"Wetten, das war’s..?"

"Heute geht es um mein Ende. Es wird eine meiner letzten Sendungen sein."

Auch wenn ich eigentlich eher lakonisch veranlagt bin und nicht auf den großen Pathos des Showgeschäfts stehe, lassen mich die Worte, mit denen Frank Elstner sein Interview mit Jan Böhmermann beginnt, mit einem dicken Kloß im Hals zurück. 

"Hier sitzen zwei Leute am Tisch. Einer, der sich langsam von seinem Publikum verabschiedet, und der andere, der mitten im Leben steht...", legt Elstner vor der Kulisse des altehrwürdigen Kölner Theaters "Senftöpfchen" nach. Das rührt auch Böhmermann fast zu Tränen. Er nimmt einen großen Schluck Wasser.

Am Mittwoch gab Frank Elstner in einem großen "Zeit"-Artikel bekannt, dass er vor drei Jahren eine Parkinson-Diagnose erhielt.

Bis jetzt wussten nur seine Familie und engste Vertraute davon. Nun trat er an die Öffentlichkeit und macht sich mit einer auf Youtube ausgestrahlten Interview-Reihe auf Abschiedstour. (Zeit) "Wetten, das war's..?" nennt er sie und verspricht Gespräche, "die Sie vielleicht so nicht erwartet hätten." Wie Recht er damit hat.

Frank Elstner stellt in dem 50 Minuten langen Talk mit Jan Böhmermann Fragen, die sich andere Interviewer wohl nicht trauen würden. Ob es um Böhmermanns Privatleben, um Erdogan oder das Showbusiness geht: Er fragt ruhig und mit Humor, in fast väterlicher Manier. Und Böhmermann antwortet. So ernst und ehrlich, wie man es in der Öffentlichkeit eigentlich nicht von ihm gewohnt ist.

Während ich das Interview gucke, bin ich überrascht, wie sehr mich das ganze mitnimmt.

Ich muss daran denken, wer Frank Elstner für mich ist – wie er mich als Konstante durch meine Kindheit begleitet hat. 

Das erste Mal sah ich ihn bei "Verstehen Sie Spaß?". Von 2002 bis 2009 moderierte er insgesamt 43 Sendungen. Er schaffte das, was heute fast keinem Fernsehmoderator mehr gelingt: Verschiedende Generationen zusammen auf das Sofa zu bringen. Lief samstags "Verstehen Sie Spaß?", herrschte Ausnahmezustand in meiner Familie. Es wurde vor dem Fernseher gegessen und ich durfte lange aufbleiben. Für meine Großeltern war Elstner der jung gebliebene Kumpel-Typ, für meinen Vater der lustige Onkel und für mich der Opa, den ich gerne noch dazu gehabt hätte.

Grade weil man bei Elstner wusste, was man bekommt, war er wahrscheinlich so populär. Schaltete man eine Unterhaltungssendung mit ihm an, war klar: Jetzt gibt es die nächsten drei Stunden heile Welt, lustige Witze und interessante Gespräche. Ich habe ihn als den großen Showmaster wahrgenommen. Mit dieser Beschreibung tue ich ihm aber wahrscheinlich Unrecht. In seiner Karriere moderierte er nämlich über 25 Formate. Darunter auch eine Porträt-Reihe über Nobelpreissieger, Reisedokumentationen und eine naturwissenschaftliche Show. Und dann gibt es ja auch noch den Privatmensch Frank Elstner, der nach einer Krankheit seit seinem 20 Lebensjahr ein Glasauge trägt und der eigentlich Timm und gar nicht Frank heißt.

Frank Elstner und Jan Böhmermann sind beide TV-epochale Stilvorbilder und trotzdem so verschieden.

Er beneide Böhmermann manchmal darum, dass Moderatoren heute frech sein dürften, sagt Elstner, in seiner Generation habe man mehr "Everybodys Darling" sein müssen. Es klingt ein Wunsch darin an, manchmal vielleicht auch "frecher" zu sein. Und ein Teil von mir hätte diesen Frank Elstner gern kennengelernt, den vorlauteren, den rücksichtsloseren, der er vielleicht auch hätte werden können – hätte seine Karriere in einer anderen Zeit stattgefunden. Denn wie Böhmermann so treffend sagt: Als Elstner Ende der Sechzigerjahre begann, im Fernsehen aufzutreten, habe es nur wenige Sender und damit eine begrenzte Möglichkeit gegeben, viele Menschen zu erreichen. Er musste in seinen Shows einen großen, gesellschaftlichen Konsens herstellen

Böhmermann, der 2003 beschloss, sein Geld in der Unterhaltungsbranche zu verdienen, sagt, dass die heutige Medienlandschaft ihm erlaube, mehr bei sich selbst zu sein, da es wesentlich mehr Publikationskanäle gäbe und man eine spezifische Zielgruppe besser ansprechen könne. Trotzdem sei seine Showpersönlichkeit eine Puppe, die wenig mit ihm selbst zu tun habe. 

Showpersönlichkeit Böhmermann balanciert in meiner Wahrnehmung auf einem Drahtseil zwischen Narzissmus, Geltungsdrang und Genialität. Eben wie es die Kimmels, Fallons und Lenos dieser Welt auch tun.

Elstner wirkt für mich hingegen immer so, als ob er jemand ist, der seine Gäste in den Vordergrund stellt. Auf die Frage, warum er "Wetten, dass..." erfunden habe, sagt er im Gespräch mit Böhmermann: "Ich wollte, dass ein Ottonormalverbraucher einmal in seinem Leben ein Erlebnis hat, was so einmalig ist, dass er es nie vergessen wird." Genau dieser zurückhaltende, aber doch bestimmte Stil, macht ihn am Ende so einzigartig und angenehm für den Zuschauer.

Und zum Glück ist damit noch nicht Schluss.

Ein 77-Jähriger, der an einer Krankheit leidet, die in absehbarer Zeit wohl sein Leben extrem einschränken wird, hat doch eigentlich Besseres zu tun, als ein Youtube-Format zu entwickeln, dachte ich, als ich von der Show erfuhr. Doch Frank Elstner möchte nicht, dass die Krankheit von ihm Besitz ergreift. "Warum soll ich den jetzt reinlassen und sagen: Mach mit mir, was du willst? (...) Dann zittere ich halt." Jedes Jahr, das jetzt noch dazukomme, sei ein Bonusjahr für ihn.

Am Ende des Gesprächs fragt Böhmermann ihn "Was haben Sie Deutschland hinterlassen?" Elstner entgegnet, dass er zum ersten Mal Dinge ausprobierte, die damals verpöhnt waren. Wirklich stolz sei er jedoch nicht nur auf seine Unterhaltungssendungen, sondern auf seine 138-teilige Reihe "Die stillen Stars", in der er verschiedenste Nobelpreisträger porträtierte.

Wieder ein Format, bei der andere im Mittelpunkt stehen. Wie auch jetzt, bei seiner Abschiedstournee, bei der es hauptsächlich um den Gast geht (zumindest in dieser ersten Folge).

Auch wenn es altmodisch klingt, wünsche ich mir nach dieser Sendung, dass die Menschen meiner Generation mehr von dieser Haltung bewahren würden: anderen den Vortritt lassen und genau daraus ein Lebenswerk zu schaffen. Denn vielleicht hat Elstner manchmal darunter gelitten, immer "Everybodys Darling" sein zu müssen. Und vielleicht sieht er seine Unterhaltungsshows nicht als seine größte Leistung. Aber für mich ist er so zu einem Vorbild geworden. Und deshalb freue ich mich auf alle weiteren Folgen "Wetten, das war's..?" – auch wenn mich wohl ich bei jeder zusammenreißen muss, nicht zu weinen.


Queer

Wie lesbische Paare von Kinderwunsch-Kliniken benachteiligt werden
Häufig weigern sich deutsche Kliniken, lesbische Paare künstlich zu befruchten.

Alina und Paula gehören zusammen, das soll jeder sehen. 

Deswegen hat Paula als Facebook-Profilbild ein Foto von ihrer Hochzeit ausgesucht: Sie trägt darauf einen weißen Anzug, Alina ein weißes Brautkleid mit Schleier. Sie sind am Strand, halten Händchen und strahlen in die Kamera. Sie sind verliebt, glücklich. Doch etwas fehlt ihnen noch zum perfekten Glück: ein eigenes Kind

Schon lange träumen Alina und Paula von Nachwuchs. 

"Von Anfang an waren wir sehr eng miteinander. Es gab Wetten, wann wir Kinder bekommen", erinnert sich Paula lachend. Seit sechs Jahren sind die beiden ein Paar. Und seit dem letztem Jahr versuchen sie aktiv, sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Es wurden Monate der Diskriminierung, der Absagen und der Verzweiflung

Denn der Weg zum Babyglück ist für lesbische Paare in Deutschland sehr steinig. "Es sollen mehr Leute wissen, was lesbische Frauen in Deutschland erleben müssen", erzählt Paula am Telefon. Eigentlich heißt sie anders. Sie will anonym bleiben, ihre Eltern wissen noch nichts davon, dass sie gerade versuchen, ein Kind zu bekommen. "Du weißt ja, wie Eltern sind. Dann kommt ständig: 'Und hat's geklappt? Hat's funktioniert?' Wir wollten nicht noch mehr Druck und Stress."

Denn Stress haben sie gerade genug. 

Dabei scheint doch alles so klar zu sein. Alina möchte das Kind unbedingt austragen. Mit 28 Jahren ist sie ein bisschen jünger als Paula, das erhöht die Chancen einer Schwangerschaft. Schon seit Monaten bereitet sie ihren Körper darauf vor, verzichtet auf Koffein und Alkohol – alles für das Kind. Und Alina will über eine künstliche Befruchtung schwanger werden, mit Hilfe einer Samenspende

Paula und Alina suchen also nach Kliniken in ihrer Nähe, kontaktieren sie und gehen zu Infoveranstaltungen. Sie sind guter Dinge und aufgeregt. Doch es hagelt Absagen, Absagen, Absagen. Manchmal sind sie freundlich, manchmal gibt es neutrale Standardantworten und manchmal bekommen beide Mails, die regelrecht hasserfüllt sind.