr mögt, andersrum checkt ihr aber gar nichts. Ich schaue mir jetzt das Dschungelcamp an, aber kann dann auch wieder zurück zu meinen Arthouse-Filmen, natürlich im Original, mit Untertiteln.

Und diese Anmaßung ist gleich eine doppelte: Einerseits möchten wir uns abheben von den Menschen, die die Formate vermeintlich eindimensional schauen, andererseits machen wir uns über die Menschen lustig, die in den Sendungen auftreten.

Neben der sozialen Selbsterhöhung gibt es noch eine weitere mögliche Erklärung für meine vermeintlich ironische Haltung zu Trash-TV: Sie soll einfach vertuschen, dass ich in Wirklichkeit überhaupt nichts daraus ziehe – und das verbietet das Diktat der Selbstoptimierung. Wenn die Laufhose ausgezogen, die Yogamatte zusammengerollt und der Sauerteig versorgt ist, ruht der Körper und der Geist ist gefragt. Dank Blinkist-App könnte ich jetzt in einer Viertelstunde durch die Philosophie der Neuzeit pflügen. Stattdessen mache ich das Privatfernsehen an und lasse mich einfach unterhalten.

Ironische Distanz erschwert einen genaueren Blick auf die Dinge

Letztlich ist es doch so: Die Behauptung, Trash-TV ironisch zu gucken, ist ein Stunt. Banaler bis voyeuristischer Konsum wird zu einem geistigen Kraftakt hochgejazzt, um der Tatsache, dass man in Jogginghose Chips vor dem Fernseher in sich hineinstopft, irgendeinen Sinn zu geben.

Der slowenische Philosophie-Superstar Slavoj Zizek schrieb, dass ironische Distanz häufig mit einer subversiven, also widerständigen Haltung verwechselt werde. In Wirklichkeit könnten wir aber das, was wir nicht ernst nehmen, nicht kritisieren. Ironische Distanz ermögliche für ihn keinen genaueren Blick, sondern erschwere gerade, dass wir Dinge in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen betrachten. 

So können wir dann ignorieren, dass wir nicht mit allem einverstanden sind – es ist uns einfach egal. Das Argument widerspricht der falschen Annahme, dass wir uns über Dinge erheben können, indem wir uns ironisch von ihnen distanzieren.

Aber es gibt auch Befürworter der Ironie: Sie sagen, die Ironie ermögliche es uns, eine Distanz zu unseren Bedürfnissen und Haltungen einzunehmen. Matthias Kalle sprach sich in einem Artikel bei ZEIT-ONLINE genau deshalb für mehr Ironie aus. Sein Argument: Wir nehmen uns alle selbst zu ernst, die Ironie könne helfen, uns selbst zu hinterfragen und freiere Menschen zu werden. Denn unser Ernst führt dazu, dass alles einen Sinn ergeben muss.

Deshalb sollten wir Trash-TV ernst nehmen, uns selbst aber nicht immer. Gerade machen wir es genau andersherum. Warum sonst können wir uns nicht eingestehen, dass wir uns einfach mal berieseln lassen wollen? 

Daneben sollten wir Abstand nehmen und fragen, warum wir uns über andere Menschen lustig machen. Das, was wir dabei erfahren, mag unangenehm sein. Aber genau hier liegt womöglich die Kraft der Ironie: Sie deckt Widersprüche auf. Und widersprüchlich sind wir alle. Wir fliegen in den Urlaub, obwohl wir an Klima-Streiks teilnehmen. Wir kaufen Kleidung aus Niedriglohnländern, während wir uns für einen europäischen Mindestlohn aussprechen. Vieles kann man nicht miteinander vereinen, wir versuchen es aber krampfhaft – weil wir uns selbst viel zu ernst nehmen. Stattdessen sollten wir diese Widersprüche anerkennen und aushalten. Das heißt nicht, dass sie uns egal sein sollten, ganz im Gegenteil. Aber um mit ihnen umgehen zu können, müssen wir sie zuerst bemerken.


Gerechtigkeit

Kampf gegen anti-asiatischen Rassismus: "Wir alle haben es satt, dass Leute über uns reden und nicht mit uns"
bento stellt drei Menschen vor, die sich in Projekten und Vereinen gegen Alltagsrassismus engagieren.

Für asiatisch aussehende Menschen, die in Deutschland leben, gehören Kommentare wie "Ching Chang Chong" oder beliebige Zurufe von fremden Personen auf der Straße wie "konnichiwa" oder "ni hao" zum Alltag – leider. Seit das Coronavirus Anfang des Jahres auch Deutschland erreicht hat, tritt anti-asiatischer Rassismus noch offener zutage – in Form von Beleidigungen, Drohungen und körperlichen Angriffen. Die Amadeo Antonio Stiftung dokumentiert hierzu auf ihrer Plattform Belltower.News in den sozialen Netzwerken und in Medien bekanntgewordene Vorfälle.

Aber anders als bei der deutsch-türkischen Community, die sich in Verbänden, Vereinen und Gemeinden selbst organisiert und ihre Interessen dadurch stärker im öffentlichen Diskurs vertritt, waren beispielsweise vietnamesische Verbände und Stimmen in Deutschland bislang kaum hör- oder sichtbar.

Daran ändert sich gerade etwas: Immer mehr junge Menschen mit asiatischem Background vernetzen sich, werden auf Twitter, Instagram und Facebook laut. Podcasts wie Rice and Shine, Diaspor.Asia und Bin ich Süßsauer? wollen Bewusstsein für migrantische Perspektiven schaffen. Akteurinnen wie Nhi Le, Liya Yu und Victoria Kure-Wu kritisieren öffentlich rassistische Vorfälle, lassen sich nichts mehr gefallen, auch keine schlechten Witze von Prominenten, wie etwa von Franziska van Almsick oder Jan Böhmermann. Es entstehen neue Projekte wie das digitale Netzwerk "IchbinkeinVirus" oder die medienkritische Website Corona-Rassismus vom Verein "Korientation".  

Aber was führte dazu, dass sich das Bewusstsein gerade ändert? Was genau wollen junge Menschen mit diesen Projekten erreichen? Welche Rolle spielen ihre persönlichen Erfahrungen? Wir haben mit drei von ihnen über diese Fragen gesprochen. 

Thuy-Tien Nguyen, 25, aus Köln, ist für das Medienkritik-Projekt "Corona-Rassismus in den Medien" bei "Korientation e.V." zuständig

Thuy-Tien arbeitet freiberuflich als Bewegungspädagogin und studiert auf Lehramt. Bei "Korientation" dokumentiert sie problematische Medienberichte. Der Verein ist eine migrantische Selbstorganisation und ein Netzwerk für asiatisch-deutsche Perspektiven.