Besuche bei meinen Freundinnen in den Dreißigern sind wie Kaffeetrinken mit den Eltern, nur mit mehr Alkohol. Für begrenzte Zeit kann ich das Schneckenhaus der spätpubertären Selbstfindung verlassen, in der sich die Probleme in der Regel um schlecht zitierte Masterarbeiten, das richtige Facebook-Profilfoto oder den leeren Geldbeutel drehen.

Kaputte Geschirrspüler weichen organisiertem Wohlbefinden. Ein Paradies mit Schaukelstuhl und Bio-Obst, das temporär aufgesucht werden kann, um den Großstadt-Akku aufzuladen.

Während meine jüngeren und gleichaltrigen Freunde noch über die secret location munkeln, freue ich mich auf die Auszeit unter richtigen Erwachsenen. Wenn ich nicht da bin, machen sie Sport und lesen Zeitung.

Obwohl man theoretisch mit dem 18. Geburtstag volljährig wird, dauert die "Phase des jungen Erwachsenenalters" mittlerweile bis Mitte zwanzig an, so Entwicklungspsychologin Laura Berk. Sie ist Professorin an der Illinois State University und beschäftigt sich seit Jahren mit Prozessen der menschlichen Entwicklung.

Nur, weil man die Adoleszenz gemeistert hat, sei man nicht unbedingt bereit, allen Verpflichtungen eines Erwachsenen nachzugehen – und sich ab heute leidenschaftlich für Couscous-Salate und Blumenarrangements zu interessieren.

(Bild: giphy.com )

Die für uns typische "Phase des jungen Erwachsenenalters" sei auf eine kulturbedingte Veränderung zurückzuführen. Wir bilden uns immer länger und benötigen für bestimmte Berufe eine umfassendere Ausbildung. Dadurch zögert sich der Eintritt ins Berufsleben – und damit auch das Erwachsenwerden – hinaus.

In Schwellenländern wie China sei diese Phase deutlich kürzer, schreibt Berk – genauso wie in traditionellen nichtwestlichen Ländern, wo die Mehrheit der jungen Menschen über knappe wirtschaftliche Ressourcen verfügt. Weniger Bildung steht im Zusammenhang mit einer früheren Hochzeit und tendenziell mehr Kindern.

Wo wir schon dabei sind: Kinder? Möchte ich das? Und: Wie lebt es sich eigentlich verheiratet?

Während man selbst Kind ist, kann man die Verhaltensweisen der eigenen Eltern kaum mit Distanz betrachten. Heute bin ich ganz verliebt in die Töchter meiner Freundin.

Entgegen aller medialen Narrativa ist das Leben der Dreißigjährigen, die ich jetzt kenne, nicht vorbei. Mir wird bewusst, wie sehr ich von Frauenzeitschriften geblendet war, die mir das Bild der frustrierten Single-Dreißigerin ins Gedächtnis implantierten.

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Nicht mal Carrie Bradshaws Sexleben konnte mich überzeugen, ich musste meine Vorbilder erst in real life kennenlernen: Sie sind Single und fabelhaft, vergeben und wundervoll. Mit oder ohne Kindern.

Es ist inspirierend von Menschen umgeben zu sein, die sich entschieden haben – für eine Möglichkeit, und ein Stück weit gegen die andere. Es sind Optionen, die ich unterbewusst durchspiele, wenn ich sie live vor mir habe.

Zimmerpflanzen ja/nein? Katzen oder Kinder? Vielleicht ein Badezimmer – mit Fenster?

Wenn man selbst zu der Sorte Mensch gehört, die sich nicht auf eines von zwei Mittagsmenüs festlegen kann, kann das auf Dauer ganz schön anstrengend sein. Die Zerrissenheit, das Heimweh, die Unbeständigkeit eines unvorhersehbaren Lebens haben meine älteren Freundinnen Jahre vor mir kennengelernt.

Sie sind die älteren Schwestern, die ich nie hatte

Diese Freundinnen haben Jobs in Paris abgebrochen, weil sie keine Lust auf schlecht bezahltes Rumsitzen hatten. Sie sind mit dem letzten Lohn nach Amerika und mit dem Bus Richtung nirgendwo. Sie sind von der Kleinstadt in die Großstadt geflüchtet – und wieder zurück.

Akzeptanz heißt weder keine Träume mehr zu haben, noch jedes Jahr von vorne anzufangen.

Gerade beim Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen finden wichtige Statusveränderungen statt. Man verlässt nicht nur die Schule, fängt an zu arbeiten oder zu studieren, sondern zimmert sich ganz nebenbei eine eigene Existenz aus Ikea-Mobiliar und politischer Haltung zusammen.

Das scheinbar oberste Ziel: sich mit einer gesicherten beruflichen und sozialen Existenz einen Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten. Natürlich ist der Werdegang eines jeden von den individuellen Entscheidungen als auch von den zur Wahl stehenden Möglichkeiten abhängig.

So wunderbar die Jugend auch ist, sie belastet. Das wusste bereits Aristoteles. In seiner Schrift zum Bild des Alters schreibt der Philosoph, dass Affekte bei jungen Menschen grundsätzlich im Übermaß ausgeprägt sind und noch nicht ausreichend von der Vernunft kontrolliert werden.

Junge Menschen sind stark von ihren Begierden gelenkt, was sich in Launenhaftigkeit und Unbeherrschtheit ausdrückt. Sie neigen zu impulsivem Verhalten und Jähzorn, das durch Ehrgeiz und dem Streben nach Ehre verstärkt wird.

Sie lieben zu sehr, sie hassen zu sehr, und auch alles übrige tun sie ebenso. Sie bilden sich ein, alles zu wissen, und beteuern das auch noch; das ist ja die Ursache dafür, daß sie alles im Übermaß tun.
Aristoteles

Nach Aristoteles stehen Erwachsene im Leben, charakterliche Extreme sind gemildert und sie verstehen, "das richtige Maß" zu halten. So sind sie weder tollkühn, noch feige, weder leichtgläubig noch misstrauisch – sondern urteilen realistisch.

Sie sind mir voraus

Und das ist gut so. Irgendwie fände ich es traurig, könnte ich keinen Unterschied bemerken. Es würde Stillstand bedeuten.

Wenn ich meine Freundinnen sehe, weiß ich, wo ich hin – und wie ich sein möchte. Bedachter, reflektierter, entspannter. Um sich letztlich mit dem zufrieden geben zu können, was man hat, ist nicht nur das Altern alleine nötig. Sondern auch Charakterbildung.

Erfreuliches Altern ruht vor allem auf früheren Taten; Ansehen sowie privater und beruflicher Erfolg sind mehr als reine Eigenleistung, sondern auch von äußeren Faktoren abhängig.

Welch herrliches Geschenk des Lebens, wenn es uns wirklich das nimmt, was in der Jugend die schlimmste Quelle des Lasters ist!
Cato über das Altern

Meine Freundinnen sind zu greifbaren Future-Mes geworden, die näher an meiner Lebenswelt dran sind als es Schauspielerinnen auf Magazin-Covern jemals sein könnten.

Sie vermeiden weise Sätze ("Wenn du erst einmal so alt bist wie ich, wirst du alles locker sehen!"), die zwar gut gemeint, aber meist lebensfern sind ("Wir hatten es nicht so gut wie ihr!") und geben stattdessen ihre gerade erst durchlebten Zwanziger in einer kommentierten Version an Jüngere weiter.

Natürlich waren da Fehler dabei. Es ist mir auch bewusst, dass nicht jeder in seinen Dreißigern auf ein gelungenes Leben zurückblicken kann. Ich habe einfach Glück gehabt, genau diese Menschen zu treffen – und dabei etwas von ihnen zu lernen.

Im Gegenzug liefere ich ihnen Fauxpas aus dem Alltag einer jungen Frau, die sehr viel möchte, aber nicht immer genau weiß, was.


Art

Das ist die ekligste Sehenswürdigkeit der Welt
Und sie ist so hübsch!

Durchgekaute Kaugummis findet eigentlich niemand gut. Wie oft haben wir unter die Schulbank gegriffen und unsere Finger auf einer halbstarren, kalten Masse wiedergefunden? Oder sind versehentlich in einen reingetreten, Schmatz. Doch es gibt einen Ort, an dem vollgespeichelte Kaugummis ihre Berechtigung haben. Mehr noch, an dem sie gewünscht und gewürdigt werden: an der "Gum Wall" von Seattle.