Bild: Philipp Hannappel

Alleine. Das klingt schon traurig: "Ohne die Anwesenheit anderer, getrennt von anderen, ohne Gesellschaft, für sich", so steht es im Duden. Alleinsein klingt wie ein Zustand, der einem aufgezwungen wird, nicht etwas, wofür man sich entscheidet.  

Ich sehe das anders. 

Klar, in Gesellschaft ist vieles einfacher. Wenn die Freundin auf dem Weg ins Auslandssemester im Flugzeug neben einem sitzt, fühlt sich das Zurücklassen von Familie, Freunden und Heimat nicht ganz so schlimm an – denn man kann sich dem, was kommt, zu zweit stellen. 

Es ist auch einfacher im ersten Semester "Einführung in wissenschaftliches Arbeiten" mit jemandem Vertrauten an der Seite zu belegen – jemand, der auch nicht kapiert, was ein Modul ist und nicht weiß, wofür ECTS steht. 

"Einfach" ist aber nicht das Kriterium, nach dem ich meine Entscheidungen treffen möchte. Ich möchte, dass meine Entscheidungen mich weiterbringen, herausfordern. 

(Bild: Pixabay)
Und ich finde es ok, auch mal zu scheitern.

Darum melde ich mich an der Uni für Referatsthemen, die mich sehr interessieren, bei denen ich aber weiß, sie werden mich bei der Vorbereitung zur Verzweiflung bringen. Oder schreibe über Themen, die mir eigentlich unangenehm sind, persönliche Themen, wie dieses hier.

Früher war das anders. Ich war im Auslandssemester mit Marie. Und wir haben auch zusammen herausgefunden, was es mit den Modulen auf sich hat. Es war einfacher auf diese Art. 

Ich glaube nicht, dass man autark sein und sich selbst genügen muss, dass man andere Menschen nicht braucht. 

Aber ich glaube, dass man alleine verantwortlich für sein Leben und seine Entscheidungen ist. 

Darum habe ich angefangen, Dinge alleine zu tun. Diese vier haben mich vor allem weitergebracht: 

1. In eine neue Stadt ziehen.

Als ich in Hamburg ankam, kannte ich niemanden. Mit meiner Mutter und dem Kombi bis oben gefüllt mit meinem Leben kam ich nach einer achtstündigen Fahrt aus Süddeutschland in einer leeren Wohnung an. 

Sie blieb fast eine Woche bei mir, wir kauften Möbel, schlossen Internet- und Stromverträge ab. Dann fuhr sie ohne mich wieder in die Heimat zurück und ich lief die drei Stockwerke hoch zu meiner Wohnung und meinem neuen Leben.

Ich wartete auf irgendein Gefühl. 

Heimweh, Einsamkeit, Panik, Leere, Heimatgefühl. Sie kamen alle an diesem Abend noch. Bis auf das Heimatgefühl, das kam später. Als ich an der Uni die ersten netten Menschen kennenlernte und sie Monate später Freunde nannte. Als ich herausgefunden hatte, wo es gute heiße Schokolade gibt und die Wege ohne Google Maps fand. Als ich mir Stück für Stück etwas aufgebaut hatte, das meins war.

Ich glaube, es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Leben, an dem Ort, an dem man aufgewachsen ist, und dem Leben alleine in einer neuen Stadt: Daheim sind die Freunde, Familie, Cafés, Orte, die immer schon da waren. In der neuen Stadt ist erst einmal gar nichts. Und alles, was dann kommt, hat man sich selbst ausgesucht. 

Heute bin ich offener als vor zwei Jahren, als ich ankam. Ich habe gelernt, Leuten, Städten, Dingen unvoreingenommener zu begegnen. Sie auf mich wirken zu lassen. Und die Momente, in denen ich den Drang verspüre, alles hinzuschmeißen, auszuhalten und einfach vorbeigehen zu lassen. 

Diese Erfahrung hat mich selbstsicherer gemacht, ich verzweifle nicht mehr gleich an mir. Weil ich weiß, ich kann alleine losziehen – und komme klar.  

2. Alleine wohnen.

Als ich aus meinem Elternhaus direkt in die erste eigene Wohnung zog, fühlte ich mich erst einmal ziemlich unvollständig. Weil alles, das sonst immer ganz selbstverständlich da war, jetzt fehlte. Dinge wie Scheren. Schuhputzmittel. Vasen. Ein voller Kühlschrank. Und meine Familie.

Man lernt viel über sich, wenn man einen eigenen Haushalt strukturieren muss. 

Wenn die Entscheidung fällt, wo man den Taschentüchervorrat bunkern soll (in einer Kiste auf dem Küchenschrank, denn offenbar benutze ich gar keine Taschentücher), wie man den Kühlschrank strukturieren möchte (gar nicht) oder wenn man selbst eine Lösung finden muss, wenn zum ersten Mal überraschenderweise das Klopapier ausgeht (unangenehm). 

Man lernt, diesen Moment auszuhalten, wenn man nach dem Abendessen alleine auf dem Sofa sitzt. Man lernt, das Alleinsein zu genießen. 

Heute kann ich meine Zeit besser einteilen, durchdacht meine Einkäufe machen und etwas Genießbares kochen. Ich kann mich selbst organisieren, planen, mir mein Geld über den Monat einteilen. Und es fühlt sich gut an. 

3. Single sein.

Als ich 24 war, war ich praktisch zum ersten Mal Single. Alleine. Ich hatte bis dahin zwei lange Beziehungen geführt. Da war immer diese Person, die mir abends noch "Gute Nacht" gewünscht hat. Jemand, der mich – nur mich – liebt, wenn ich mich selbst nicht mag. Der zu mir gehört und zu dem ich gehöre, der ein "eins" mit mir bildet: Wenn ich ausfalle, kann er einspringen. 

Ich glaube, man kann sich erst richtig kennen lernen, wenn man diesen Anker auch mal lichtet und sich treiben lässt. Sich einfach mal destabilisiert. Wenn da niemand ist, auf den man sich beziehen kann oder den man mitdenken muss. 

Wenn man einfach mal niemanden liebt. 

Dann geht es plötzlich nur noch um die Frage: Was möchte ich eigentlich? 

Vor allem am Anfang war ich oft überfordert mit dieser Frage. Ich wollte mich gar nicht so sehr mit mir auseinandersetzen, weil es anstrengend ist und manchmal auch weh tut, sich selbst zu durchschauen. Heute weiß ich sehr viel besser, was ich will und was ich nicht will. Das gibt mir mehr Stabilität als die Beziehungen, die ich geführt habe. 

Ich bin gerne mit mir allein. Ich bin ganz, auch ohne Partner. Was nicht heißt, dass es nicht nett wäre, einen zu haben. Aber ich genüge mir.

4. Ich habe alleine entschieden, was ich mit meinem Leben machen möchte.

Ich habe schon in der Grundschule in Freundschaftsbücher geschrieben, dass ich einmal Schriftstellerin werden möchte. Irgendwann wurde Journalistin daraus. 

"Da verdient man doch nichts."

"Da gibt’s doch keine Jobs."

Beides gute Argumente. Trotzdem hätte ich mir lieber ein "Probier’s" gewünscht. Anstatt mich auf Volontariate oder den Studiengang Journalismus zu bewerben, studierte ich Medienwissenschaften, belegte PR- und Werbe-Seminare, die mich nicht interessierten. 

Und dann habe ich doch ein Praktikum bei einer Lokalzeitung gemacht und hatte sehr viel Spaß daran, die Geschichten von Künstlern, Kleinkriminellen und anderen ganz normalen Leuten für 30 Euro pro Artikel aufzuschreiben (zumindest mit dieser Bezahlung hatten sie also recht). 

Die Erwartungen und Hoffnungen anderer – vor allem von Menschen, die einem nahe stehen – beeinflussen uns. Damit können sie einen aber von dem wegtreiben, was man eigentlich möchte. Sie wollen das Beste für uns und glauben oft zu wissen, was das ist. Ich denke aber, dass man das selbst entscheiden sollte. 

In welcher Stadt man leben möchte, welchen Beruf man wählen möchte, wie viel Sicherheit man im Leben braucht, wie viel Unsicherheit man ertragen kann. 

Wer soll das über mich wissen, wenn nicht ich? Das mag selbstverständlich klingen – ist es aber nicht. Für mich war es das nicht. Ich glaube, man kann Dinge alleine tun, um sich einer unmittelbaren Angst zu stellen. Eine Art Mutprobe. 

Und man kann Dinge alleine tun und sich einer ganz großen Angst stellen: Wenn ich alleine Entscheidungen treffe, bin ich auch alleine verantwortlich, wenn alles schief geht. 

Heute arbeite ich als Journalistin und glaube, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. 

Ich habe diese Entscheidung alleine getroffen, ich habe mich an meinen Interessen und Gefühlen orientiert und nicht an den Erwartungen anderer. 

Vor allem aber lastet die Verantwortung, möglicherweise falsche Entscheidungen zu treffen, heute nicht mehr so schwer auf mir. Im Gegenteil, ich schätze sie und habe gelernt, sie als Chance zu sehen. Sie macht mir deutlich, dass ich immer genau so selbstbestimmt bin, wie ich es sein will. 

Noch mehr Alleinsein?


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